Der Ärmste...

Ein Wort noch zum Fotografen

Im Intro haben wir den Fotografen erst ausgeschlossen und nach der bisherigen Lektüre steht er zudem ziemlich gebadet da. Er ist wirklich nicht zu beneiden. Fragen die er sich jetzt berechtigterweise stellt: Gelingt unter diesen Umständen über Bilder überhaupt ein Informationsaustausch, resp. welche Voraussetzungen müssen gegeben sein und was lässt sich gegebenenfalls machen, damit das Unterfangen gelingt. Zu deutsch: Wie kann sich der Fotograf auf der fotografischen Ebene verständlich machen.

Information design is defined as the art and science of preparing information so that it can be used by human beings with efficiency and effectiveness.

Robert E. Horn

Geht man davon aus, dass die Aufgabe der Journalisten weniger darin besteht, selbst Wissen zu schaffen (sonst wären sie ja Wissenschafter), als fremdes Wissen zu vermitteln, ist das Vorhaben durchaus realisierbar.

Nichts einfacher als das:

Hätten sie gedacht, dass es so einfach ist?

Schauen wir uns die einzelnen Punkte trotzdem noch etwas detaillierter an.

Gestalten sie das Bild so, dass es der Wahrnehmung entgegenkommt.

Jede Gestaltung beruht auf Ordnung. Ordnung bedeutet nicht Gleichklang, sondern Kontrast und Spannung, nur dadurch kann die sortierende (wesentlich und unwesentlich) Wirkung erzielt werden. Die Bildsignale müssen sich klar vom "optischen Rauschen" unterscheiden. In der hohen Schule der Fotografie (Seite 25) hat Andreas Feininger folgende Punkte zusammengefasst, um ein gutes Bild zu gestalten.

  • Klarheit und Einfachheit in Bezug auf Anordnung, Form und Farbe.
  • Kontrast, d.h. gute Differenzierung in Hinsicht auf Farbe, Tonwerte und räumliche Elemente.
  • Formen von klarem Schnitt; interessant und kühn.
  • Umrisslinien, die typisch für das Objekt sind, kräftig oder ungewöhnlich, klare Silhouetten.
  • Grafischer Aufbau, d.h. künstlerisch wirksame Anordnung in Bezug auf Linien, Formen und Verteilung von hellen und dunklen Bildelementen.
  • Tiefe, suggeriert durch Fluchtlinien, Objekte, die in verschiedenen Ebenen liegen, oder Luftperspektive.
  • Struktur, die die Oberfläche des Objektes charakterisiert und belebt.
  • Einzelheiten, die sinnvoll und klar sind.
  • Spontaneität und Bewegung, die auf Tätigkeit und Leben hindeuten.
  • Muster, Rhythmus und Wiederholung interessanter, verwandter Formen.

Andreas Feininger, Die hohe Schule der Fotografie, 1961 (2000)

Wenn man diese Regeln betrachtet, so kommt man nicht umhin, zu erkennen, dass es sich im wesentlichen um die fotografische Anwendung der Gestaltgesetze handelt.

Setzen sie die Zeichen so, dass der Betrachter sie versteht.

Das wesentliche an diese Aussage ist, dass sie den Betrachter kennen müssen. Das nennt sich Zielpublikum.

Im Buch "Puppenmord" (engl. Wilt) von Tom Sharpe gibt es eine Auseinandersetzung zwischen dem Literaturlehrer (Henry Wilt) und der Klasse Drucker III. Das liest sich so:

Wilt stand auf. "Du verfluchter kleiner Scheisskerl", schrie er, "du dreckige Rotznase".
Ich muss schon sagen, Henry, "ich hätte mehr Beherrschung von ihnen erwartet", sagte der Leiter der Allgemeinbildung, als Wilts Nase eine Stunde später nicht mehr blutete und die Schulschwester ihm ein Pflaster auf die Augenbraue geklebt hatte.

In obigem Textausschnitt geht es auch um das Zielpublikum. Der bemitleidenswerte Lehrer hat dieses leider verfehlt und wie sie sehen, ergab sich aus diesem Umstand eine Reaktion.

Sich auf das Zielpublikum konzentrieren nennt man Positionierung. Je klarer der Positionsbezug ausfällt, je ausgeprägter die eingenommene Position ist, desto grössere Akzeptanz beim Zielpublikum darf erwartet werden. Allerdings muss dazu auch gesagt werden, dass ein ausgeprägter Positionsbezug bei denjenigen, die nicht Zielpublikum sind, eine Gegenreaktion (Reaktanz) auslösen kann.

Doch bei der Fotografie kann Ihnen so was nicht passieren.

Bild: Oliviero Toscani für die Werbekampagne von Benetton.

Benetton hatte vermutlich auch so gedacht, jedoch mit ihrer Werbung "HIV positive" 1994 anderes erfahren - dies, obwohl und weil die Bilder mal ausnahmsweise nicht die ansonsten in der Werbung übliche unverbindliche Harmoniesucht transportierten. Auf welcher Seite stehen sie?

Setzen sie die Fotografischen Zeichen so, dass der Betrachter nicht umhin kommt, sie so zu verstehen, wie sie dies beabsichtigen.

Was tun sie, wenn sie etwas erklären, damit man sie richtig versteht?

Das gleiche müssen sie auch fotografisch machen um gut verstanden zu werden.

Information, die mehrfach enthalten sind, nennen sich redundant. Durch Redundanz wird erreicht, dass die Information sich beim Betrachter besser einprägt und auch im Falle einer "Störung" noch aufgenommen werden kann. Förderliche Redundanz ist somit für das Verständnis des Bildes nicht zwingend notwendig, macht ein Bild aber einfacher und eindeutiger lesbar, resp. ohne oder mit geringer Redundanz steigt die Gefahr von Fehlinterpretationen.

