Nimm Dir Zeit - Komm später wieder

Ralph Graves, ein Reporter und späterer Herausgeber von Life, erinnerte sich 1984, wie er 1948 Andreas Feininger zwei Wochen lang für sein berühmtes Bild Brooklyn Bridge im Nebel begleitete. Graves hielt dies anfangs für ein leichtes, "denn immerhin konnte die Brücke ja nicht weglaufen [...] sie war berühmt für ihre Schönheit und ihren ästhetischen Reiz, und man musste zwangsläufig schöne Bilder von ihr machen." Die beiden Life–Mitarbeiter stiegen, mit 30kg Fotoausrüstung beladen,, auf unzählige Häuserdächer, um die optimale Perspektive und Lichtbedingungen zu studieren. Graves schreibt: ich schlug vor, vielleicht darauf zu verzichten, die gesamte Ausrüstung mit uns herumzuschleppen, solange wir nach einem Standort suchten. Nein, erklärte Feininger. Es könnte ja sein, dass wir genau die richtige Stelle zu genau der richtigen Tageszeit bei idealen Lichtverhältnissen, idealem Wetter und vielleicht sogar mit dem idealen, flussabwärts treibenden Boot finden würden; und dann müssten wir ausgerüstet sein.

Mit der gleichen Kompromisslosigkeit wartete Andreas Feininger 1940 etwa 8 Monate, bis er seine Bildidee realisieren konnte, den Finanzdistrikt in Downtown Manhattan bei Dunkelheit mit voll erleuchteten Hochhäusern zu fotografieren. "Nachtaufnahmen wie diesen können nur im Winter gemacht werden, da im Sommer der Dienstschluss vor Einbruch der Dunkelheit liegt" kommentierte er in einer späteren Buchveröffentlichung.

Angelika Beckmann in Feininger – Vater und Söhne, Ostfildern-Ruit 2001

Wie schön wird hier der alte Satz vom Genie illustriert: 5% Inspiration, und 95% Transpiration.

Ein Rat an den Einsteiger: Fangen sie nicht mit Porträt und Akt an. Das sind zwar die reizvollsten, aber auch die schwierigsten Gebiete der Fotografie. Enttäuschungen sind da programmiert. Suchen sie sich lieber auch ein Motiv, das nicht weglaufen kann.

Andererseits gibt es auch Überraschungsmotive, an denen die meisten vorbeigehen, sich aber dann, wenn sie sie in Bildform sehen, (etwa in einer Ausstellung oder illustrierten Zeitschrift – natürlich von jemand anderem aufgenommen), ärgerlich und neiderfüllt fragen: "Warum ist mir das bloss nicht aufgefallen? Wie konnte ich das übersehen; wo hatte ich meine Augen?" Zu typischen Beispielen dieser Art von Motiven gehören Grossaufnahmen gewöhnlicher Objekte – eine verwitterte Tür, eine Spiegelung in gekräuseltem Wasser, eine Wand, von der die Farbe abbröckelt, ein paar hohe, schlanke Gräser, gegen den Himmel gesehen – Motive mit wenigen, aber kräftigen Farben und wenigen, aber klaren, kräftigen Formen.

Andreas Feininger, Richtig sehen – besser fotografieren, 1973

Bild: Michael Albat

Auch wenn sie es nicht glauben: Die Welt ist voller reizvoller Motive, und zwar in Hamburg und Köln genau wie in Namibia oder auf Bali. Nur: Wir erkennen, wir "sehen" die Motive in unserer alltäglichen Umgebung nicht; in exotischer Umgebung fällt das Erkennen leichter. Vielleicht auch, weil wir uns dort morgens ausgeruht dafür öffnen, während wir zu Hause nach einem harten Arbeitstag oder einer langen Woche ermüdet und gereizt durch unsere Welt gehen.

Wenn Ihnen nun gar kein derartiges Motiv einfallen will, dann fotografieren sie ihre Strasse oder ihr Wohnviertel. Wie – ist langweilig? Macht nichts. Dann ist eben die Langweiligkeit ihrer Strasse ihr Thema. Fotografieren sie da, wo die Strasse am langweiligsten ist. Wenn sie überall gleich langweilig ist, dann beginnen sie mit dem Backstein rechts unten: Gehen sie auf die Naheinstellgrenze heran und fangen sie an. Studieren sie ihr Motiv bei unterschiedlichem Licht: Morgens, mittags und abends. Bei Sonne, bei Regen, Nebel und Schnee, aber auch bei bedecktem Himmel und nachts. Sie werden sehen: Auf einmal ist das alles gar nicht mehr so langweilig. Sie werden dabei die Erfahrung machen, wie sinnvoll die "2-Stunden-Regel" ist:

Fotografieren sie nicht in der prallen Mittagssonne, sondern bei bedecktem Himmel oder zwei Stunden nach Sonnenaufgang, zwei Stunden vor Sonnenuntergang

Der jüngst verstorbene Fotograf Hilmar Pabel hat einmal berichtet, dass er in den dreissiger Jahren einem Forschungsreisenden nach Lhasa an einem Nachmittag das Fotografieren beibringen sollte. Diese Regel hat er ihm besonders ans Herz gelegt – und die Bildausbeute wurde wunderbar.