"Better living through plastics"
Autor: Andreas Hurni
Auf das Schreiben dieses Reviews hab ich mich gefreut.Um dieses Review hab ich mich lange herumgedrückt.
Wie schreibt man einen Holga-Testbericht?
Objektivität ist das eigentliche Gütekriterium von Testberichten. Sachlich,
evtl. sogar vergleichend soll das Objekt auf dem Prüftisch Schicht um Schicht
vom Werbemantel entkleidet werden, auf dass wir erkennen, welche Katze uns im
verbalen Sack verkauft werden soll (wurde). Das mag ein gutes Verfahren sein für
sagen wir mal Objektive, welche an einer Kamera derart arbeiten sollen, dass im
papierenen Endergebnis ihre individuellen Spuren möglichst nicht zu finden sind.
In diesem Review geht es jedoch um die Holga, eine so genannte Toykamera.
Grottenschlecht in jeder Beziehung hat sie trotz dem verwendeten professionellen
Mittelformat im Kreis der Rollei-Zeiss-Hasselblad-Fraktion (zu welcher ich mich
ansonsten sinngemäss auch zähle) schlechte Karten. Trotzdem geht für einige
Fotografen von dieser "Kamera" eine eigenartige Faszination aus.
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Als objektive Beschreibung einer Kamera ist der Holga nicht
gerecht zu werden. Berechtigterweise wird Unverständnis oder gar Ablehnung
das Resultat sein, im besten Fall Belustigung. Ausserdem: Michael "Ali" Albat versteht mich nicht wenn es ums Thema Holga geht, er hält die Kamera für Zeitverschwendung, womit er "bedingt nicht unrecht" hat. Ich glaub nicht, dass sich dies grundsätzlich ändern wird. Ihm möchte ich diesen Artikel widmen. |
Ein Fazit aus fotografischer Sicht ist zu ziehen, die nichttechnische
Klarheit zu schaffen, welche in Reviews gerne vernachlässigt oder mit technisch scharfen
Worten unschön geschönt wird. Nebst all den technischen Aspekten ist zu ergründen, was
mit dem Ding sinnvoll zu machen ist resp. ob darauf überhaupt jemand gewartet
hat. Ross und Reiter sind zu benennen wie Ali zu sagen pflegt.
Beginnen wir gleich damit: Auf die Holga hat niemand gewartet. Wohl auch
Frederic Lebain nicht, als er (vermutlich) 1998 in einem Fotoladen in New York
auf die Kamera stiess. Was sich da genau abspielte weiss ich nicht, aber er
dürfte die Kamera vor allem gekauft haben weil sie sehr billig und er bei guter
Laune war. Die ersten Bilder hat er wohl gemacht ohne eine spezielle Erwartung
daran zu knüpfen, ausser der nahe liegenden Vermutung, dass sie nicht von hoher
technischer Qualität ausfallen würden.
Aber irgendwas musste ihn an diesen Bildern gefesselt haben. Auf jeden Fall
hatte er die Kamera danach nicht weggelegt sondern seine Ferien mit der Holga
fotografiert, was dann später auch als Buch unter dem Titel
Mes
vacances avec Holga herausgebracht wurde. Dieses Buch wiederum wurde dem Holga
Starter-Kit
beigelegt
(Anmerkung: Inzwischen liegt ein anderes Buch bei). Es ist heutzutage selten, dass einer Kamera nicht
nur eine Bedienungsanleitung beiliegt, sondern auch eine mögliche Antwort auf
Sinnfragen.
Ich darf somit schon jetzt festhalten: Eine Holga kann offenbar Sinn machen,
nicht indem sie eine der üblichen Verbesserungen oder Weiterentwicklungen von
bestehendem darstellt, nicht indem sie gemessen an oder verglichen mit anderem
Equipment wird. Der Sinn liegt in den spezifischen Eigenarten der Kamera und
ihren Wechselwirkungen mit dem Fotografen.
Machen wir deshalb aus dem Review zwei Teile:
Was ist die Holga?
Was macht man mit der Holga?
