Der Raum ist flach...
Ausserhalb der Fotografie erleben wir "Raum" auf verschiedenste Weise. Ein Teil des Erlebnisses ist sich er optisch durch Sehen. Aber auch unser Gehör ist richtungsempfindlich. Weitere Empfindungen ergeben sich durch die Erdanziehung, welche die Dimension Oben-Unten durch die Schwere speziell auszeichnet. Auch Bewegung deutet auf Raum hin, diese ist auf Raum angewiesen, kann den Raum einnehmen, wir bewegen uns oder wir erleben Bewegung, z.B. in Form von Wind. Den Raum sind wir imstande auch über dessen "Füllung" wahrzunehmen. Duft und Klang kann einen Raum erfüllen, aber auch Wärme und Kälte, welche durchaus auch eine Richtungskomponente aufweisen können, z.B. als einzelner warmer Sonnenstrahl in der Kälte.

Bild: Michael Albat
Im fotografischen Bild hingegen ist der Raum flach - es ist dies eine der elementarsten Vorgaben des Mediums Fotografie. Zum Glück sind wir begabt und können im Bild trotzdem Räumlichkeit erkennen. Damit dieses Talent nicht verkümmert sollten sie ihm immer etwas diesbezüglich ansprechendes präsentieren.
Aufgabe des Fotografen (Sie ahnen es, damit sind sie gemeint) ist es, all die Aspekte des ausserhalb der Fotografie erlebten Raumes unauffällig aber überzeugend und authentisch (mein Lieblingswort) im Bild anklingen zuz lassen und dadurch die Beschränkung des Mediums mittels überlegter und überlegener Gestaltung zu überwinden.
... Sie finden also allen Ernstes, dies sei etwas gar viel verlangt? Ich stimme mit Ihnen überein! Aber sicher können wir uns darauf einigen, zumindest die vorhandenen Möglichkeiten der "fotografischen Raumgestaltung" optimal auszuschöpfen.

