Das Auge ist willig, doch der Geist ist schwach

Ähnlich einem Fotoapparat wird beim Auge die Umgebung auf die Netzhaut projiziert. Das Abbild des angreifenden Säbelzahntiger aus der realen Umwelt wird in den Zäpfchen und Stäbchen der Netzhaut in eine grosse Anzahl Einzelreize zerlegt. Daraus soll unser Gehirn in mühseliger Puzzlearbeit jetzt ableiten, was da draussen tatsächlich geschieht, und dies bitte schnell. All die Überschneidungen analysieren, die Farbflecken in x-möglichen Konstellationen zusammenfügen, aus allen Alternativen die richtige Wahrnehmung ableiten. Das kommt nicht gut.

Schon die Tatsache, dass wir hier über unsere Wahrnehmung nachdenken ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass nicht all unsere Vorfahren gefressen wurden, während sie noch mit der korrekten Wahrnehmung beschäftigt waren. Die Evolution fand ganz offensichtlich rechtzeitig eine andere Lösung.

Bild: Michael Albat

Damit wir schnell reagieren können wird die grosse Zahl an möglichen Interpretationen eines Reizes anhand von Regeln stark reduziert, ausgewählt wird nur diejenige, die der Verstand am leichtesten handhaben kann. Das Bewusstsein stellt sich somit nur auf eine von mehreren Wahrnehmungsalternativen ein, es ist nicht imstande, gleichzeitig verschiedene Bedeutungen von Sinneseindrücken zu sehen.

Gestalt hat nur für uns, was wir überschauen können.

Karoline von Günderode

Wahrnehmung ist also kein fotografischer Vorgang, das Sehen keine Projektion der Realität in unser Bewusstsein. Unser Auge interpretiert die sichtbare Umwelt nach bestimmten Regeln, die zwar plausibel, aber nicht objektiv "wahr" sind.

Nichts ist im Verstand, was nicht zuvor in der Wahrnehmung wäre.

Thomas von Aquin

Der Sehvorgang ist ein Prozess, bei dem vor allem vollständige Muster wahrgenommen werden. Die Gestalt bildet eine erkennbare Ganzheit, die gegliedert und geschlossen ist und sich von ihrer Umgebung abhebt. Zusammenhängende Formen werden als Ganzes wahrgenommen, zugunsten der Gestalt treten die Einzelelemente zurück. Das Ganze unterscheidet sich dadurch von der Summe der einzelnen visuellen Elemente.

Prägnanz, Einfachheit und Gute Gestalt

Das Zusammenfassen der Einzelelemente erfolgt derart, dass die entstehenden Ganzheiten in irgendeiner Weise vor andern denkbaren Einteilungen durch die Gestalt ausgezeichnet sind, dass unter anderem möglichst einfache, einheitliche, geschlossene, symmetrische, gleichartige Ganzgebilde entstehen. Diese Gebilde werden "Gute Gestalt" genannt. Als "Prägnanz" wird die Wahrnehmung eines Gebildes in der einfachsten Form verstanden.

Die Tendenz zur Prägnanz zeigt sich darin, dass wir ein Objekt als rund, rechteckig oder dreieckig auffassen, auch wenn das Gebilde diesen geometrischen Idealen nur sehr grob entspricht. Die Wahrnehmung ist so geschaffen, dass sie stark idealisiert, indem sie möglichst viele Reize diesen Merkmalen angleicht. Eine unvollständige Gestalt wird entsprechend ergänzt, eine leicht unsymmetrische Gestalt wird symmetrisch wahrgenommen.

Das Auge ist nicht nur ordnungsliebend, es ist auch gestaltsuchend.

Peter Jenny in "Zeichnen im Kopf", Seite 8.

Eine Gute Gestalt ist stabil. Wir können diese Gestalt drehen oder gar verformen, ohne dass sich der Gedanke aufdrängt, wir hätten es bei jeder Veränderung mit einer anderen Gestalt zu tun. Dadurch wird eine Gute Gestalt auch transportierbar, wir können sie auch in einem völlig veränderten Umfeld als identische Gestalt erkennen.

Die Figur-Grund-Beziehung

Figur und Grund

Dies ist kein Chaos ...

Gute Gestalten treten stets als Figur hervor, die übrigen Sehreize werden zum Grund, von welchem sich die Figur abhebt. Die Figur ist begrenzt, bestimmt, fest und tritt hervor. Durch die nicht erfolgende Zusammenfassung zu Gestalten ist der Grund entsprechend unbegrenzt, unbestimmt, offen und tritt zurück.

Eine eindeutige Figur-Grund-Beziehung trägt zu einer prägnanten Bildbotschaft bei. Mehrdeutige Figur-Grund-Beziehungen sind in diesem Zusammenhang zu vermeiden. Die flächenmässige Einteilung ist wesentlich für den Figurentscheid. Festzustellen ist, dass eher helle, symmetrische, konvexe oder kleine Flächen zur Figur werden, während dunkle, asymmetrische, konkave oder grössere Flächen zum Hintergrund werden. Also Vorsicht zum Beispiel mit hellen Flecken im Hintergrund.

Ein (in meinen Augen) interessanter Nebenaspekt: Chaos im eigentlichen Sinne als vollständige Unstrukturiertheit ist weder wahrnehmbar noch vorstellbar, da jede Wahrnehmung und Vorstellung ein Ordnung bildender Prozess ist. Chaos ist somit völlig abstrakt.

Gestaltgesetze

Einen wesentlichen Beitrag zur Figurbildung liefern die Gestaltgesetze, welche aussagen, nach welchen Regeln aus optischen Reizen eine zusammengehörige Figur gebildet wird, welche als Linie, Umriss oder Fläche vor einem Hintergrund gesehen wird.