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Die Holga ist eine in China billigst hergestellte
Sucherkamera. Eine Plastikkiste mit einer Art Optik, einem Verschluss und
einem Guckloch. Weder Messung, Autofokus oder Motor und auch kein Glas - richtig, auch die Linse ist aus Plastik. Professionell ist nur der 120-er Rollfilm, mit dem das Ding gefüttert werden will. |
Um die Kamera kurz zu charakterisieren:
Ich hab mich oft gefragt, zu welchem Zweck die Kamera hergestellt wurde, zu einem abschliessenden Urteil bin ich nicht gekommen, doch mit folgendem Gedanken dürfte ich wohl nicht völlig falsch liegen: Sicher war die Kamera 1982, als sie erstmals hergestellt wurde, nicht als Toykamera gedacht.
Ein paar Features bedürfen der näheren Erläuterung. Das wichtigste zuerst, die...
Zuerst mal: Die Optik hat 60mm Brennweite, für das 6x6-Format ist dies ein
leichter Weitwinkel.
Dann: Die Holga kann auch scharf abbilden, zumindest in der Bildmitte.
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Im Bild links kriegen sie einen Ahnung der
Abbildungsleistung. Sind sie beeindruckt? Es sind so ziemlich alle Abbildungsfehler enthalten, zu welchen eine derart einfache Optik fähig ist, insbesonders sehr gut sichtbare Randunschärfe. Das eigentliche Charakteristikum jedoch ist, dass das Objektiv das 6x6-Filmformat nicht in vollem Umfang auszuleuchten mag, eine ausgeprägte, unübersehbare Abdunklung der Bildecken (Vignettierung) ist die Folge davon. |
Es hat an der Holga eine Mechanik, welche eine Belichtungszeit bildet. Zum
Fotografieren ist das ganz praktisch, um nicht zu sagen, geradezu notwendig.
Genau eine Zeit stellt uns die Kamera zur Verfügung, wobei das Wort "genau" für
die Anzahl steht und nicht für die Zeit. Das ist (zwangsweise) genügend, wer
braucht schon mehr als eine Verschlusszeit. Man munkelt von einer
Hundertstelsekunde, ich gehe von einer grossen Toleranz aus.
Dann ist da auch noch eine Blendenwahl, versehen mit Symbolen für bewölkt und
sonnig. Zuviel des Aufwandes, beide Einstellungen ergeben die gleiche Blende.
Der Hebel ist wirkungslos, war sicher nett gemeint, aber auch hier gilt: Es geht
offensichtlich ohne. Die vorgegebene Blende ist 8 (gemäss Angaben auf der
Optik). Sie kennen den Spruch: Blende 8 und der Fotograf lacht...
Noch was: Das Ding nennt sich zwar Verschluss, verschliessen tut es aber nicht
wirklich gut. Es ist keine schlechte Idee, den Schutzdeckel auf der Optik zu
lassen wenn man gerade nicht fotografiert.
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Zum Scharfstellen verfügt die Holga über superpräzise
kleine Symbole, welche ungefähr über die eingestellten Distanzen von "Einzelporträt"
bis "Berg" Auskunft geben. Die Nahgrenze (Einzelporträt) liegt bei etwa einem Meter. |
Die Holga verfügt über einen einfachen Durchsichtsucher. Er versteckt nichts, allerdings zeigt er auch nichts Unerwartetes wenn man durchschaut. Trotzdem, es ist durchaus chique, den Sucher zu gebrauchen, um nicht in den Verdacht zu kommen, die Fotografie mit zuwenig Ernsthaftigkeit zu betreiben. Was man im Sucher sieht ist anschliessend bestimmt auch auf dem Bild, einiges mehr ebenfalls. Das Sucherbild zeigt einen deutlich zu kleinen Ausschnitt, aber die Richtung stimmt.
Die Rückwand sorgt dafür, das der Film nicht dauernd raus fällt. Diese
Aufgabe meistert sie souverän. Natürlich sollte sie auch das Licht vom Film
fernhalten. Mehr oder weniger gelingt ihr auch dies ... eigentlich eher mehr
weniger.
