Linearperspektive

Jede Abbildung eines 3-dimensionalen Gebildes in eine 2-dimensionale Fläche ist eine Verzerrung, verzerrungsfreie Perspektiven gibt es nicht.

Dem ist zu entgegnen: Wenn eine Kamera die gleiche perspektivische Abbildungsart wie unser Auge verwendet, so erkennen wir im Bild uns bereits bekannte Verzerrungen und als Folge davon erscheint uns die Bildwiedergabe natürlich. Kamera und Auge sollten also die gleiche Abbildungsart aufweisen. Dies scheint sinnvoll.

Haha, der Witz war gut ... Was auf den ersten Blick einfach und logisch erscheint ist auf den zweiten Blick nicht ganz so trivial. Im wesentlichen verfügt unser Auge nur über einen Bildwinkel, den Kopf drehen zählt in diesem Zusammenhang nicht. Eine einzige Brennweite würde wohl nur dem minimalististen Fotografen genügen. Wäre der Bildwinkel unsers Auges grösser würden wir die Welt vermutlich in einer Art Fisheyeperspektive wahrnehmen. Schon mit unserem aktuellen Auge ist die eigentliche Projektion auf die Retina alles andere als unverzerrt. Das Bild, welches wir zu sehen glauben entsteht im wesentlichen erst im Hirn, zusammengesetzt aus vielen abfolgenden Rohbildern, welche unser Auge beim Abscannen der Aussenwelt ans Hirn liefert. Und nicht zuletzt: wir haben zwei Augen. All dies verkompliziert die Sache doch ziemlich. Die etwas bescheidenere Anforderung an unsere Kamera lautet daher: Ein guter Kompromiss für die Abbildungsart der Kamera ist die Linearperspektive. Man könnte geneigt sein zu sagen, die Linearperspektive entspricht der Abbildungsart eines vereinfachten Auges über einen vernünftigen Bildwinkel.

Linearperspektive

Die Abbildung in Linearperspektive hat folgende Eigenschaften:

In nebenstehendem Bild sind diese Eigenschaften ersichtlich. Die parallele Linien des Steges laufen in der Ferne scheinbar zusammen um sich schliesslich in einem fernen Punkt etwas oberhalb der Bildmitte zu treffen. Man spricht hier von Fluchtlinien und entsprechend von einem Fernpunkt. Auch gleichmässig verteilte Abstände scheinen in der Tiefe des Raumes zusehends enger zusammenzurücken, man sieht dies an den scheinbar abnehmenden Längen der Lichtflecken auf dem Steg. Den Effekt des Kleinerwerdens und die scheinbare Abnahme von Abständen in der Ferne wird perspektivische Verkürzung genannt.

Die Verzerrungen der Linearperspektive sind also die folgenden:

Je grösser der Winkel zwischen den Fluchtlinien wird, desto schneller scheinen Objekte mit wachsender Distanz kleiner zu werden, die Perspektive wird steiler. Bei kleinem Winkel zwischen den Fluchtlinien spricht man von flacher Perspektive.

Die Abbildung in Linearperspektive stimmt trotz all diese Verzerrungen recht gut mit unserer Seherfahrung überein. Empfundene Abweichungen entstehen wenn wir Optiken mit ein deutlich grösseren Bildwinkel als demjenigen unseres Auges verwenden.

Fluchtpunkte

Bild links: Aufnahme mit 2 Fluchtpunkten
Bild rechts: Aufnahme mit 3 Fluchtpunkten

Fluchtpunkte und stürzende Linien prägen die Wirkung eines Bildes bezüglich Plastizität und Dynamik. Die Bildwirkung hängt daher auch stark von der Anzahl und der Position der Fluchtpunkte ab. Das obenstehende Bild vom Steg wurde frontal zum Steg aufgenommen, das Bild zeigt entsprechend einen Fluchtpunkt auf halber Breite und 2/3 Bildhöhe.

Sobald sie gegenüber einem Objekt einen schrägen Standort einnehmen, wird dieses mit zwei Fluchtpunkten dargestellt. Objekte werden mit 2 Fluchtpunkten plastischer dargestellt als nur mit einem. Klar ersichtlich wird dies bei der Aufnahme des Bauwagens in nebenstehendem Bild, das Bild hat Fluchtlinien für die Breite und die Tiefe. Weil die Kamera bei diesem Bild waagrecht ausgerichtet war, verlaufen die senkrechten Linien parallel und werden unverzerrt dargestellt.

Sobald sie die Kamera nicht mehr waagrecht halten wird auch die letzte verbliebene Dimension Fluchtlinien zeigen, das Bild wird 3 Fluchtpunkte aufweisen. Bei nach oben gerichteter Kamera scheint das Bild nach hinten zu kippen respektive nach vorne wenn sie die Kamera nach unten richten. Die senkrechten Linien werden zu sogenannten stürzende Linien. Ob das Motiv durch stürzende Linien einen dynamischen Aspekt kriegt oder ob diese als empfundenen Fehler auftreten hängt stark vom Motiv ab. Für Architekturaufnahmen sind zwei Fluchtpunkte, je einer für die Tiefe und die Breite ideal, stürzende Linien werden nicht so gerne gesehen.

Texturgradient

Texturgradient

Der Texturgradient ist eine ähnliche Auswirkung der Perspektive wie die Fluchtlinien, allerdings bezogen auf Muster und Texturen, respektive auf deren Strukturgrösse. Unter intuitiver Annahme ähnlicher Grösse der Struktur bildenden Elemente entsteht ein Eindruck von räumlicher Tiefe, indem die Textur mit wachsender Entfernung feiner strukturiert erscheint.

Bedeutungsperspektive

Nebst der Linearperspektive sind fast beliebig viele andere Abbildungsarten möglich. So bilden zum Beispiel Fisheye-Objektive nach anderen Ansätzen ab.

Denkbar sind aber auch mentale Perspektiven:

Kinder und "Primitive" sind, wenn sie etwas räumlich zeichnen wollen, nicht mit der sich zufällig aus dem Standpunkt ergebenden Perspektive zufrieden. Sie gehen in Gedanken um das Motiv herum und stellen es durch Drehen und Kippen so einfach, klar und vollständig wie gewünscht dar. Dies führt zu einer Perspektive, bei welcher nicht nach der räumlichen Wirklichkeit, sondern nach Wichtigkeit, Empfindung und Ausdruck proportioniert wird. Der Abbildungsmassstab ist nicht mehr eine geometrische Grösse, sondern ein Massstab der geistigen Bedeutung. Man nennt dies Bedeutungsperspektive.