Der Ärmste...

Ein Wort noch zum Fotografen

Im Intro haben wir den Fotografen erst ausgeschlossen und nach der bisherigen Lektüre steht er zudem ziemlich gebadet da. Er ist wirklich nicht zu beneiden. Fragen die er sich jetzt berechtigterweise stellt: Gelingt unter diesen Umständen über Bilder überhaupt ein Informationsaustausch, respektive welche Voraussetzungen müssen gegeben sein und was lässt sich gegebenenfalls machen, damit das Unterfangen gelingt. Zu deutsch: Wie kann sich der Fotograf auf der fotografischen Ebene verständlich machen.

Information design is defined as the art and science of preparing information so that it can be used by human beings with efficiency and effectiveness.

Robert E. Horn

Geht man davon aus, dass die Aufgabe der Journalisten weniger darin besteht, selbst Wissen zu schaffen (sonst wären sie ja Wissenschafter), als fremdes Wissen zu vermitteln, ist das Vorhaben durchaus realisierbar.

Nichts einfacher als das:

Hätten sie gedacht, dass es so einfach ist?

Schauen wir uns die einzelnen Punkte trotzdem noch etwas detaillierter an.

Gestalten sie das Bild so, dass es der Wahrnehmung entgegenkommt.

Jede Gestaltung beruht auf Ordnung. Ordnung bedeutet nicht Gleichklang, sondern Kontrast und Spannung, nur dadurch kann die sortierende (wesentlich und unwesentlich) Wirkung erzielt werden. Die Bildsignale müssen sich klar vom "optischen Rauschen" unterscheiden. In seinem Buch die hohen Schule der Fotografie (Seite 25) hat Andreas Feininger folgende Punkte zusammengefasst, um ein gutes Bild zu gestalten:

Andreas Feininger, Die hohe Schule der Fotografie, 1961 (2000)

Wenn man diese Regeln betrachtet, so kommt man nicht umhin, zu erkennen, dass es sich im wesentlichen um die fotografische Anwendung der Gestaltgesetze handelt.

Setzen sie die Zeichen so, dass der Betrachter sie versteht.

Das wesentliche an diese Aussage ist, dass sie den Betrachter kennen müssen. Das nennt sich Zielpublikum.

Im Buch "Puppenmord" (engl. Wilt) von Tom Sharpe gibt es eine Auseinandersetzung zwischen dem Literaturlehrer (Henry Wilt) und der Klasse Drucker III:

Wilt stand auf. "Du verfluchter kleiner Scheisskerl", schrie er, "du dreckige Rotznase".
Ich muss schon sagen, Henry, "ich hätte mehr Beherrschung von ihnen erwartet", sagte der Leiter der Allgemeinbildung, als Wilts Nase eine Stunde später nicht mehr blutete und die Schulschwester ihm ein Pflaster auf die Augenbraue geklebt hatte.

In obigem Textausschnitt geht es auch um das Zielpublikum. Der bemitleidenswerte Lehrer hat dieses leider verfehlt und wie sie sehen, ergab sich aus diesem Umstand eine Reaktion.

Werbekampagne von Benetton.
Bild: Oliviero Toscani

Sich auf das Zielpublikum konzentrieren nennt man Positionierung. Je klarer der Positionsbezug ausfällt, je ausgeprägter die eingenommene Position ist, desto grössere Akzeptanz beim Zielpublikum darf erwartet werden. Allerdings muss dazu auch gesagt werden, dass ein ausgeprägter Positionsbezug bei denjenigen, die nicht Zielpublikum sind, eine entsprechende Gegenreaktion (Reaktanz) auslösen kann.

Doch bei der Fotografie kann Ihnen so was nicht passieren.

Benetton hatte vermutlich auch so gedacht, jedoch mit ihrer Werbung HIV positive 1994 anderes erfahren - dies, obwohl und weil die Bilder mal ausnahmsweise nicht die ansonsten in der Werbung übliche unverbindliche Harmoniesucht transportierten.

Setzen sie die Fotografischen Zeichen so, dass der Betrachter nicht umhin kommt, sie so zu verstehen, wie sie dies beabsichtigen.

Was tun sie, wenn sie etwas erklären, damit man sie richtig versteht?

Das gleiche müssen sie auch fotografisch machen um gut verstanden zu werden.

Weshalb wissen wir, dass dies eine Kirche ist?

Information, die mehrfach enthalten sind, nennen sich redundant. Durch Redundanz wird erreicht, dass die Information sich beim Betrachter besser einprägt und auch im Falle einer "Störung" noch aufgenommen werden kann. Förderliche Redundanz ist somit für das Verständnis des Bildes nicht zwingend notwendig, macht ein Bild aber einfacher und eindeutiger lesbar, respektive ohne oder mit geringer Redundanz steigt die Gefahr von Fehlinterpretationen. Eine Möglichkeit für Redundanz in Bildern ist fotografische Weitschweifigkeit, mehrere Anknüpfpunkte innerhalb des Bildes für die gleichen Assoziationsfelder, das "gleiche" an verschiedenen Stellen.

