Bildfläche

Als Möglichkeit an die Bildgestaltung heranzutreten bietet sich die Bildfläche an. Sie ist eine der wichtigsten Medieneigenschaften der Fotografie. Man könnte geneigt sein zu sagen, die Bildfläche hat für die Komposition grundlegende Bedeutung:

Kräfte und Gewichte

Die (rechteckige) Bildfläche wird begrenzt von vier Hauptlinien:

Widerstände und Gewichte in
den vier Quadranten.

Aufgrund des unterschiedlichen Einflusses der Begrenzungslinien verhält sich die Bildfläche, vorerst noch ohne überlagertes Bild, keineswegs neutral. An den Seiten der Bildfläche ergeben sich für den Betrachter unterschiedliche Widerstände und innerhalb der Fläche unterschiedliche Gewichte.

Die noch leere Bildfläche lässt sich also in vier Quadranten einteilen, jeder mit bezüglich Gewicht und Widerstand unterschiedlicher Wirkung, wie dies hier rechts schematisch dargestellt wurde.

Das Motiv ist in der rechten unteren Ecke
parkiert, links oben ist das Bild offen.

Diese Wirkungen von Widerstand und Gewicht sind vor allem bei leeren Flächen gut zu empfinden, je nach Komposition respektive Belegung der Positionen mit Motivteilen können sie diese Eigengewichtungen und Bewegungen unterstützen oder abschwächen.

Die Leserichtung

Ein wichtiger Aspekt des Bildes ist dessen Leserichtung. Die verallgemeinerte Aussage lautet, wir lesen das Bild von links oben nach rechts unten. In dieser vereinfachten Form dürfte man dies wohl als falsch bezeichnen.

Richtig dürfte wohl eher sein, dass wir erst die Figur wahrnehmen und dann deren Grund absuchen, dabei wohl links oben vor recht unten betrachten und an letzterer Stelle bevorzugt halten. Somit könnte man sagen: Links oben kommt vor rechts unten.

Richtig ist wohl auch: Die linke Seite der Bildfläche ist der Eingang für den Betrachter, entsprechend soll die rechte Seite den Betrachter am Verlassen des Bildes hindern.

Ist die Leserichtung innerhalb eines Bildes kulturabhängig?

Katsushika Hokusai: "Die grosse Welle von
Kanagawa"

Dies wird gerne angeführt und eine Studie von Austen K. Smith and Lorin J. Elias legt dies durchaus nahe.

Interessanterweise werden oftmals die Japaner angeführt, welche Bilder auch von links nach rechts lesen würden. Die Japaner verfügen jedoch über zwei Schreibweisen: Bei der traditionellen senkrechten Schreibweise (Tategaki) erfolgt die Lesung von oben nach unten, die Zeilen von rechts nach links. Heute stärker verbreitet ist die waagrechte Schreibweise (Yokogaki), bei welcher die Lesung gleich wie bei uns von links nach rechts erfolgt, die Zeilen von oben nach unten.

Probehalber habe ich ein paar Bilder von Katsushika Hokusai (1760-1849, er dürfte vor allem mit der traditionellen japanischen Schreibweise aufgewachsen sein) gespiegelt. Es scheint mir, die unterschiedliche Wirkung von Original und gespiegelter Version legt nahe, dass er für seine Bilder die gleiche Leserichtung verwendet hatte wie wir dies heute tun. Es dürfte also gar nicht so einfach sein, diese Leserichtung von Bildern im Bezug zur Schreibkultur zu überprüfen, zumal heutzutage durch die internationale Bilderflut vermutlich zusehends auch eine Einheitskultur entstehen dürfte.

Klar ist hingegen, dass bei Bildgeschichten über mehrere Bilder die Lese-Reihenfolge der Bilder der Schreibrichtung entspricht. Vorsicht also bei Portfolios, Comics oder bebilderten Anweisungen.