Lass Dich nicht entmutigen

Interesse von seiten des Fotografen am Motiv seiner Aufnahme ist erste Voraussetzung für jeden Erfolg.
[...]
Ohne sinkt der ganze Vorgang der Bildherstellung auf das geistlose Niveau mechanischer Routinearbeit herab. Eine Fotografie ist dann anregend, wenn sie etwas zu sagen hat. Natürlich sind nicht alle Menschen an allen Motiven interessiert, und ein Bild, das dem einen etwas zu sagen hat, kann sehr wohl dem anderen gar nichts mitteilen. Aber niemand ist so einzigartig (*), [dass er nicht andere finden könnte, die seine Meinung teilen. Daraus ergibt sich,] dass alles, was sie zum Fotografieren anregt, wert ist, fotografiert zu werden, einfach weil es allen denen etwas sagen wird, die Ihre Ansicht teilen. Wenn das Ihre Einstellung zur Fotografie ist, ist es gleichgültig, was sie fotografieren und wie sie es fotografieren, vorausgesetzt, dass sie mit Ihrer eigenen Ausdrucksweise die Eigenschaften Ihres Motivs geschildert haben, die Ihr Interesse erregt haben. Wenn Interesse, Gefühl, Meinung und eine persönliche Art, die Dinge zu sehen, aus Ihren Fotos sprechen, kann niemand Ihre Ehrlichkeit als Fotograf anzweifeln, und Ihre Bilder werden wertvoll sein, mag auch noch nicht alle Welt Ihre Auffassung teilen.

Andreas Feininger, Feiningers grosse Fotolehre, 1979 S.436 - (*) Der Text der Taschenbuchausgabe ist an dieser Stelle verstümmelt

Die Tatsache, dass eine (im konventionellen Sinn) technisch fehlerhafte Fotografie gefühlsmässig wirksamer sein kann als ein technisch fehlerloses Bild, wird auf jene schockierend wirken, die naiv genug sind, zu glauben, dass technische Perfektion den wahren Wert eines Fotos ausmacht.

Andreas Feininger, Feiningers grosse Fotolehre, 1979

Ich weiss nicht, ob Andreas Feininger oder Helmut Newton jemals voller Verzweifelung die Ausbeute eines Tages betrachtet und sie umstandslos in den Papierkorb befördert haben, aber ich weiss, dass mir das öfter passiert ist. Und wenn sie Ihr Werk kritisch betrachten, werden auch sie durch diese Erfahrung gehen. Verzweifeln sie nicht! Es kommen auch wieder bessere Tage!

Als ich meine erste Kamera kaufte, hatte ich dabei auch die Idee, einen Kalender als Weihnachtsgeschenk zu verfertigen. Um etwas Reserve zu haben, kaufte ich mir statt eines 24er-Films einen Film mit 36 Bildern. In der Zwischenzeit habe ich gelernt: Nach einem Zwischenstadium (10er-Stangen) kaufe ich heute 50er-Packungen.

Ein wesentlicher Punkt in der Entwicklung eines Fotografen besteht darin, dass seine Anforderungen an die technische Qualität seiner Bilder steigen. Seien sie nicht zu hart mit sich! Der aktuelle Otto-Katalog ist vollgestopft mit technisch perfekten Fotos. Aber es ist nicht mein Ziel, meine Bilder dort abgedruckt zu sehen. Auch sie werden vermutlich nicht daran denken, sich das technisch perfekte Bild eines wunderbar ausgeleuchteten Werkzeugkastens oder eine der Bikini-Schönheiten aus der Bademoden-Abteilung ins Wohnzimmer zu hängen.

Bitte bedenken sie: Wir Normal-Sterblichen müssen ja den wesentlichen Teil unseres Tages dem Erwerb unserer Brötchen, Filme und Kamera-Ausrüstung widmen, und anschliessend verlangt auch zunächst die Familie ihr Recht, während sich ein Profi ganz der Herstellung seiner Bilder widmen kann. Daher wird ein Profi auf einen viel grösseren Fundus an Negativen zurückgreifen können. Wenn sie ein Buch betrachten, meinethalben eine Werkschau von Helmut Newton oder Cartier-Bresson: Wie gross ist wohl der Prozentsatz der veröffentlichten Bilder? Eines von 10'000? Auch kann er ganztägig in seiner Dunkelkammer arbeiten. So gewinnt er alle Tage an Erfahrung, und die gewonnene Erfahrung wird vertieft: Ein Koch, der alle Tage 20 Enten zubereitet, hat ein ganz anderes Feeling für sein Material als wir, die wir das vielleicht einmal im Jahr tun.

Und noch etwas kommt hinzu: Die Arbeit der Laboranten.

Ich hatte einmal das Glück, eine Feininger-Ausstellung mit Abzügen zu sehen, die der Meister vor 50 Jahren selbst aus der Sosse gezogen hat. Unter anderem mit dem berühmten Bild Road 66, das sie noch heute als grosses Poster erwerben können. Jungejunge, damit hätte er sich heute aber bei einem Volkshochschulkurs nicht sehen lassen können! Postkartengross, flau und verwaschen!

Also, verschieben sie für sich die Zeit Ihres fotografischen Durchbruchs auf den Ruhestand, freuen sie sich bis dahin an Ihren Erfolgen und trösten sie sich über die Misserfolge: Auch Michael Schumacher musste zunächst mal Tretroller fahren!