Mach nicht in Kunst...

Lassen sie mich dieses letzte Beispiel zum Ausgangspunkt für weitere Klarstellung des Unterschiedes zwischen Absicht und Sinn und deren Bedeutung nehmen, wie ich es sehe: Anfänger beginnen ihre fotografische Laufbahn meist mit Schnappschüssen ihrer Kinder, Frauen, Freundinnen, Wohnungen, Tiere usw. Wenn auch solche Bilder in der Regel weder "künstlerischen Wert" aufweisen, noch für Aussenstehende interessant sind: vom Hersteller aus gesehen besitzen sie beides, Absicht und Sinn, weil sie der bleibenden Erinnerung an Familie und Freunde, fröhliche Stunden und wichtige Ereignisse dienen.

Aber früher oder später kommt der ehemalige Anfänger in seiner Entwicklung als Fotograf an einem Wendepunkt an, von dem an er sich selbst als Amateur bezeichnen kann, also als einen Menschen, in dessen Leben die Fotografie eine bezeichnende Rolle spielt, ein nicht-berufsmässiger Fotograf, der die Technik seines Handwerks so weit gemeistert hat, dass er fähig ist, foto-technisch einwandfreie Bilder zu liefern. Leider ist das auch oft der Augenblick, in dem sich seine Auffassung von Absicht und Sinn der Fotografie grundsätzlich ändert. Er ist nicht länger damit zufrieden, Bilder von seiner Familie zu machen oder Bildberichte von seinen Ferien; nun fühlt er sich berufen, Fotos einer höheren Ordnung herzustellen, Bilder, die »Klasse« haben.

Stolz auf seine technische Vervollkommnung und im Einklang mit seinem neuen Standpunkt, muss er »schöpferisch« werden - und wenn auch nicht nach dem Wahlspruch "l'art pour l'art", so doch nach dem Motto "Fotos um der Fotografie willen" arbeiten. Und so geht er hin und beginnt solche langweiligen Bilder zu machen, wie man sie Jahr für Jahr in den Fotojahrbüchern und auf den Ausstellungen der Fotovereine sieht: Rollen von Tauen, die auf einem Kai liegen; eingeölte Akte in gekünstelten Verdrehungen, weil das Gesicht oder ein anderer Teil des Körpers, der nicht im Bild gezeigt werden darf, verborgen werden soll; alte Männer mit Bart; alte Frauen, Kruzifixe in knorrigen Händen halten; Stillleben mit einem offenen Buch oder einer Bibel, vorzugsweise mit einer daneben stehenden brennenden Kerze; in grobe Leinwand gekleidete Mönche; sommersprossige Jungen, die Apfel essen; und Stillleben mit Aluminiumschalen und Vasen - alles Bilder ohne jedes Interesse, sinnlos hergestellte fotografische Massenware.

Andreas Feininger, Feiningers grosse Fotolehre, 1979

Gut, dass man solche Bilder heute nicht mehr sieht!