Einen Schritt zurückstehen

Wie lassen sich gute Bilder bestimmen, was lässt ein Bild zu einem guten Bild werden? Fragen wir einen Fotografen: Ein gutes Bild ist ein Bild, das für seine Erstellung eine nackte Frau notwendig macht.

Auch wenn diese Antwort unter vielen möglichen als schlechte Lösung erscheint, so ist sie gleichwohl nur bei oberflächlicher Betrachtung völlig am Thema vorbei, auf diesen Aspekt soll jedoch erst im Abschnitt Emotionen sinngemäss eingegangen werden.

Fürs erste scheint es sinnvoller, die Fotografen bei dieser Frage aussen vor zu lassen. Über gut und schlecht wird von der Kundschaft, den Bildbetrachtern, entschieden. Der Fotograf steht hier auf der falschen Seite - bewahre, die sind alle voreingenommen.

Eine Ansatz geht von drei Aktivierungspotenzialen aus:

  • Gestalt resp. Wahrnehmung -> Ästhetischer Gehalt -> physischer Reiz
  • Informationsgehalt -> gedanklicher Reiz
  • Emotionaler Gehalt -> emotionaler Reiz

Gestalt und Wahrnehmung:

Als erstes muss ein Bild erfassbar sein. Die Wahrnehmung trennt in erster Linie Objekte aus dem Umfeld und grenzt diese als sinnvolle abstrakte Einheiten ab.
Gestaltung kann diese Erfassbarkeit (Prägnanz) fördern, aber ihr auch zuwiderlaufen.

Physische Reize sichern sich Aufmerksamkeit durch Sichtbarkeit (resp. Unübersehbarkeit). Diese Reize sind praktisch unabhängig vom Betrachter.

Stichworte dazu: Farbe, Grösse, Kontrast, Klarheit, Prägnanz.

Information:

Die Information ist ein gedanklicher Reiz, sie erfordert bewusstes Erkennen und somit unsern Verstand. Durch geeignete Forderung des Intellekts werden Bilder interessant. Hierbei unterscheidet sich die Information von der Emotion. Je nach Inhalt fordert Information zum Nachdenken auf, je nach Deutlichkeit des Positionsbezugs kann sowohl Zustimmung als auch Widerspruch entstehen.
Stichworte hierzu: Überraschung, Neuartigkeit, Komplexität, Verfremdung, Provokation.
Gedankliche Reize nutzen sich schneller ab als emotionale Reize.

Emotion:

Emotionen sind ein zwar unbewusster, aber nicht minder wirkungsvoller Aspekt bei der Betrachtung eines Bildes. Der emotionale Reiz bewirkt hohe Aufmerksamkeit und unterliegt praktisch keiner Abnutzung. Allerdings hängt die Wirkung stark vom Betrachter ab.

Stichworte zum emotionalen Reiz sind: Babys, Erfolg, Erotik, Glück, Kleintiere, Prestige, Sicherheit, Angst, Konflikt.

Zusammenfassend können Bilder nach drei Kategorien beurteilt werden:

  • Bilder mit überwiegendem Informationsgehalt
  • Bilder mit überwiegend ästhetischem Gehalt
  • Bilder mit überwiegendem Emotionsgehalt

Keinesfalls müssen Bilder nach nur einem Kriterium gestaltet werden - es ist nicht verboten, eine Information ästhetisch zu übermitteln und Ästhetik muss auch nicht jeder Emotion entbehren. Bilder jedoch, welche keiner Kategorie entsprechen sind verfehlt.

Was ich ihnen noch sagen wollte

Die Wirkung eines Bildes lässt sich nur aus einer Gesamtsicht ergründen. Die Zerlegung in einzelne Stücke und deren Analyse stellt keine erschöpfende Beschreibung dar, da die Teilstücke für sich alleine des Sinnes beraubt sind. Die Erscheinungsweise jedes Teilelements wird bestimmt von seinem Platz und seiner Funktion in einer Gesamtstruktur, so wie ein einzelner Ton seinen Sinn weitgehend innerhalb einer Melodie erhält. Wenn wir die Wirksamkeit eines Bildes (oder spezifisch einer Fotografie) erfassen wollen, so müssen wir das Bild zuallererst als Ganzheit sehen. Was sind die stärksten Eindrücke, was machen die Farben, welche Dynamik ist dem Bild inne und welche Kräfte gehen davon aus? Erst jetzt darf ein Teilelement herausgreifen werden und in Anbetracht des Vorrangs von Hauptmerkmalen der Gesamtanlage eine Aussage getätigt werden.

Literatur

Als wesentliche Quellen dienten die Bücher Sehen - Gestalten und Fotografieren von Ernst A. Weber (das Buch liefert die Idee der drei Unterthemen) und Wodurch Bilder wirken von Martin Schuster. Die Angaben zu beiden Büchern finden sie unter Literatur.