Mit schwarzem Isolierband sind die Schlitze beim Übergang zum Gehäuse oberhalb und
unterhalb der Rückwand abzudecken, wenn kein zusätzliches Licht auf dem Film
erwünscht ist - ebenso das Bildnummern-Fenster, durch welches die Nummer auf dem
Schutzpapier des Films abgelesen werden kann. Wird das Bildnummernfenster nicht
abgedeckt, so darf damit gerechnet werden, das die Bildnummer als Durchbelichtung auf dem Bild zu finden sein wird. Eine Art Databack also.
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Die nebenstehende Aufnahme
entstanden mit nicht vollständig abgeklebten Schlitzen. Wenn also ein Bild
keinen Lichteinfall zeigt, so bedeutet dies, alle Schlitze rund um die
Rückwand waren mit schwarzem Isolierband vollständig abgeklebt. Gleichzeitig bedeutet dies auch, der Lichteinfall lässt sich durch den Fotografen zwar nicht steuern, aber doch beeinflussen. |
Verschiedene Stufen des Lichteinfalls sind:
Der Einflussmöglichkeiten sind also viele. Generell
möchte ich empfehlen, für Experimente mit Lichteinfall Farbfilm zu verwenden. Da
der Lichteinfall oftmals nicht direkt ist, entstehen zum Teil die schönsten Farbschleier
in allen Rot- und Gelbtönen. Auf S/W-Film hingegen wirken sich diese Verschleierungen kaum je
vorteilhaft aus.
An den Halteklammern für die Rückwand ist ebenfalls der Kameragurt befestigt.
Wenn sie die Kamera um den Hals tragen und sich diese zwischendurch auf den Kopf
dreht weil die Klammern dies begünstigend auf Höhe des Kameraschwerpunktes
angebracht sind, dann
kann es schon mal vorkommen, dass das Klebeband temporär auch die Funktion der
Halteklammern für das Zuhalten der Rückwand übernimmt. Die Sache hat also
praktisch fast nur Vorteile.
Die Kamera ist gemacht für das quadratische 6x6 Format. Das mag so vielleicht noch nicht ganz stimmen, denn die Optik vermag das Quadrat nicht auszuleuchten und die Filmmaske gibt im Originalzustand (je nach Kameramodell?) nur ein 6x4,5cm Fenster frei. Ein Grossteil der holgatypischen Abbildungsart bleibt derart dem ahnungsvollen Neuholgagrafen in der Grundausführung erspart. Die Anleitung empfiehlt, die Filmmaske zu entfernen um zu kriegen was der Holga-Fotograf verdient. Obwohl kleine Leiden zum Glücksgefühl gehören, derart besteht die Gefahr, die Filme zu zerkratzen. Shortcomings in Ehren, aber das ist ungefähr genau eines zu viel.
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Es geht besser. Da sie für die Holga von niemandem irgendwelche Garantie erwarten, können sie gleich von Beginn an Modifikationen anbringen. Küchenmesser hervor und aufgesäbelt die soeben noch neue Maske. Mit der Nagelfeile die Kanten entschärft und fertig ist das Handwerkstück. Sind die Kanten nicht genau gerade, so betrachten sie dies fortan als persönliche Note. |
Der Filmtransport ist denkbar einfach, jeder kann ihn begreifen: sie drehen an einem Rad oben am Gehäuse und der Film wird transportiert. In der Rückwand ist ein Fensterchen, durch das sie das Schutzpapier des Filmes und die dort aufgedruckten Bildnummern sehen. Somit wissen sie jeweils, wie weit sie drehen sollen.
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Der Filmtransport ist unabhängig vom Verschluss, kein Spannen und keine
Auslöse-Sperre. Somit sind für den Fotografen alle Optionen offen. Von
gezielten Doppelbelichtungen über alle Aufnahmen auf ein Bild bis hin zu
kreativen Bildüberlappungen ist alles möglich. Oder auch nur eine Belichtung pro Bild, falls Ihnen danach zu Mute ist und sie noch wissen, ob sie den Film nach dem letzten gemachten Bild schon transportiert haben. |
Das Standardmodell der Holga verfügt über einen Blitzschuh mit Mittenkontakt.