Bild: Michael Albat
Somit ist gleich von Anfang an klargestellt: Der Raum ist nicht so darstellbar wie wir ihn erleben. Es ist eine persönliche Definitionsfrage, ob dies als Vor- oder Nachteil betrachtet wird. Man Ray hatte einmal bemerkt, eine Realität würde ihm genügen, ein Duplikat erachte er als nicht notwendig. Ist es nicht ein Nachteil, so dürfen wir von einer Vereinfachung ausgehen. Das Medium Fotografie ist bezüglich Raum klar abstrahierend. Abstraktion ist immer eine Vereinfachung. Die Grenze der Fotografie definiert sich hier durch den Grad der zulässigen Vereinfachung.
Gabor Kis zu nebenstehendem Bild: "Der Horizont fällt auf".
Genau, da soll noch jemand sagen, das Bild hätte keine Tiefe.
Die Darstellung von "Raum an sich" ist fotografisch eine äusserst anspruchsvolle Herausforderung. "Make it as simple as possible, but not simpler". In diesem Zusammenhang stellen sich zwei leicht unterschiedliche Aufgaben:
- Darstellung der Körperhaftigkeit (Plastizität) von Objekten.
- Darstellung des Raumes als Weite und Offenheit.
Den Raum aufspannen
Unter Raumsehen versteht man die Fähigkeit unseres Sehapparates, die Information dreier Dimensionen wahrzunehmen. Im realen Raum basiert ein Teil dieser Wahrnehmung auf dem stereoskopischen Sehen mittels zweier Augen. Bei flachen Abbildungen fällt dieser Aspekt vollständig weg. Die Raumwahrnehmung im Bild basiert auf der Auswertung von Information, welche die Räumlichkeit des Objekts im ansonsten flachen Bild hinterlässt. Diese Interpretation der Räumlichkeit verlangt visuelle Erziehung. So wie wir auch lesen lernen müssen, durchlaufen wir eine Phase des Bilderlesenlernens. Man nimmt an, dass dies etwa ab dem Alter von 1,5 Jahren geschieht. Man lernt dabei, einen wiedergegebenen Gegenstandes mit dem wirklichen Gegenstand zu identifizieren. Dies bezieht sich keinesfalls nur auf Fotografie, mit zunehmendem Alter werden immer abstraktere Bilder entzifferbar, z.B. Piktogramme oder Strassenkarten. Es ist also unsere Erziehung, welche uns geprägt hat und uns erlaubt, in einem zweidimensionalen Bild dreidimensional zu sehen. Experimente haben gezeigt, dass Personen, welche in einem völlig anderen Kulturkreis aufgewachsen sind, Schwierigkeiten haben, aus einer perspektivischen Linienzeichnung auf die Räumlichkeit zu schliessen (Jan B. Deregowski, 1972, Pictoral Perception and Culture).
Die dritte Dimension hinterlässt in einem Bild die folgenden Spuren:
Die Perspektive beinhaltet die geometrischen Aspekte der Abbildung. Die Abbildungsart der Linearperspektive an sich, Grössenverhältnisse innerhalb des Bildes sowie deren Bezüge zu Aufnahmerichtung und Aufnahmestandort.
Licht und Schatten basieren auf Räumlichkeit und Lichtrichtung. Sie sind starke Vermittler von Rauminformation im Bild.
Gerichtetes hartes Licht hebt durch Schattenbildung Formen und Strukturen hervor. Schatten trägt derart
wesentlich zum Räumlichkeitseindruck bei.
Körper wirken plastisch. Weiches Licht bildet die Objekte entsprechend flächig ab. Mehr dazu lesen sie im
Kapitel Licht.
Luftperspektive im erweiterten Sinn ist Räumlichkeit, welche sich über die Kontrast- Farb- und Schärfeverteilung innerhalb des Bildes erschliesst. Bei Landschaften verringert sich mit zunehmender Ferne der Kontrast infolge des atmosphärischen Dunstes. Damit ist normalerweise auch eine Verblauung verbunden. Entfernte Objekte sind oftmals nur noch blasse Silhouetten, Ebenen (z.B. Hügelketten) werden durch Ebenen mit abnehmender Sättigung gut gestaffelt dargestellt.
Gestalterisch kann der Effekt durch abnehmende Schärfe in der Tiefe wirkungsvoll unterstütz werden - sprich: geringe Schärfentiefe, Schärfe auf den Vordergrund gelegt.

Bild: Michael Albat
Überschneidungen: Zwei oder mehrere Objekte überschneiden sich, das vordere deckt das hintere ab - so einfach ist das - ich geb's zu, ist etwas gar banal, ist aber trotzdem so.
Nicht direkt einreihbar in obigem Schema ist die Raumdarstellung durch Ebenen. Es ist dies der gezielte Einsatz von "Schichten" innerhalb eines Bildes, welche jeweils klar eigenständige Distanzbereiche repräsentieren. Die wohl einfachste Ebenenaufteilung enthält die Bereich "vor dem Motiv", "Motiv" und "hinter dem Motiv" - Vordergrund, Mittelgrund und Hintergrund.
Nicht immer sind in einem Bild alle Aspekte der Raumabbildung gleichermassen enthalten. Während Landschaftsfotografie stark mit Ebenen und Luftperspektive arbeiten kann, sind diese Mittel nicht geeignet zur Betonung der Plastizität einer dreidimensionalen Figur. Für letzteres eignet sich eine gezielte Lichtführung (resp. Abwarten des geeigneten Lichts) und spezifische Aspekte der Linearperspektive, z.B. Einsatz mehrerer (2 oder 3) Fluchtpunkte.
Es stellt sich grundsätzlich auch die Frage, ob ein Bild räumlich wirken soll. Ein Bild ist dann optimal, wenn nichts mehr weggelassen werden kann (das ist ein Zitat von einem sicherlich furchtbar bekannten Zeitgenossen, dessen Namen mir im Moment aber nicht einfällt. Ich werd den Namen angeben wenn ich ihn wieder weiss). Für ein Bild mit starker Grafik ist unter Umständen Räumlichkeit eine Eigenschaft zuviel. Fragen betreffend Räumlichkeit beinhalten somit nicht nur den Aspekt, wie Räumlichkeit vermittelt werden kann, sondern unter Umständen auch, wie man sie vermeidet.