Weitwinklige Unarten

Ein Fotograf, der die Perspektive kontrollieren will, muss lernen, die Verzerrungen in seinen Bildern zu kontrollieren.

Andreas Feininger, in "Fotografie" (1960), Seite 247

Eine der Grundideen bei der Fotografie mit Weitwinkelobjektiven besteht darin, nahe ans Motiv heranzugehen. Dadurch verlassen wir unsere gewohnte Sicht und es ergeben sich geänderte Distanzverhältnisse von Vorder- zu Hintergrund. Die Unterschiede in den Abbildungsmassstäbe der Objekte in den verschiedenen Ebenen werden anwachsen. Verbunden mit dieser Perspektive sind daher ein paar für uns ungewohnte optische Unarten. Es sind dies...

Dem unvorsichtigen Fotografen können diese Effekte auf den ersten Blick reizvoll erscheinen. Grundsätzlich empfehle ich in solchen Fällen, die Bilder einer fotografisch nicht vorbelasteten Person zu zeigen und falls sie mit dem Effekt nichts anfangen kann deren Urteil ernst zu nehmen. In dem Falle sollten wir diese Effekte zu lindern oder gar vermeiden wissen oder müssen damit leben.

Geometrische Verzerrung

links: Geometrische Verzerrung, gut sichtbar in der Stuhlform.
rechts: Das gleiche mit der Blickrichtung von oben nach unten.

Geometrische Verzerrung verändert Formen, welche sich in die Raumtiefe erstrecken. Das linke nebenstehende Bild illustriert dies. Aufgrund der starken Fluchtperspektive des Bildes erscheint uns die Raumecke als spitzer Winkel, der Stuhl hat eine unnatürliche Form - kurz: der ganze Raum gerät aus dem Gefüge, auch die Bodenplatten zeigen dies deutlich.

Dieser Effekt entsteht perspektivisch bedingt bei weitem Bildwinkel und naher Distanz zum Motiv und ist nicht auf einen Fehler der Optik zurückzuführen. Das Beispielbild wurde mit 17mm Brennweite und Kleinbildformat aufgenommen.

Geometrische Verzerrung lässt Gegenstände in Richtung der Raumtiefe grösser erscheinen. Aus Quadraten werden Rechtecke, Kreise verwandeln sich in Ovale. Ebenfalls können sich Winkel verändern - wie unser Beispiel zeigt. Dies gilt für Objekte im unmittelbaren Vordergrund, nach hinten verliert sich die Verzerrung.

Das ganze funktioniert natürlich auch in alle anderen Richtungen, zum Beispiel wenn sie von oben nach unten fotografieren, dies wird durch das rechte Bild illustriert - ich bin überzeugt: Nie würden sie sowas machen. Gewissermassen als Gegenpol ergibt sich daraus die Frage nach der natürlichen unverzerrten Darstellung. Zumindest für Porträts wurde dies Frage beantwortet. 85mm bis 135mm Brennweite beim Kleinbildformat. Kürzere Brennweiten zeigen den Effekt der Verzerrung, bei grösseren Brennweiten findet eine Verflachung statt und das charaktervolle eines Gesichtes wird reduziert.

Solange Objekte mit freien Formen fotografiert werden wird dieser Effekt nicht störend in Erscheinung treten. Sobald wir aber Motiv mit klar definierten Formen wie zum Beispiel Gesichter oder technische Elemente fotografieren, wird die Verzerrung sichtbar und wir müssen ihr bei der Bildgestaltung besondere Aufmerksamkeit schenken. Dies gilt umso mehr je kürzer die Brennweite wird.

Stürzenden Linien

Stürzende Linien bei einer Architekturaufnahme

Stürzende Linien entstehen dann, wenn sie ihr Motiv mit gerade ausgerichteter Kamera nicht in gewünschtem Sinne formatfüllend aufnehmen können und zu diesem Zweck die Kamera nach oben oder unten richten. Ein typisches Beispiel dafür sind Architekturaufnahmen, es entstehen dann Bilder wie das nebenstehend obere Bild. Die Kamera ist nach oben geneigt um das Gebäude in ganzer Höhe im Bild unterzubringen. Denn Effekt können wir uns auf zwei Arten leicht erklären.

