Freude schöner Götterfunken...
Emotionen sind gekennzeichnet durch drei Verhaltensebenen (gemäss Kroeber-Riel):
- Subjektives Erlebnis,
- Neurophysiologische Vorgänge,
- Beobachtbares Ausdrucksverhalten, wie Mimik und Gestik.
Der emotionale Gehalt von Bildern wird weder
von der Gestalttheorie noch von der Informationstheorie
berücksichtigt. Er ist zwar kaum messbar, tritt aber überall dort klar in Erscheinung, wo Bilder weder
aufgrund hervorragender Bildgestaltung noch aufgrund des Informationsgehalts ihre Wirkung ausüben, sondern
ihre Bedeutung dadurch erlangen, dass sie das Gefühl ansprechen.
Für emotional ansprechende Bilder gibt es kaum Ausgewogenheit, sie sind zumeist ungewöhnlich schön oder abstossend hässlich. Food- und Aktaufnahmen gehören zu solchen Bildern und somit auch zu den schwierigen fotografischen Disziplinen. Wird z.B. bei Erotik resp. Aktaufnahmen zu stark auf Wahrnehmung und Information gezielt, so verwandelt dies den Akt flugs in Pornografie.
Pornografie ist die direkte Darstellung der menschlichen Sexualität und des Sexualakts mit dem Ziel, den Betrachter sexuell zu erregen, wobei die Geschlechtsorgane in ihrer sexuellen Aktivität bewusst betont werden.
Aus Wikipedia
... Neurophysiologische Vorgänge sind also zu beobachten.
Die Wirkung hängt auch hier vom Betrachter ab, resp. von dessen Sensibilität für das Gezeigte.
Schlüsselreize
Viele Emotionen liegen im Dunstkreis von drei grossen Themen: Ernährung, Fortpflanzung und Verteidigung. Emotionale Wahrnehmung lässt sich an menschlichen Körpermerkmalen verdeutlichen:
Wird ein Körpermerkmal
abweichend von seinen normalen Proportionen dargestellt, so fällt dies sofort
als unnatürlich auf. Das Bild wird auf der rationalen "Informationsebene" verworfen.
Bei einigen Körpermerkmalen hingegen kommen Emotionen ins Spiel:
Beide Bilder:
aus dem Buch "Martin Schuster, Wodurch Bilder wirken, Psychologie der Kunst"
Freude schöner Götterfunken! Zugegeben, ist zwar alles auch ein wenig übertrieben, aber damit lässt sich locker leben, nicht wahr?
Faustregel: Schlüsselreize sind auch immer Motive, welche sich für Schmierereien in öffentlichen Toiletten eignen.
Sobald Schlüsselreize dargestellt werden wird die Bildwirkung nicht mehr auf der nüchternen Ebene, sondern instinktgesteuert "interpretiert". Die Empfinden der Schönheit des weiblichen Körpers ist stark von der Ausprägung der sekundären Geschlechtsmerkmale abhängig, die ihrerseits zum Teil mit der Funktion des Gebärens zusammenhängen. Man bedenke auch, welche Bedeutung Jugendlichkeit und Gesundheit für die die Beurteilung der Körperschönheit haben. Trifft man also eine Auswahl aufgrund des Schönheitsempfindens, so hat man "instinktiv" die Entscheidung für das nach biologischen Gesichtspunkten optimale Objekt getroffen. In diesem Bereich hat sich evolutionär ein Schönheitsempfinden gebildet, welches biologischer Relevanz untergeordnet ist: Als schön wird empfunden was auch gut ist.
Für die Gestaltung ergibt sich daraus auch gleich ein Umkehrschluss: Was schön ist, wird als gut empfunden. Die Folge davon ist der beachtenswerte Aufwand, welcher für Verpackungen betrieben wird (Die Verpackung ist oftmals "schöner" als das Produkt).
Ein bekannter Schlüsselreiz ist das
Kindchenschema:
- Grosser Kopf
- Grosse, dominante, gewölbte Stirn
- Relativ weit unten liegende Gesichtsmerkmale (Augen, Nase, Mund)
- Grosse, runde Augen
- Kleine, kurze Nase
- Runde Wangen
- Kleines Kinn.
Die grosse Hand links gehört nicht dazu.
Das Kindchenschema löst bei Erwachsenen den Beschützer-Instinkt aus. Und den Pflege-Instinkt, die grosse Hand links gehört also doch dazu.
