Das Bildformat

Das Bildformat vermittelt eine Grundtendenz des Ausdrucks, es ist die Bühne für das Bild. Die gebräuchlichsten Formate für die Fotografie sind das Rechteck in unterschiedlicher Ausprägung und das Quadrat. Jedes dieser Formate hat seinen bestimmten Ausdruck.

Beim praktischen Fotografieren ist das Seitenverhältnis vorerst durch den Sucher (oder das Kameradisplay) festgelegt, es lässt sich aber später bei Bedarf verändern. Die Tatsache dass eine gegebene Kamera ein Bild mit einem ebenso gegebenen Format abbildet, bedeutet also nicht, dass wir dieses Format auch weiterverwenden müssen. Die Abstimmung des Bildformates respektive dessen Seitenverhältnisses auf den Bildinhalt ist eines der wirkungsvollsten Gestaltungsmittel für jeden Fotografen und vermag die Wirkung eines Bildes deutlich zu beeinflussen.

Bild: Michael Albat

Diese Frage nach dem dienlichen Seitenverhältnis kann nach verschiedenen Kriterien entschieden werden:

Normalerweise gehen wir bei der Fotografie von einem rechteckigen Bildformat aus. Das Format hat dadurch ein von 1:1 abweichendes Seitenverhältnis von Höhe zu Breite. Damit stellt sich bereits bei der Aufnahme die Frage nach Hoch- oder Querformat.

Querformat

Traditionell ist das Querformat das Bildformat für Landschaftsaufnahmen, insbesondere wenn sie den Horizont enthalten.

Unser Gesichtsfeld ist durch die nebeneinander liegenden Augen querformatig angelegt, aufgrund dieser Seherfahrung wird das Ausschnitthafte der Bildfläche im Querformat entsprechend weniger deutlich ersichtlich.

Das Querformat bietet die Möglichkeit, mit
Leerraum zu gestalten.

Die Wirkungstendenz der noch leeren Quer- respektive Hochformate erklärt sich aus der Wirkung der jeweilig längeren Begrenzungslinien. Beim Querformat dominiert die längere Standlinie über die kürzeren Seitenlinien und der ruhige oder gar schwere Aspekt der Bildfläche tritt in den Vordergrund.

Aufgrund der grösseren Querausdehnung ergibt sich in diesem Format ein deutliches Links-Rechts-Gefüge, die waagrechte Linie wird durch das Format betont.

Richtung und Bewegung sind Elemente, welche sich im Querformat gut gestalten lassen. Nicht zuletzt bietet sich das Querformat an, bewusst mit Leerraum im Bild zu gestalten.

Dass auch die Leere ein Denkmal ist, wussten die Römer, als sie Karthago dem Erdboden gleichmachten.

Alberto Manguel, im Buch "Bilder lesen", Seite 256

Hochformat

Das Hochformat ist das klassische Bildformat für Porträtaufnahmen.

Beim Hochformat überwiegt der Ausdruck von Aufstreben respektive von Aktivität. Vertikale Linien und Flächen innerhalb des Motivs unterstützen diese Grundgestik. Durch die dem Hochformat innewohnende Spannung ist ein Gleichgewicht vergleichsweise zum Querformat immer ein fragiles und will kompositorisch gut austariert sein.

Die Querlinie hat beim Hochformat verstärkt flächenteilenden Charakter, es entsteht deutlicher ein Gefühl von oben und unten als beim Querformat, dies lässt sich noch steigern wenn der Horizont im Hochformat sehr hoch oder sehr tief angesetzt wird.

Eine Gestaltung mit Freiraum wie wir dies beim Querformat können ist erschwert, das Motiv muss dafür stark an den Rand gedrängt werden und der sich dann ergebende Freiraum wird selbst zu eine ausgeprägten Hochformat mit entsprechend aktiver Wirkung. So bleibt die Möglichkeit für Freiraum praktisch nur nach oben oder unten, mit entsprechender Wirkung dass das Motiv jetzt eben nicht Freiraum enthalten hat, sondern eben einer der Sphären Unten oder Oben zugeordnet wurde.

Quadratisches Bildformat

Als abstrakte geometrische Form mit identischen Seitenlängen wirkt das Quadrat spannungslos und statisch, als Bildformat hält sich das Quadrat in seiner Wirkung zurück.

Durch die identischen Seitenlängen des Bildformates wird keine Dimension verstärkt betont, welche ansonsten durch die Komposition gezielt vermieden wurde. Quadratische Bilder konzentrieren sich auf Struktur, Farbe und Form, formale Aspekte also. Die Raumaufteilung formaler und farblicher Bildelemente innerhalb der quadratischen Bildfläche muss daher sorgsam vorgenommen werden. So formt zum Beispiel jede Diagonale im Quadrat aus der Bildfläche zwei gespiegelte, aber ansonsten identische Dreiecke, welche ihrerseits sogleich die Gegendiagonale betonen. Andererseits kann gerade bei stark abstrahierenden, geometrischen Bildern oftmals erst durch das quadratische Bildformat eine konsequente Kompositionen erreicht werden.

Interessanterweise ist der ursprüngliche Grund für das quadratische Bildformat bei vielen klassischen Mittelformatkameras von bedeutend praktischerer Natur. Das quadratische Format ist flächenmässig das grösste viereckige Format, welches sich in das von einem Kameraobjektiv projizieret kreisförmige Bild einfügen lässt. Dahinter stand also der Gedanke, die Bildfläche möglichst optimal zu nutzen. Das Format war aber auch anderweitig praktisch. So liess es sich gleichermassen durch geringfügiges Beschneiden in ein Hoch- oder Querformat wandeln, die Kamera musste dafür zu nicht gedreht werden. Mit dem heutigen weit verbreitet Bildformat mit dem Seitenverhältnis 3:2 verhält sich die Sachlage praktisch konträr: wir drehen die Kamera für Hoch- oder Querformat entsprechend und beschneiden das Bild für das quadratische Format.

