Medium
Um Information vom Sender zum Empfänger zu übertragen wird sie einem Transportsystem übergeben, dieses dient als Datenkanal für die Nachricht von dem Moment an, in dem der Sender seine Absicht entlässt, bis hin zu dem Moment, wo diese beim Empfänger angenommen wird. Dieser Transport verwendet konkrete Übertragungs-Eigenschaften - und sei dies nur der leere Raum, welcher Licht durchlässt - und ist somit auf Materie angewiesen welche diese Eigenschaften aufweist.
Der
Datenkanal ist jedoch keineswegs neutral, als materialisiertes System trägt er in seiner Form und seinem
physikalischen und chemischen Dasein selbst schon Information. Es ist dies seine natürliche Erscheinung
als Material, welche man aus Erfahrung kennt. Als Material selbst bleibt er in seiner Eigenschaft von der
zu übertragenden Information weitgehend unberührt.
Im Gegensatz dazu muss die Information jedoch den Transportbedingungen entsprechen. Durch die Formulierung wird die Information vom Sender an die Gegebenheiten des Datenkanals angepasst und dadurch das normale Erscheinungsbild des Datenkanals verändert. Diese Abweichung von der natürlichen Erscheinung wird dann gegebenenfalls vom Empfänger als Signal wahrgenommen. Dieses Signal wird zum Zeichen wenn die Ursache der Veränderung als Kommunikationszweck erkannt wird. Zeichen sind als nur Zeichen, wenn sie als solche interpretiert werden.
Der Information tragende Datenkanal wird Medium genannt. Über die transportierte Information hinaus haben Medien die Qualität, den zur Verfügung stehenden Formulierungsrahmen zu bestimmen. Ein Geist, der aus dem Jenseits keine Nachricht überbringt ist somit kein Medium, entsprechend ein ausgeschalteter Fernseher auch nicht (hier wäre zu klären, ob ein eingeschalteter Fernseher bei der heutigen Programmqualität noch als Medium bezeichnet werden kann).
Ich denke, Fernsehen bildet. Jedes Mal, wenn jemand den Fernseher einschaltet, gehe ich nach nebenan und lese.
Groucho Marx
Eigengesetzlichkeit bildnerischer Medien
Gesprochene Sprache erfordert die gleichzeitige Anwesenheit von Sender und Empfänger, der Hörer muss dem Redner zuhören wenn die Kommunikation zustande kommen soll. Es gibt aber auch Situationen, die es als wünschenswert erscheinen lassen, eine Nachricht dauerhaft anzulegen, sei dies als Warnhinweis, als Heiligtum oder auch als Fotografie. Eine solcherart angelegte Nachricht kann vom Empfänger ohne die Anwesenheit des Senders wahrgenommen werden. Man spricht in diesem Zusammenhang von
- indirekten Medien,
- als Gegensatz dazu von den direkten Medien,
wie sie zum Beispiel durch gesprochene Sprache verwendet werden. Bildende Kunst (Architektur, Bildhauerei, Malerei, Fotografie) verwendet meist (oder immer) ein indirektes Medium.
Eigenschaften indirekter Medien:
- Falls sich das indirekte Medium transportieren lässt wird die Information von ihrer Entstehung räumlich unabhängig.
- Durch die Konservierung ist Information auch bis zu einem gewissen Grad zeitlich unabhängig.
- Beim geschriebenen Text besteht ein verbliebener zeitlicher Bezug durch die Reihenfolge, in welcher sich die Information durch Lesen erschliesst.
- Bei den bildenden Künsten hingegen scheint alle (sichtbare) Informationen unmittelbar und gleichzeitig auf im Moment der Anschauung. Die Reihenfolge der Decodierung ist dann dem Betrachter überlassen. Jeder zeitliche Bezug ist dadurch gewichen.
- Bildende Kunst stellt ein körperliches Gebilde dar, welches vom Betrachter direkt wahrgenommen werden kann, ohne dass es dazu einer Inszenierung oder eines Interpreten bedarf, wie dies bei den darstellenden Künsten (Tanz, Theater) und der Musik der Fall ist. In diesem Aspekt unterscheiden sich Film und Fotografie wesentlich.
Somit wird es möglich, Information räumlich und zeitlich aus ihrem Entstehungszusammenhang (Kontext) herauszunehmen. Bildende Kunst muss daher aufgrund ihrer Medieneigenschaften durch sich selbst wirken.
Bei Präsentationen mässig gelungener Bilder werden von Fotografen gerne erhellende Erklärungen zu den Entstehungsumständen abgegeben (zuwenig Licht, Stativ nicht dabei...). Die Bilder werden dadurch vom Fotografen in einen neuen Kontext gebracht, damit diese die Zustimmung des Betrachters finden mögen. Dieser Kontext ist nicht integraler Bestandteil des Bildes, der Fotograf tritt in diesem Fall als Interpret auf. Damit wäre diese Art der Fotografie den darstellenden Künsten zuzuordnen (wohl Tanz und Theater) und das Werk wäre dann eine Performance. Sobald der Interpret jedoch wegtritt ist das Bild wieder das alte.
Orandum est, ut sit mens sana in corpore sano
lat. Bitten sollte man darum, dass in einem gesunden Körper ein gesunder Geist sei. (Juvenal)
In seinem Artikel warum fotografiere ich schreibt Michael Albat:
Es ist doch aber so, dass bei den Begriffen Foto, Fotografie und Photographie so eine leise Andeutung eines Papierabzuges mitschwingt - schon der Tradition wegen. Und die Grösse wie der Preis des Abzugs ist dann auch ein Mass unserer Wertschätzung.
Es ist nicht so, dass dem Medium einfach nur die schnöde Funktion als Nachrichtentransporteur zukommt. Für die darstellende Kunst ist die passende Verbindung von Kanal und Nachricht vielmehr das eigentliche Produkt. Der edle Barytabzug ist somit der geeignete Träger für die sorgsam gestaltete Schwarz-Weiss-Aufnahme und auch das Fernsehprogramm kriegt durch die 120cm Bildschirmdiagonale erst den richtigen Glanz. Der Inhalt einer Botschaft ist also nicht das einzige, was dem Betrachter gefallen mag, es sind auch die sinnlichen Eindrücke, welche der materielle Träger der Botschaft vermittelt. Diese materielle Seite des Mediums ist präsent, auch wenn man glaubt, dies gar nicht wahr zu nehmen. Davon ausgehend ist es dann gedanklich nur noch ein kleiner Schritt, welcher uns von der Verpackung auf den Inhalt schliessen lässt.