Linie zu Fläche

Zwischen Linie und Bildfläche ergeben sich eine ganze Reihe von Interaktionen:

Zuerst kriegt die Linie im Bezug zur Bildfläche eine Richtung. Waagrechte, senkrechte und diagonale Linien stehen in einfacher Beziehung zu den Rändern des Bildes, die Horizontale und Vertikale laufen parallel zu den Bildrändern, die Diagonale ist flächenabtastend. Da diese Linien zur Bildfläche ausgerichtet sind können wir sie als zugehörend betrachten, entsprechend gibt es auch Linien, welche flächenfremd sind:

Gliederung der Bildfläche mit Linien

Die Horizontlinie ist eine der wichtigsten
Waagrechten.

Eine Linie wird im Bezug zur Bildfläche aktiv indem sie diese teilt und damit gliedert oder Bereiche innerhalb der Bildfläche verbindet:

Die Waagrechte

Die durchgezogene, einheitliche Linie - das ist es, was ein Produkt vollkommen macht.

Günter Gerhard Lange

Die durchgehende waagrechte Linie unterteilt ein Bild in zwei Bereiche, einen oberen und einen unteren. Allgemein assoziieren wir mit diesen Bereichen basierend auf unserer Erfahrung von Himmel und Erde die Bereiche nah (unten) und fern (oben). Die Horizontale Linie wird dadurch für die Bildwirkung entscheidend. Je nach Bildformat und Lage der Waagrechten ergeben sich unterschiedliche Bildwirkungen:

1.   2.   3.

Verschiebt sich die Horizontlinie entsteht eine Spannung zwischen ungleichen Flächen:

in einem Hochformat ist sind die Möglichkeiten für die sich ergebenden Formen grösser, wird die Horizontale sehr hoch oder tief angesetzt können Bereiche entstehen, deren Form selbst schon einem Hochformat entspricht.

Die Senkrechte

Bild: Michael Albat

Die zweite wichtige Richtungslinie ist die Senkrechte. Durch ihren Verlauf von unten nach oben betont sie gleich wie auch das Hochformat das aufstrebende, aktive. Wird die Senkrechte von oben nach unten interpretiert vermag sie auch in die Tiefe zu ziehen.

Im Gegensatz zur waagrechten Linie hat die senkrechte Linie (Vertikale) keinerlei in die Weite führenden Eigenschaften. Jede Senkrechte steht unmittelbar vor dem Betrachter, der Blick kann nicht ungehindert in die Tiefe wandern, sondern stösst sofort auf eine Barriere.

Entsprechend ergibt sich durch die Senkrechte eine Wirkung der Nähe und somit auch der Wärme, analog zur Farbe Rot, bei welcher von Wärme auf Nähe geschlossen wird.

Als Folgerung daraus können wir jetzt für die die Waagrechte den Eindruck von Kälte postulieren.

Die Horizontale ist kalte, tragende Basis, schweigend und "schwarz". Die Vertikale ist aktiv, warm, "weiss". Die freien Geraden sind beweglich, "blau" und "gelb". Die Fläche selbst ist unten schwer, oben leicht, links wie "Ferne", rechts wie "Haus".

Wassily Kandinsky

  

Jede Menge senkrechte Linien.

Senkrechte Linien zeigen sich in vielen Motiven, sei dies in in der äusseren Form von Gegenständen, bei Menschen, Bäumen oder Säulen, aber auch in nichtgegenständlicher Form als Strukturen oder Konturen:

Flächenverbindende Funktion von senkrechten Linien

Eine Verbindung zwischen Himmel und Erde.

In Landschaftsbildern übernehmen senkrechte Motive oftmals die Aufgabe, waagrechte angeordnete getrennte Bereiche zu überbrücken. Dadurch binden sie die Teile zusammen, die Komposition erscheint dann als ein Ganzes und nicht als ein Sammelsurium getrennt angeordneter Elemente.

Durch ihren unmittelbaren Bezug zum Bildformat bewirken Kompositionen mit vorwiegend vertikalen und horizontalen Linien einen Eindruck von Ordnung und Stabilität. Durch die Anwesenheit beider Grundrichtungen, der passiven waagrechten und der aktiven senkrechten entsteht häufig auch eine wie selbstverständlich wirkende Harmonie.

Weitere Linien sind mit der Bildfläche weniger verbunden und bringen deshalb vergleichsweise eine Spannung oder auch eine Unruhe in den Bildraum, welche unter Umständen nach einem Ausgleich durch ruhige Bildelemente, zum Beispiel einer waagrechten Linie oder einem statischen Punkt, verlangt.

Diagonalen

Eine Diagonale, irgendwie ...

Nebst der Waagrechten und der Senkrechten ist die Diagonale die dritte bestimmende Kraft im Bildgefüge.