Panoramaformat und exzessive Seitenverhältnisse

Panorama bedeutet frei übersetzt so was wie Gesamtsicht. Durch Augen und Kopfbewegung nehmen wir unsere Umwelt in der Breite unter einem Winkel um die 140 Grad war. In der Höhe ist unser Sehfeld geringer, für Bodenbewohner, welche von oben nichts zu fürchten hatten, ausser dass ihnen eventuell der Himmel auf den Kopf fällt, scheint dies nicht notwendig und somit sinnvoll. So entsteht also unser Sehfeld evolutionär im Panoramaformat. Daraus ergibt sich für das Panoramaformat zweierlei: Nebst einem exzessiven Seitenverhältnis eben auch ein grosser Bildwinkel. Nur mit dem Seitenverhältnis ist ein Panoramaformat also noch nicht gemacht. Bei einem Panorama handelt es sich also um ein Bild mit vom normalen stark abweichenden Seitenverhältnissen, welches unter einem sehr grossen Bildwinkel aufgenommen wurde. Ein solches Format bietet sich in erster Linie als natürliche Bildfläche für all jene Motive an, welche wir auf ebendiese Art zu sehen gewohnt sind, Landschaftsbilder wären hier zu nennen.

Im allgemeinen Fall einen Bildformats, bei welchem sich Breite und Höhe deutlich bis um das Mehrfache unterscheiden scheint es daher sinnvoll, anstelle von einem Panorama von einem exzessiven Seitenverhältnis zu sprechen.

Ein Format welches ich gerne verwende hat die Seitenlängen im Verhältnis von 1:2 stehen. Vom Bildformat mit den Seitenverhältnissen 2:3, wie es üblicherweise Spiegelreflexkameras aufweisen, hin zum 1:2 Verhältnis ist flächenmässig kein weltbewegender Unterschied. Dieses Format steht also gestalterisch problemlos zur Verfügung ohne bedingt durch Verlust an Bildfläche allzu viel an Bildqualität zu verlieren, in der Wirkung unterscheidet es sich aber bereits deutlich vom üblicheren 2:3 Bildformat.

Eine spezielle Wirkung entwickelt das Bildformat mit stark abweichenden Seitenverhältnissen im Hochformat. Dieses Format weicht sehr stark von unseren üblichen Sehgewohnheiten ab und kann daher bereits als Effekt gelten.

Size matters

Einen weiteren Aspekt möchte ich dem Bildformat noch hinzufügen, dessen Grösse. Kleine Bilder werden vom Blick des Beobachters kontrolliert und beherrscht. Dagegen funktionieren sehr grosse Formate umgekehrt. Das Bild unterstellt den Beobachter seinem inneren Aufbau. Wenn der Betrachter das Bild nicht mehr überblickt wird er darin gefangen.

Kleine Bilder hingegen sind viel stiller und passiver, sie verlangen unser Entgegenkommen. Dafür ist es für sie eher möglich, von zarten oder gar intimen Dingen zu sprechen, etwas das grosse Formate nicht überzeugend können.

Die Grösse des Bildes vermittelt also einen ersten Eindruck des Anspruchs, die äussere Grösse muss dann allerdings auch mit der inneren Grösse übereinstimmen, ansonsten wirkt das Bild nur aufgeblasen, gewissermassen hohl. Schon manches Bildchen wurde zum vermeintlichen Werk als es vergrössert wurde. Es gibt also einen Zusammenhang zwischen Grössen, Inhalt und Gestaltung - Size matters.

Ausserhalb der Bildfläche - Das Passepartout

Nicht Jeder, der aus dem Rahmen fällt war vorher im Bilde.

Alte Fotografenregel

Die rechteckige Bildfläche schafft durch ihre Exzentrizität (aufgrund der Bildecken) Bezüge zu ihrem Umfeld. Verstärkt wird diese Tendenz durch unsere Fähigkeit, Bildinhalte zu ergänzen. Ein Landschaftsbild ist durchaus neben der Bildfläche weitergehend denkbar. Dadurch können Konflikte mit der Bildumgebung entstehen. Solange Bilder Auftragswerke für vorgegebene Orte waren, stellte dies kein Problem dar. Fresken, Deckenmalereien und Bodenmosaike waren abstimmbar auf ihr Umfeld. Als Bilder jedoch zunehmend für einen Kunstmarkt geschaffen wurde, stellte sich das Problem des unbekannten Umfeldes. Die Lösung bestand darin, ein Teil des unmittelbaren Umfeldes dem Werk mitzugeben. Bilder kriegen fortan also einen Passepartout, welcher symbolisiert, dass es sich beim Bild um eine getrennte Darstellung der Welt handelt und nicht um einen Teil davon. Skulpturen kriegten entsprechend einen Sockel und wurden derart aus der Umgebung herausgehoben - das Prinzip lässt sich also nicht nur auf Bilder anwenden. So einfach ist das. Allerdings zeigt sich darin auch, dass der Passepartout eine Aufgabe hat und nicht seinerseits wieder unnötige Bezüge schaffen sollte. Wer mittels Bildbearbeitung Teile des Bildes aufs Passepartout überträgt - wie man dies heutzutage oft sieht - hat eben kein Passepartout mehr, das Bild "passt" dann nicht mehr "partout".