Bild: (c) by Carbodydesign.com
Die aus dem Kindchenschema abgeleitete "Verpackung" wird oftmals bei Kleinwagen auffällig. Beachtenswert bei nebenstehendem Bild ist die Perspektive aus leicht erhöhtem Standort, ähnlich dem Kinderbild oben. Die typischen Merkmale des Kindchenschema werden dadurch betont.
Es ist jedoch nicht so, das wir durch den Instinkt gesteuert tatsächlich auch handeln. Das Handeln selbst wird von starken kulturellen Konventionen eingeschränkt. Hingegen erstellen Schlüsselreize Bereitschaft: Sexuelle Stimmungen, Verehrung, Kampfstimmung, Aggression, Essbereitschaft - welche ihrerseits auch die Wahrnehmung entsprechend stark beeinflussen.
Bilder (und Farben) greifen also ohne bewusste Prozesse in unsere Stimmungen und Gefühle ein. Hier wird auch die politische Bedeutung der Kunst verständlich: Jedes despotische Regime muss die Kunst der Zeit kontrollieren, wenigstens die Gebrauchs-Kunst oder den Kunst-Geschmack.
Ein Paradebeispiel stellte diesbezüglich das dritte Reich dar. Als geistige Vorbereitung auf das nun kommende "1000-jährige Reich" – der Mensch als Masse - dienten Filme wie Triumph des Willens von Leni Riefenstahl. Entartete Kunst hingegen wurde als dem Volksgeist schädlich eingestuft.
Nicht denken, grübeln, zweifeln: Nein Aktion, was machen, egal was: machen! Meinung, Stimmung und Haltung sind wichtiger als Argumentation und Abwägung, eigene Wertung und Bewertung. Wer Ähnlichkeiten zu heute feststellt, ist selber Schuld.
Authentizität
Authentizität: [griechisch] echt, glaubwürdig, vom Urheber selbst. Echtheit, Glaubwürdigkeit, Zuverlässigkeit.
Dies ist ein heisses Eisen: Bei einem authentischen Bild geht man in erster Linie mal davon aus, dass das Bild einen Gegenstand oder eine Situation unverändert wiedergibt, das Bild also keiner Manipulation unterliegt. Ein authentisches Bild wirkt echt, es wird als real, urwüchsig, unverbogen und ungekünstelt wahrgenommen. Authentizität ist somit ein Bezug zu realem Leben, als Gegensatz zu einer künstlichen Welt. Authentizität entscheidet, welche Relevanz ein Bild für den Betrachter hat, resp. wie nahe ihm ein Bild treten kann. Was nicht authentisch wirkt hat einen Nachteil auf emotionaler Ebene.
Die Botschaft sehe ich wohl, allein mir fehlt der Glaube (frei nach Goethe)
Um authentisch zu wirken muss das Bild nicht zwingend ungestellt sein, es kann sich durchaus auch um eine Inszenierung handeln, das authentische wird dem Bild vom Betrachter zugeschrieben. Dabei haben es vor allem klischeehafte Stereotypen schwer. Michael Albat bewertet zuweilen Bilder, indem er angibt, wo er sie aufhängen würde. Makellos verfertigte Akt-Stereotypen eignen sich prima für den Spind, das (authentische) Bild der eigenen Freundin wird im Portemonnaie (Bedeutungsbezug!) mitgetragen.
Dramaturgie
Sachbilder für Kataloge können sie auf zwei Arten gestalten. Schattenlos ausgeleuchtet schwebende Objekte vor weissem Nichts oder als Gegenstände in ihrer natürlichen Umgebung (resp. für Ebay: als schwarzes Etwas vor dunklem Garagenhintergrund).
Emotionen sind keine Sache -
freigestellte "Emotionen" wirken nicht. Jede Emotion braucht Unterstützung
durch das Umfeld, durch Dramaturgie. Die Dramaturgie ist die ganze Komposition des Bildes, das Drumherum,
das Licht,...bis hin zu Konotationen. All dies macht das Ambiente, entscheidet, ob ein Bild leicht,
schwer, tief, hintergründig geheimnisvoll oder einfach oberflächlich erscheint.
Ein falsches Ambiente vermag nicht nur die erste Freundin zu vergraulen, sondern kann (schlimmer noch) auch ein ansonsten hoffnungsvolles Bild entmystifizieren. In einem solchen Fall bleibt dann meist nichts anderes übrig, als den enttäuschten Fotografen für sein technisches Geschick und die durchgehende Schärfe zu loben. Ambiente ist jedoch nicht nur Sonnenschein und Palmenstrand, sondern je nach Bedarfsfall auch Regen, Nebel und Müllhalde.