Gleich wie die Waagrechte und die Senkrechte haben Diagonalen auch die flächenteilende Eigenschaft, die Bildfläche wird in zwei Dreiecke unterteilt. Da Dreiecke ebenfalls eine Richtungstendenz aufweisen, entsteht bei Diagonalen auch immer ein unterschwelliger Ansatz zur Gegendiagonale.

Unter Einbezug der Leserichtung respektive der in der Bildfläche innewohnende Bewegungstendenz von links nach rechts kann die Diagonale entweder als

betrachtet werden. Diagonalen haben also eine starke Bewegungstendenz, sie wirken dynamisch.

Die Diagonale von links unten nach rechts oben ist die aufsteigende Diagonale. Für unser Auge ist dies die harmonischere Diagonale.

Bei fallenden Diagonale von links oben nach rechts unten besteht die Gefahr, dass die Linie den Weg weisst um das Bild zu verlassen. Die Figur-Grund Beziehung innerhalb dem Bild muss bei fallenden Diagonalen stärker ausgeprägt sein um den Blick des Betrachters im Bild zu halten.

Für Hoch und Querformat sind die Diagonalen nicht identisch. Im Hochformat verläuft die aufsteigende Diagonale recht steil und stellt dem Betrachter einen höheren optischen Widerstand entgegen. Bei Hochformat wird daher oft keine Diagonale im eigentlichen Sinne gestaltet, sondern einfach eine gemässigt steigende oder fallende Linie.

Diagonale oder nicht Diagonale, das ist hier die Frage ...

Aufsteigende Diagonale. In dieser fetten
Ausprägung bildet sie in der rechten oberen
Ecke einen Pfeil, links unten einen Fuss.

Diagonale in mehreren Teilstücken.

Virtuelle Diagonale über wesentliche Motivteile.

Gemäss Definition durchmisst eine Diagonale eine Fläche von einer Ecke zur gegenüberliegenden Ecke, dadurch ist auch deren Steigung gegeben.

Diese exakte Definition ist verführerisch, sie scheint auf unvorsichtige Fotografen die gleiche Anziehungskraft zu bewirken wie frischer Mist auf Fliegen. Das Resultat davon ist eine stattliche Anzahl unbefriedigender Bilder mit zwanghaft exakt an den Bildecken ausgerichteten Diagonalen unter Vernachlässigung des restlichen Bildaufbaus. Zumeist sieht dies dann Scheisse nicht gut aus.

Für den Fotografen bedeutet dies, dass er exakte Vorgaben aus dem Bereich der Mathematik beruhigt den Mathematikern überlassen darf. Gestalterisch dürfen sie von der genauen Diagonale abzuweichen:

Sie sehen, der Möglichkeiten gibt es viele und fast alle sind vorteilhaft gegenüber einer erzwungenen exakten Diagonale. Hier sollten sie klar ihren Augen und ihrem Gefühl vertrauen.

Flächenfremde Linien

Freie Geraden, also alle Linien, die richtungsmässig zwischen der Horizontalen oder Vertikalen und der Diagonalen liegen sind flächenfremd, dass heisst, ihre Lage lässt sich nicht in einfachen Bezug zur Bildfläche bringen. Der unbeliebteste Vertreter einer flächenfremden Linie dürfte den meisten Fotografen bekannt sein: Es ist dies der schräge Horizont.

Bild: Michael Albat

Entsprechend bergen diese Linien die Gefahr von Unruhe. Eine Beruhigung ist möglich durch Schaffen von Ordnung durch gegenseitige Bezüge innerhalb der flächenfremden Linien.

Optische Ordnung für schräge Linien sind zum Beispiel ein gemeinsamer Fluchtpunkt. Weiter denkbar ist eine Wiederholung der schrägen Linie, bei mehrfacher Wiederholung kann gar ein rhythmisches Muster entstehen.

Bei nebenstehendem Bild von Michael Albat entsteht die Ordnung in erster Linie durch Wiederholung, zuerst durch die Wiederholung im Hintergrund, aber auch durch die Rauchfahne, welche parallel zur aufsteigenden Säule verläuft. Die fallende Linie, welche die Gefahr birgt, dass das Auge das Bild gleich verlässt, wird kurz vor dem Bildrand durch die steil aufsteigende Säule gestoppt.

Gefährlich ist der Versuch, bei flächenfremden Linien einen Bezug zum Bild zu erstellen durch Anbindung der Schräge an eine Ecke. Hier gilt sinngemäss das gleiche wie beim Thema der verschobenen Diagonale.

Allgemein stehen diagonale und flächenfremde Linien für Vorwärtsbewegung oder Fallen und vermitteln derart ein Gefühl von Aktion und Dynamik.