Viele Blitzgeräte können dadurch direkt eingesetzt werden, Studioblitzgeräte
mittels Blitzschuhadapter. Verfügt der angesetzte Blitz über
Computerblende für Blende 8, so haben sie sogar eine Belichtungssicherheit, die
sie ansonsten bei der Kamera gar nicht gewohnt sind.
Eine besondere Eigenart der Holga ist, bei jeder Aufnahme zwei Blitze
auszulösen. Der erste beim Drücken des Auslösers, der zweite beim Loslassen.
Es gibt aber auch Holgamodelle mit eingebautem Blitz. Dazu ist zu sagen, dass
dieser mit der gleichen Konsequenz optimiert wurde wie die restliche Holga. Er lässt
sich ein- und ausschalten, das ist alles. Irgend eine Messung oder Blitzregelung
existiert nicht, es wird auch keine Leitzahl angegeben (diese ist bei der Holga
sowieso sehr stark vom Zustand der Batterien abhängig). Ich hab darauf
verzichtet irgendwas zu messen und einfach mal probiert ob's geht. Es
funktioniert. Der Blitz ist zudem gar nicht so schwach wie man dies erwarten
würde. Wenn sie die Kamera mit Blitz auf kurze Distanz vor ihrem Gegenüber
auslösen, so wird diese Person gefühlsmässig für die nächsten fünf Minuten
halbtransparent und orientierungslos herumgeistern.
Eine Kleinigkeit noch: Wenn sie beim Blitzmodell die Filmmaske auf das 6x6-Format erweitern, dann
schneiden sie zwangsläufig ein Teil der Halterung für die Batterien weg. Schon
bei geringem Schütteln der Holga können diese dann raus fallen und liegen
irgendwo im Innenraum vor dem Film rum. Auf die Abbildung wirkt sich dies
nicht positiv aus. Das Isolierband, welches sie verwenden um Lichtlecks
abzudichten, können sie deshalb auch gleich einsetzen um die Batterien
festzukleben. In oben stehendem Bild mit der aufgeschnittenen Filmmaske erkennen
sie unter der Maske auch gleich die mit schwarzem Klebband fixierten Batterien.
In die Kamera kommt 120er Rollfilm für das Mittelformat. Welche Typen genau sich eignen ergibt sich aus zwei einfachen Überlegungen:
Die einfachste Wahl ist sicher ein Farbnegativfilm. Wenn sie an einem hellen
Tag draussen fotografieren empfiehlt sich ein Film mit Empfindlichkeit von
ISO100, ansonsten ist ISO400 keine schlechte Wahl.
Für Schwarzweiss-Aufnahmen existieren chromogene S/W-Filme. Diese werden in der
gleichen Chemie (Prozess C-41) entwickelt wie Farbnegativfilme, sie können diese
also praktisch an jeder Ecke entwickeln lassen. Lassen sie Abzüge machen, so
empfiehlt sich ein Film mit der orangen Maskierung, z.B. der Typ Kodak CN400.
Machen sie die Abzüge selbst oder wollen sie die Abzüge scannen, so ist ein Typ
mit klarem Negativ (ohne Maskierung) vorzuziehen, zum Beispiel ein Ilford XP2.
All diese Filme haben den grossen Vorteil, dass sie weich arbeiten und deshalb
gegenüber den zwangsläufig grossen Belichtungsfehlern recht tolerant reagieren.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie gross die Ausbeute im Sinne von nutzbaren
(d.h. mit mittlerem Geschick zu rettenden) Negativen ist.
Entwickeln sie die Filme selbst (was ich durchaus empfehlen kann), so steht
ihnen natürlich das ganze Filmsortiment zur Verfügung - für diesen Fall muss ich
wohl auch keine Filmempfehlung abgeben.
