Information

Der Begriff Information ist sehr weitläufig und wird in verschiedenen Zusammenhängen oft sehr unterschiedlich gebraucht. Es scheint mir angebracht, für diesen Artikel vorerst eine kurze Übersicht zu gewähren.

Eigenschaften von Information:

Die Auswertung von Information geschieht auf drei Ebenen:

Ich werde versuchen, in den Texten die ersten beiden Ebenen durch Wahl der Worte "Wahrnehmen" und "Erkennen" gezielt zu unterscheiden.

Semantischer Aspekt der Information

Hat die Wahrnehmung ihren Entscheid für die Figur getroffen, so taucht diese Figur jetzt im Vorgang des Erkennens auf als Fotografisches Zeichen, und dieses Zeichen will gelesen werden. Erkennen (respektive lesen) bedeutet, dem Zeichen Bedeutung zuweisen. Fotografisches Zeichen bedeutet aber immer auch, dass es uns bekannt ist, ansonsten würde es als Zeichen nicht taugen und wäre als solches auch nicht wahrgenommen worden.

Erkennen setzt also bei den bekannten Anteilen des Bildes an, denjenigen, die sich assoziativ optimal in den Gedankenmustern des Betrachters einweben lassen und somit Sinn machen. Dieses Einordnen einzelner bekannter Bildanteile in bisherigem "Wissen" stellt den Anker dar für das was da nachkommen mag.

Mitarbeiter: Chef, eine Leiche!
Der Kommissar: Tot.

Weitere wahrnehmbare Informationen im Bild sind Neuigkeiten, diese müssen auf ihre Bedeutung konkret und bewusst geprüft werden. Ihr sinnvolles Einordnen in die gegebenen Umstände stellt eine Wirkung des Erkennens dar und führt zu einem Wissenszuwachs. Erkennen ist somit ein schöpferisches Begreifen der Wirklichkeit.

Wenn zwei Menschen immer dasselbe denken, ist einer von ihnen überflüssig.

Winston Churchill

Originalität beruht auf Information. Formalismen und modische Spielereien sind formalästhetische Aspekte und können mangelnde Originalität deshalb nicht kompensieren.

Komplexität
Originalität
Ordnung
Banalität
Empfinden
100% 0% unerträglich, verwirrend
83% 17% anstrengend, aufregend
67% 33% interessant, anregend
50% 50% reizvoll
33% 67% wohltuend, beruhigend
17% 83% langweilig
0% 100% unerträglich, fad

Ein wesentlicher Aspekt des Bildes ist das Verhältnis von Neuem zu bereits Bekanntem, oder anders ausgedrückt, von Komplexität und Originalität zu Ordnung und Banalität. Zuviel Neues resultiert in Unverständnis, zuviel Bekanntes in Langeweile.

Der Code, nach welchem die Fotografischen Zeichen in Bedeutung umgesetzt werden liegt also beim Betrachter und nicht im Bild. Er besteht aus

Mit kultureller Prägung haben wir es zu tun, wenn uns ein Bild spannend erscheint weil es eine exotische, für uns wenig bekannte Welt zeigt, aber auf jemanden, der in der gezeigten Umgebung aufgewachsen ist langweilig wirkt. Die kulturelle Prägung ist in diesem Fall ein für den Fotografen zu beachtender Code, damit der Betrachter das Bild in seinem beabsichtigten Sinn versteht, den Zeichen also die zugedachte Bedeutung beimisst.

Das gleiche Spiel basierend auf individueller Prägung: Der Fotograf verbindet mit einem Liegestuhl traumhafte Ferien, der Betrachter erinnert sich daran, wie er in diesem gottverdammten Miststück wiederholt die Finger schmerzhaft eingeklemmt hat. Sie sehen, individuelle Prägung kann selbst familienintern zu Missverständnissen führen.
Aber auch die Ideologie respektive Weltanschauung des Betrachters muss als Teil des individuellen Interpretationsspielraums anerkannt werden.

Erfahrung und Wissen hat eine grundsätzliche Bedeutung bei der Auswertung von Bildinformation (der Blinde ertastet es am Stock). Aber auch das Wissen um das Medium Fotografie selbst hat Einfluss. So wird eine Fotografie anders betrachtet, wenn man sie als Analogon der Realität (technischer Abklatsch der Wirklichkeit) nimmt, als wenn man die Möglichkeiten der Einflussnahme durch den Fotografen in Betracht zieht und ihr somit kritisch gegenüber steht.

Die dem Fotografischen Zeichen zugewiesene Bedeutung ist jedoch auch von äusseren Umständen abhängig. Einige Faktoren geben der Bedeutungszuweisung eine Richtung vor, diese sind:

Der Kontext ist ein äusserer Zusammenhang des Bildes mit zusätzlichen Informationen. Ein Bild steht praktisch nie isoliert für sich alleine, zumeist wird es begleitet von Text, Layout, Erläuterung (z.B. bei der Diashow: Diese Badehose hab ich jetzt schon seit 20 Jahren...) oder auch bloss von einem Bildtitel. Diesen Informationen wird sich das Bild nicht selten unterordnen, zumindest solange wie allfällige Widersprüche mit gutem Willen überbrückbar sind.

Bild: Michael Albat

Durch Erläuterungen erhält das Bild den ihm zugedachten und für den Betrachter zu übernehmenden Sinn: Das nebenstehendes Bild zeigt einen Seemann bei seiner täglichen Arbeit, dem Kielholen blinder Passagiere.