Wie sieht dies im Bild aus? Das nebenstehende Bild eines Kirchraumes mag dies erläutern. Weshalb wissen wir, dass es sich um einen Kirchenraum handelt? Es sind mehrere Elemente vorhanden, die uns das erkennen lassen: Der Altarbereich, die Kirchenfenster, aber auch die Bankreihen. Ebenfalls ein unterstützendes Element ist das im Abschnitt Dramaturgie erwähnte Ambiente. So zählt also auch die gedämpfte Lichtstimmung als redundantes Element, um eine Kirche zu erkennen.

Und dann gibt's da noch die ganz offensichtliche Redundanz. Sie können Bilder auch in Serien zeigen, also Folgen, zum Beispiel als Langzeitthema, dann steht es ihnen frei, ein Thema ausgiebig von verschiedensten Seiten zu beleuchten bis es thematisch vollständig durchdrungen ist. Und nicht zuletzt bleibt uns als Redundanz auch noch der Kontext.

Beim Thema bleiben

Welcher Teil ist Figur, welcher Grund?

Mit der Redundanz haben wir Elemente ins Bild genommen, welche die Aussage vervielfältigen oder ergänzen respektive verdeutlichen. Zu dieses Vorgehen gibt es ein passendes Komplement: Bildelemente die ablenken oder widersprechen sollten wir weglassen. Was im Bild ist, aber nicht dazugehört muss Grund sein, darf nicht als Figur hervortreten. Also z.B. bei Portrait freistellen der Figur vom Hintergrund, durch längere Brennweite und grosse Blendenöffnung.

Trotzdem: Auch unscharfer Hintergrund will gestaltet sein. Im Abschnitt Gestalt haben wir folgendes festgehalten: Festzustellen ist, dass eher helle, symmetrische, konvexe oder kleine Flächen zur Figur werden, während dunkle, asymmetrische, konkave oder grössere Flächen zum Hintergrund werden.

Also Vorsicht z.B. mit hellen Flecken im Hintergrund.

Emotionen gestalten

Emotionen gestalten: So wirkt das Kindchen-
schema doch gleich viel unmittelbarer,
finden sie nicht auch?

Angeborene Auslösemechanismen wirken nicht alleine, ob sie dies wollen oder nicht. Stimmen Emotionen und sachliche Betrachtung des Bildes nicht überein (das Beispiel aus dem Artikel zur Hochzeitsfotografie: Weichzeichnerreportage vor Betonwand), so wirkt das Bild zwiespältig, dass Bild ist innerlich zerrissen, es bildet sich ein Gegensatz über zwei verschiedene Ebenen hinweg, dafür gibt es keine sachliche Lösung. Der menschliche Geist wird das Dilemma lösen indem er das Bild ablehnt.

Wollen sie mit dem Bild Emotionen auslösen, so widmen sie diesen Elementen gezielte Gestaltung. Schöpfen sie dabei ruhig aus dem vollen, die Gestaltung darf vom durchschnittlichen abweichen. Wenn sie Inspirationen brauchen, analysieren sie Lichtführung und Farbgestaltung eines Horrorfilms (alternativ: Liebesschnulze). Dies tun sie am besten im Standbildmodus, dadurch erhalten sie von jeder Szene auch gleich ein paar Bildvariationen, den Ton schalten sie dafür aus.

Zeigen sie nicht alles - geben sie den Emotionen und der Phantasie etwas Raum zur selbstständigen Entfaltung. Die gestalterischen Massnahmen dafür sind Schärfe, Perspektive (Frosch und Vogelperspektive), Grössenverhältnisse und Anschnitte.

Ein anderer Aspekt betrifft Farbe und Belichtung. Farben sind "psychologisch aktiv", setzen sie diese für ihren Zweck ein. Und auch bei der Wahl der Belichtung gibt es Leben jenseits "richtiger Belichtung". Highkey respektive Lowkey sind dabei nur zwei Aspekte, auch eine "abgesoffene" schwarze Fläche dürfen sie in Betracht ziehen wenn sie fotografisch eine emotionale Kiste zimmern.

Nebst der Gestaltung und nicht zuletzt: Bemühen sie sich um Authentizität. Dies bedeutet, dass ihr Handeln nicht durch externe Einflüsse bestimmt wird. Gruppenzwang und Manipulation beispielsweise unterwandern persönliche Authentizität.

Weitere Einflüsse: Während sie Lebensmittel-Fotografie betreiben sollten sie nicht hungrig sein, für Aktfotografie gilt sinngemässes.