Sind sie experimentierfreudig, so wählen sie einen Diafilm. Die Ausbeute dürfte
etwas geringer ausfallen, aber wenn das Licht passt wird das Resultat
beneidenswert ausfallen - nur auf Diafilm wirken sich die Farbfehler der Optik
unvermindert aus.
Im Laufe der Zeit wurden verschiedene Versionen der Holga entwickelt und
bestehende zum Teil leicht verändert.
Das Grundmodel ist eine einfache Kamera ohne Blitz. Die aktuellen Modelle
verfügen (offensichtlich oder scheinbar) über eine Bulbfunktion, bei welcher der
Verschluss solange offen bleibt wie er betätigt wird. Dadurch werden
Langzeitbelichtungen möglich. Auch scheint ein Stativanschluss dazugekommen zu
sein.
Ein erweitertes Modell verfügt über einen einfachen Blitz. Dieses Modell ist
meine eigentliche Brot-und-Butter-Holga nach dem Motto
"Nimm die Kamera mit, wo immer Du gehst". Der Blitz erweitert den Einsatz
auf Innenräume und auf "Nachtaufnahmen". Von mir gibt es für dieses Modell eine
Empfehlung.
Ebenfalls scheint es Holgas mit Glaslinse zu geben, zumeist werden diese dann
Woca genannt. Ob sie so was wollen müssen sie wissen, ich bin dafür wohl zu
puristisch. Ich finde, die Linse einer Holga sollte aus Plastik sein.
Und dann gibt es noch die Holga mit Farbblitz. Scheinbar wird die Holga-Szene
beim Hersteller wahrgenommen. Was liegt da näher, als den Szenenbedarf künstlich
anzukurbeln, z.B. mit neuen Features. So wird inzwischen eine Mehrwert-Holga mit
drehbaren, vor dem Blitz eingebauten Farbfiltern gebaut (und auch angeboten).
Nichts liegt mir näher als dieses Angebot zu ignorieren. Wer so was braucht hat
das Wesentliche verpasst. Die Kreativität bei der Holga entsteht aus dem Mangel
und der Fähigkeit des Fotografen, damit umzugehen. Die Holga ist gut wie sie
ist, wer eine Holga fährt braucht keine Animation um sich zu bewegen.
Als Grundidee der Lomographischen Gesellschaft (durch welche die
Kamera vertrieben wird) steht Don't think,
just shoot
. Das mag zwar locker klingen, ist in dieser stark reduzierten
Form aber primär Geschwafel eines (nicht ehrenwerten) Marketing-Fuzzi für die
Fun-Gesellschaft. Eine sanfte Abgrenzung scheint mir hier angebracht.
Die (ehrenwerte) Lomographische Gesellschaft hat 10 fotografische Regeln
aufgestellt. Eine runde Anzahl, 10 ist immer ideal. Gehen wir deshalb davon aus,
dass ein paar Regeln "Füllstoff" sind. Es ist an der Zeit, diese kurz näher zu
betrachten und uns bei dieser Gelegenheit auch gleich zu fragen, was die Regeln
spezifisch mit den vertriebenen Kameras zu tun haben.
Dies sind die propagierten 10 Regeln:
1. Nimm die Kamera mit, wo immer Du gehst!
2. Benutze sie tag und nachts!
3. Lomographie ist Teil deines Lebens!
4. Schiess aus der Hüfte!
5. Bring die gewünschten Objekte so nahe wie möglich an die Linse!
6. Denke nicht!
7. Sei schnell!
8. Es ist vorher nicht wichtig zu wissen, was Du auf den Film gebannt hast!
9. Erst recht nicht nachher!
10. Denke nicht über Regeln nach!
Da hätten wir erst mal eine Redundanz, Regel "Denke
nicht!" macht Regel "Denke nicht über Regeln nach!"
überflüssig. Kommt dazu, dass ich wenig von der Aufforderung nicht zu denken
halte, streichen wir deshalb gleich beide Regeln, es wird kein Verlust sein.