 

Die gleiche Aufnahme ohne stürzende Linien

Wie auch immer: Wenn die Linien in der Fotografie stürzen ist dies zumeist nicht schön.

Das Hinfallen gehört zur Sache, aber erst das Wiederaufstehen macht sie grossartig.

Peter Sloterdijk

Gegen stürzende Linien lässt sich etwas machen und die Lösung ist einfacher als sie denken: Nehmen sie das Motiv gerade auf! Dies bedeutet:

Das nebenstehende Bild im Hochformat zeigt das aufgenommene Bild noch ohne den Beschnitt. Die Aufnahme habe ich im Hochformat erstellt, dadurch hatte ich nach oben genügend Platz um das Gebäude zu platzieren, grundsätzlich kann aber auch ein Querformat Anwendung finden wenn das Motiv dies zulässt. Zwei Dinge sind offensichtlich:

Shiftobjektive

Anstelle einer Beschneidung des Bildes könnte man auch gleich von Beginn an den richtigen Bildausschnitt aufnehmen. Dazu müsste das Objektiv ein grösseres Bild auf den Sensor projizieren, und zwar so verschoben, dass der Sensor daraus den gewünschten Ausschnitt aufnimmt.

Ein Shiftobjektiv, links unverstellt, rechts nach oben geshiftet.

Genau dies ermöglichen Shiftobjektive. Deren Bildkreis, also der Durchmesser des auf den Bildsensor oder Film projizierten Bildes, ist deutlich grösser als notwendig, die Kamera nimmt daraus also nur einen Ausschnitt auf. Jetzt muss das Objektiv an der Kamera nur noch derart verschoben (geshiftet) werden, dass der Ausschnitt derjenige ist, welchen wir bei der vorangehend erläuterten Methode durch den Beschnitt erstellt hätten. Das nebenstehende Bild mag dies verdeutlichen, es zeigt ein (älteres) Shiftobjektiv mit verschobener Optik. Shiftobjektive lassen sich jeweils auch drehen, so dass das Bild in alle Richtungen verschoben werden kann.

Shiftobjektive werden oftmals als Objektive mit Perspektivenkorrektur bezeichnet. Genau genommen ist dies falsch. Die Perspektive ist durch den Standort des Fotografen gegeben, dieser ändert sich nicht, die Objektive ermöglichen einfach eine Aufnahme ohne stürzende Linien, that's all.

Viele Objektive mit Shiftfunktion ermöglichen auch ein verschwenken der Optik um die Schärfenebene zu neigen. Solche Objektive werden dann Tilt- & Shift-Objektive genannt. (Ich wollte hier auf den entsprechenden Artikel in Wikipedia hinweisen, dieser ist jedoch so grottig, dass ich es lieber sein lasse).

Entzerrung mittels Bildbearbeitung

Eine weitere Möglichkeit ist die Entzerrung des Bildes mittels Bildbearbeitungsprogramm. So ermöglicht zum Beispiel Photoshop die Korrektur der geometrischen Verzerrung über die Menüpunkte Filter → Objektivkorrektur. Ich sehe dies als zusätzliche Korrekturmöglichkeit im Sinne, dass man fotografisch das Mögliche macht und den verbleibenden Rest per Bildbearbeitung korrigiert. Schludrig fotografieren und danach schönrechnen ist bestimmt nicht im Sinne der Sache.

Weitere Möglichkeiten

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, stürzende Linien gleich von Anfang an gering zu halten. Architekturfotografen haben zu diesem Zweck oftmals eine Leiter dabei um einen genügend hohen Standort einzunehmen, welcher automatisch zu einer waagrechten Kamerahaltung führt. Dies würde dann einer tatsächlichen Perspektivenkorrektur entsprechen.

Dann gibt es noch die Kompromisse: Kann eine genügend grosse Distanz zum Motiv eingenommen werden, so lassen sich Objektive mit längerer Brennweite einsetzen, stürzende Linien fallen dann zumeist moderater aus. Der geringe Rest stürzender Linien wird anschliessend per Bildbearbeitung korrigiert.