Der Kommunikationsumstand bezeichnet die Bedingungen, unter denen das Bild präsentiert wird. Es spielt eine Rolle, ob sie ein Bild im Museum oder in einem privaten Fotoalbum antreffen. Das gleiche Pressefoto eines Politikers in der NZZ (Neue Zürcher Zeitung, wirtschaftsliberal) oder in der WOZ (Wochenzeitung, leicht links) nimmt einen unterschiedlichen Sinn an, weil man sich der unterschiedlichen Positionen der Zeitung bewusst ist (Herr Blocher betrachtet vermutlich beide Zeitungen als links).

Die Begriffe des Sinns und des Umstandes sind damit zentral für die Absicht, die Bedeutung einer Fotografie möglichst genau zu bestimmen.

Kommen wir zur Sache,...

Was sagt ein Bild aus? Es spricht doch, oder? Sagt Kurt Tucholsky nicht "Ein Bild sagt mehr als tausend Worte"? Gerne gesehene Sätze sind auch: "Ein Bild spricht für sich alleine" oder gar "Die Aussage geht aus dem Bild hervor".

Einen Umstand dürfen wir nicht übersehen: Bild und Worte sind zwei verschiedene Dinge. Wir sind zwar imstande, ein Bild bezüglich seines Sinnes zu analysieren, daraus ergibt sich dann allerdings eine Analyse, das Bild ist etwas anderes.

Kommen wir in die Verlegenheit, die Aussage eines Bildes in Worte fassen zu müssen, so gelingt uns dies zwar oft ganz gut. Wir stellen aber nicht selten im Nachhinein zu unserem eigenen Erstaunen fest, dass wir jetzt blendend etwas erklärt und geklärt haben, jedoch keinesfalls das wiedergegeben haben, was das Bild für uns ausmacht.

Wenn die Analyse die Bedeutung korrekt in Worte übersetzt, so reduziert sie sich auf einige wenige Sätze. Die Wirkung der nonverbalen Kommunikation durch Bilder ist aber eine andere. Bilder werden nicht so gleichermassen bewusst verarbeite wie verbale Botschaften, stehen aber gleichzeitig dem emotionalen Leben näher. Es entwickelt sich ein tiefes Gefühl des Verstehens, gerade ohne verbale Analyse. Diese nämlich ruft den Wachhund des Intellekts auf den Plan und kann die Wirkung der nonverbalen Kommunikation zerstören.

vermutlich Rudolf Arnheim

Das bekannte Zitat von Kurt Tucholsky ist übrigens bis zur Verstümmelung verkürzt, korrekt lautet es:

Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte, was hunderttausend Worte nicht zu sagen vermögen, lehrt die Anschauung, die direkt an das Gefühlszentrum greift, die die Vermittlung von Gehirnarbeit als fast nebensächlich übergeht, die unausradierbar sagt, wie es gewesen ist.

Bild und Worte im Sinne von abstrakten Begriffen, also ohne Körpersprache und Klangeinflüssen sind zwei verschiedene Dinge. Wenn wir etwas sagen, so liegt der Zweck in erster Linie darin, dass uns jemand versteht. Sprache muss also universell sein um verstanden zu werden, ihre Zeichen sind Begriffe und haben eine umrissene Definition, einen festen Code gewissermassen, der beiden Seiten bekannt ist.

Begriffe sind in erster Linie knapp und allgemein. Hinter dem Begriff "Pferd" kann sich ja nun so allerlei verbergen, vom schäferhundgrossen Pony bis zum elefantenartigen Brauereipferd, vom Schimmel zum Rappen, einfarbig oder gefleckt. Und zur Not schliessen wir auch mal Esel und Zebras in den Begriff mit ein.

Das Pferd im Bild ist jedoch unmittelbar ein Individuum - auch ohne weitere Präzisierung ist klar, um welches Pferd es sich handelt.

Mit Worten werden wir das Pferd soweit präzisieren bis es die für den Fortgang der Geschichte notwendige Konkretheit hat. Beim Bild ist diese Konkretisierung von Anfang an gegeben. Und weil der Hintergrund im Bild ebenfalls scharf abgebildet wurde ist bereits zuviel gesagt. Mit Worten bauen wir also gezielt auf, bei Bildern sollten wir bestrebt sein, auf das notwenige zu reduzieren. Die Bildwahrnehmung hat keine entsprechende, von den Betrachtern unabhängige Bedeutungszuordnung wie Worte. Die Bildwelt ist daher für jeden Menschen mehr oder weniger individuell.

Piktogramme sind der Versuch, mittels Bilder in einer Universalsprache zu kommunizieren. Doch die Tatsache vorgegebener Bedeutungen macht Piktogramme faktisch eher zu Worten den zu Bildern.

Sprache und Bilder werden im Gehirn unterschiedlichen Cortex-Regionen zugeordnet. Das Sprachzentrum ist in der linken, rationalen Hirnhemisphäre angeordnet. Das sekundäre Sehzentrum gehört zu den so genannten Assoziationszentren des Gehirns, in welchem die verarbeiteten (wahrgenommenen) Muster aus der primären Sehrinde bekannten Sinneseindrücken gegenübergestellt und damit erkannt werden. Die Assoziationszentren befinden sich in der rechten, emotionalen Hirnhemispäre.