Wichtig ist auch, dass sich die Gestaltgesetze nicht auf Inhalte beziehen, sondern auf abstrakte Muster, Zusammenhänge, Eigenschaften und Verhältnisse. Sie beschreiben, wie wir "Dinge" wahrnehmen, unabhängig davon, ob es sich um angreifende Säbelzahntiger oder potentielle Paarungspartner handelt. Diese Gesetze sind:

Gesetz der Nähe

Gesetz der Ähnlichkeit. Elemente, welche
sich ähnlich sehen werden gruppiert.

Gesetz der Geschlossenheit
Bild: Michael Albat

Gesetz der guten Fortsetzung

Gesetz des gemeinsamen Schicksals

In einer konkreten Situation wirken zumeist mehrere der im folgenden dargestellten Gesetze. Je nach Situation kann das eine stärker wirken als die andern.

Gesetz der Nähe

Liegen Elemente nahe beieinander, so werden sie als zusammengehörig wahrgenommen. Entsprechend werden voneinander entfernt liegende Dinge als getrennt und unabhängig aufgefasst.

Als Konsequenz ergibt sich daraus, dass für die Wahrnehmung auch Leere respektive Zwischenraum eine Rolle spielt und nicht einfach Platzverschwendung darstellt. Leere ist somit bereits auf der frühen Stufe der kognitiven Wahrnehmung ein ordnendes Element. (Es ist also keineswegs sinnvoll, in ein Bild reinzustopfen was gerade noch reingeht.)

Gesetz der Ähnlichkeit

Auch in wesentlichen Punkten ähnliche Dinge werden gruppiert und als zusammengehörig aufgefasst. Entsprechend wird voneinander getrennt und als unabhängig wahrgenommen was sich in wichtigen Merkmalen unterscheidet.

Worin die Ähnlichkeit besteht ist soweit noch unwesentlich, sei es Farbe, Textur, Grösse oder auch Helligkeit. Mit zunehmendem Grad der Ähnlichkeit steigt auch die Tendenz der Gruppierung.

Während das Gesetz der Nähe über kurze Distanzen gruppiert, so wird durch Ähnlichkeit auch über grössere Abstände hinweg ein gemeinsamer Bezug erstellt.

Gesetz der Geschlossenheit

Dinge mit geschlossenem Umriss oder Elemente, die von einer Linie umfasst sind, werden von unserer Wahrnehmung gruppiert, also als zusammengehörig aufgefasst.

Für die Gruppierung innerhalb eines Umrisses ist eine vollständige Geschlossenheit nicht erforderlich. Es genügt bereits die Andeutung einer geschlossene Figur, die nicht vorhandenen Teile einer (einfachen) Figur werden in der Regel durch die Wahrnehmung ergänzt. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Linien, die eine leere Fläche umschliessen, ebenfalls leichter wahrgenommen werden als offene Linien. Die umschlossen Leerfläche wird dabei selbst zur wahrnehmbaren Form. Wie beim Gesetz der Nähe gibt es auch hier den Aspekt der Trennung. Während der Umriss die Elemente in seinem Innenraum gruppiert, trennt er diese zugleich auch von denjenigen ausserhalb der (geschlossenen) Umfassung. Was ausserhalb ist gehört nicht dazu.

Gesetz der guten Fortsetzung

Linien werden immer so gesehen, als folgen sie dem einfachsten Weg. Kreuzen sich zwei Linien, so gehen wir nicht davon aus, dass der Verlauf der Linien an dieser Stelle einen Knick macht.

Es braucht keinen vollständigen beziehungsweise durchgehenden Strich, um eine Linie wahrnehmen zu können. Wie auch schon beim Gesetz der Geschlossenheit wird unsere Wahrnehmung kleine Unvollkommenheiten ergänzen. Es genügt, dass die Elemente, die gruppiert werden, auf einer gedachten Linie oder Kurve liegen.

Somit werden auch einzelne Elemente, die auf einer virtuellen Linie angeordnet sind als zusammengehörig aufgefasst.

Gesetz des gemeinsamen Schicksals

Elemente, welche sich gleichmässig verändern oder bewegen, erscheinen als zusammengehörig. So werden zum Beispiel Tänzer aufgrund gemeinsamer Bewegungsabläufe als Einheit wahrgenommen.

Schauen ohne zu sehen

Wird ein Bild wahrgenommen, so bedeutet dies auch, dass der Betrachter in erster Linie sehen wird, was sich (möglichst) plausibel (im Idealfall widerspruchsfrei) in seine Gedankenmuster einweben lässt, was seine Ansichten unterstützt. Somit ergibt sich beim Betrachter eine Erwartungshaltung an das Bild. Man könnte sagen: Er wird sehen, was er sehen will. Es braucht schon recht viel, ihn von dieser fixen Idee abzubringen. Hier findet ein Übergang vom Wahrnehmen zum Erkennen statt.

Mit nebenstehendem Bild zeige ich ihnen die Struktur der Baumrinde. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein Computeralgorithmus zur Bestimmung des wesentlichen Motivbereichs dies bestätigen wird. Merkregel: Ein Computer hat immer recht! Alleine, vermutlich widerstrebt ihnen die Betrachtung des Bildes in meinem Sinne.

Der Wahrnehmungsprozess wird aber nicht nur stark dominiert durch das, was wir erwarten, sondern ebenso sehr durch das, was unserer Erwartung widerspricht. Erklingt ein uns bekanntes Musikstück, so werden wir nicht jeden Ton bewusst wahrnehmen, aber sobald dem Interpreten ein Fehler unterläuft fällt dies unmittelbar auf.