Eine Möglichkeit für Redundanz in Bildern ist fotografische Weitschweifigkeit, mehrere Anknüpfpunkte innerhalb des Bildes für die gleichen Assoziationsfelder, das "gleiche" an verschiedenen Stellen.

Wie sieht dies im Bild aus? Die Elemente des Nachdenklichen und der Konzentration finden sich in diesem Bild wiederholt. Einerseits beim Aufstützen der Hände (die beiden Frauen rechts im Bild), dann in der Lesebrille und nicht zuletzt auch in den Gesichtsausdrücken. In den Handhaltungen zum Kopf und dem Blick in die Ferne kommt auch ein Element des Ungewissen mehrfach vor. Das Thema Reise sollte ebenfalls durch den Blick in die Ferne und den Atlas ablesbar sein.

Und falls das Bild bisher nicht klar sein sollte, oben links in der Ecke steht es noch in Klartext. (Ich gebe es zu, das ist ein ganz billiger Trick, aber als Beispiel muss dies fürs erste genügen.)

Ein weiteres Beispiel: Die Zugfahrt. Einerseits ist dies ein Zug weil wir ihn an seinem Interieur erkennen können, andererseits sind durch das Fenster die Schienen auszumachen. Auch das Gesicht ist zweimal vorhanden. Durch die halbtransparente Spiegelung wird der verträumte Ausdruck gesteigert (so hoffe ich zumindest). Die Spiegelung ist also zusätzlich ein unterstützendes Element.

Ebenfalls ein unterstützendes Element ist das im Abschnitt Dramaturgie erwähnte Ambiente, auch wenn dabei nicht von Redundanz gesprochen werden kann. Und dann gibt's da noch die ganz offensichtliche Redundanz. Sie können Bilder auch in Serien zeigen, also Folgen (z.B. als Langzeitthema, dann steht es ihnen frei, ein Thema ausgiebig von verschiedensten Seiten zu beleuchten bis es thematisch vollständig durchdrungen ist. Und nicht zuletzt bleibt uns als Redundanz auch noch der Kontext.

Beim Thema bleiben

Mit der Redundanz haben wir Elemente ins Bild genommen, welche die Aussage vervielfältigen oder ergänzen resp. verdeutlichen. Zu dieses Vorgehen gibt es ein passendes Komplement: Bildelemente die ablenken oder widersprechen sollten wir weglassen. Was im Bild ist, aber nicht dazugehört muss Grund sein, darf nicht als Figur hervortreten. Also z.B. bei Portrait freistellen der Figur vom Hintergrund, durch längere Brennweite und grosse Blendenöffnung.

Trotzdem: Auch unscharfer Hintergrund will gestaltet sein. Im Abschnitt Gestalt haben wir folgendes festgehalten:

"Festzustellen ist, dass eher helle, symmetrische, konvexe oder kleine Flächen zur Figur werden, während dunkle, asymmetrische, konkave oder grössere Flächen zum Hintergrund werden."

Also Vorsicht z.B. mit hellen Flecken im Hintergrund.

Gestalten sie Emotionen.

Angeborene Auslösemechanismen wirken nicht alleine, ob sie dies wollen oder nicht. Stimmen Emotionen und sachliche Betrachtung des Bildes nicht überein (das Beispiel aus dem Artikel zur Hochzeitsfotografie: Weichzeichnerreportage vor Betonwand), so wirkt das Bild zwiespältig, dass Bild ist innerlich zerrissen, es bildet sich ein Gegensatz über zwei verschiedene Ebenen hinweg, dafür gibt es keine sachliche Lösung. Der menschliche Geist wird das Dilemma lösen indem er das Bild ablehnt.

Wollen sie mit dem Bild Emotionen auslösen, so widmen sie diesen Elementen gezielte Gestaltung. Schöpfen sie dabei ruhig aus dem vollen, die Gestaltung darf vom durchschnittlichen abweichen. Wenn sie Inspirationen brauchen, analysieren sie Lichtführung und Farbgestaltung eines Horrorfilms (alternativ: Liebesschnulze). Dies tun sie am besten im Standbildmodus, dadurch erhalten sie von jeder Szene auch gleich ein paar Bildvariationen, den Ton schalten sie dafür aus.

Bild links: So wirkt das Kindchenschema doch gleich viel unmittelbarer, finden sie nicht auch?

Zeigen sie nicht alles - geben sie den Emotionen und der Phantasie etwas Raum zur selbstständigen Entfaltung. Die gestalterischen Massnahmen dafür sind Schärfe, Perspektive (Frosch und Vogelperspektive), Grössenverhältnisse und Anschnitte.

Ein anderer Aspekt betrifft Farbe und Belichtung. Farben sind "psychologisch aktiv", setzen sie diese für ihren Zweck ein. Und auch bei der Wahl der Belichtung gibt es Leben jenseits "richtiger Belichtung". Highkey resp. Lowkey sind dabei nur zwei Aspekte, auch eine "abgesoffene" schwarze Fläche dürfen sie in Betracht ziehen wenn sie fotografisch eine emotionale Kiste zimmern.

Nebst der Gestaltung und nicht zuletzt: Bemühen sie sich um Authentizität. Dies bedeutet, dass ihr Handeln nicht durch externe Einflüsse bestimmt wird. Gruppenzwang und Manipulation beispielsweise unterwandern persönliche Authentizität.

Weitere Einflüsse: Während sie Food-Fotografie betreiben sollten sie nicht hungrig sein, für Aktfotografie gilt dies sinngemäss.