Weiter stehen bei mir die Regeln "Schiess aus der Hüfte!",
"Es ist vorher nicht wichtig zu wissen, was Du auf den
Film gebannt hast!" und "Erst recht nicht nachher!"
im Verdacht, nichtsnutzig zu sein. Aus der Hüfte "schiessen" um nicht zu wissen
was auf dem Film sein wird und sich nachträglich wundern? Kreativ sein um jeden
Preis, operative Hektik um geistige Windstille zu vertuschen. Das Ziel sollten
wohl aussergewöhnliche Bilder sein, aber es werden vor allem zufällige Bilder
entstehen. Hier wurde ganz klar etwas verwechselt.
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Der Zufall kommt bei der Regel "Nimm
die Kamera mit, wo immer du gehst!" ins Spiel: Das Leben spielt sich in Zufällen ab, dankbare Sujets entstehen und vergehen vor den Augen des Fotografen. Es ist eine Einstellungsfrage, weshalb sollte der Fotograf seine Bilder inszenieren wenn er an diesem reich gedeckten Tisch Platz nehmen darf, vorausgesetzt die Kamera ist dabei, wo immer er geht? René Burri, New York Times, 20 Mai 2004: Eines Tages werde ich ein Buch publizieren mit all den Fotos die ich nicht gemacht habe. Es wird ein grosser Erfolg werden. |
Sei schnell! Nicht die Kamera muss schnell sein, der Fotograf soll es sein. Doch weshalb sollten wir schnell sein? Weil der Zufall oft nicht lange wartet. Der Fotograf soll wachen Sinnes durchs Leben wandeln, sehen was sich abspielt und dann seinen Entschluss zu fotografieren in nützlicher Zeit fassen. Mit der Holga Motive fotografieren, bei welchen die Regel Nimm dir Zeit, komm später wieder versagt.
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"Benutze sie tag und nachts!" Die Aufforderung Benutze sie bedarf keiner weiteren Erläuterung. Was auch sonst sollten wir mit der Kamera machen. In die Vitrine stellen und bewundern? Dazu ist sie viel zu hässlich. Den Zusatz tag und nachts versteh ich als Aufforderung, bei der Holga-Modellwahl sich für ein Blitzmodell zu entscheiden. Bei dieser Regel handelt es sich also primär um Kaufberatung - und die Beratung ist so schlecht nicht. |
"Bring die gewünschten Objekte so nahe wie
möglich an die Linse!"
Ich nehme am, dass dies eine weitere Verselbständigung des Zitats von
Robert Capa ist: "Sind deine Bilder nicht gut genug, dann
warst du nicht genügend nahe dran."
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Weshalb hat die Holga eine Einrichtung zum Scharfstellen, wenn wir immer ganz nahe sein sollen? Ausserdem: Die Nahgrenze der Holga liegt bei ungefähr einem Meter. Unschärfe in Ehren, aber noch näher gehen ist mit gewissen Nachteilen verknüpft, die sie eventuell gar nicht in Kauf nehmen möchten. Was ist also dran an dieser Regel? Sicher sollen wir diese Aussage sinnbildlich verstehen, als eine Allegorie: Fotografieren sie was ihnen nahe geht, seinen sie kein Paparazzo, fotografieren sie ihr eigenes Leben. Dann werden sie indirekt sogar ein Teil der Szene, näher können sie nicht sein. |
Eine letzte Regel bleibt noch:
"Lomographie ist Teil deines Lebens!" Ersetzen wir "Lomographie" durch "Fotografie" und wir sind da angelangt,
wo wir bereits zum Schluss der letzten Regel waren. Wahrscheinlich wollte die
Lomographische Gesellschaft einfach sicher gehen, dass ihre Message auch
ankommt.
Was also macht man mit der Holga?
Fotografieren, ganz normal, als wäre es keine Toykamera. Das nenn ich doch schon
mal eine Erkenntnis, und das Ganze wurde ihnen von der Lomographischen
Gesellschaft in nur 10 kleinen Regeln erklärt! Dies ist auch die Antwort auf den zweiten Teil der Frage die wir uns gestellt haben? Braucht
es dazu eine Holga oder eine Lomo? Nein, tut es nicht. Aber schaden tut's auch
nicht, den längst haben wir Form durch Inhalt ersetzt. Es freut mich, dass die Lomographische Gesellschaft in diesen Aspekten mit mir einig geht.
Also: Ein Motiv haben/sehen, in Gedanken eine Bildidee, fühlen dass die Holga
das richtige Tool ist um die Idee umzusetzen, aufnehmen, selektieren, abziehen
als Papierabzug, rahmen, aufhängen. So einfach ist das!
Um mich klar und unmissverständlich auszudrücken, in diesem "How to" sind zwei
Aspekte enthalten: Die Holga ist ein Werkzeug und ziehen sie die
Sache durch.
Lernen sie die Holga erst kennen. Dies erfordert einerseits Neugier und
Offenheit für neues, andererseits ist es auch klar von Vorteil, in der
Fotografie einigermassen sattelfest zu sein. Ich sehe in der Holga keinesfalls
ein ideales Gerät um in die Fotografie einzusteigen.
Kennen lernen bedeutet insbesondere auch, dem gütigen Schicksal die Chance zu
geben, sich positiv für sie auszuwirken. Sie sollten also zwischendurch etwas
probieren, einen Parameter wechseln um zu sehen, was geschieht, sie wollen kaum
alles dem Zufall überlassen. Dadurch werden sie erkennen, was sie mit
der Holga können und wie sie einzusetzen ist. Es geht keinesfalls darum, andere
Fotografie ungültig zu erklären oder bisherige Entwicklungen als Irrläufer
abzutun. Das Ganze ist aufbauend. Wenn Fotografie die Partitur ist, so wird die Holga darauf eine zusätzlich mögliche Stimme sein. Ihr fotografischer
"Ausdrucksbereich" wird sich damit erweitern.
In Biel gibt es den
Gaskessel
(Chessu). Ein Motiv, um das ich mich schon lange herumgeschlichen hatte. Viele
Bilder sind dabei angefallen, doch das Gefühl des "Fotografischen Erfolges"
wollte sich partout nicht einstellen.
Der Gaskessel ist etwas besonderes. Einerseits ein autonomes Jugendzentrum und
Konzertlokal, andererseits vielen ein Dorn im Auge. Von der Politik als Raum der
Anarchie beargwöhnt, aber auch ein anerkanntes soziales Regulativ. Jeder sieh im
Gaskessel etwas anderes und alle gehen sie dabei irgendwelchen Kompromiss ein.
Wie nimmt man dieses Motiv auf, wie bringt man das pragmatische, unperfekte,
gelebte und die Spannung der Institution ins Bild?
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2003 hatte ich zum ersten mal eine Holga in der Hand,
leihweise. Ein gütiges Schicksal lenkte meine Schritte zum Gaswerkareal und
dort nahm ich ein paar Bilder auf. Zurück blieb ein grosses Erstaunen über das Vorgefallene. Zum ersten mal hatte sich für mich bei diesem Motiv etwas zusammengefunden was zusammengehört: Form und Inhalt. Das waren die Bilder die ich gesucht hatte. Ich musste meinen fotografischen Standpunkt überdenken. Der Standpunkt ist ein geistiger Horizont mit Radius Null. Bild: Der Jaguar auf dem Vordach des Gaskessels (2003) |
Darauf bin ich angesprochen worden:
Könnte dies alles nicht auch mit elektronischer Bildbearbeitung gemacht werden,
eine hochqualitative Aufnahme entsprechend nachgearbeitet. Die Vorteile wären
mancherlei - nicht zuletzt hätte man als Alternative auch noch ein State of the
Art-Bild?
Doch selbstverständlich, kann man, weshalb auch nicht.
Apropos: Ich hab gelesen, man kann heute Erdbeeraroma künstlich herstellen. Das
scheint mir erfreulich, die Vorteile sind bestimmt mancherlei. Und sicher haben
sie auch schon über virtuellen Sex nachgedacht...
Durchziehen bedeutet fertig machen. Aber das kennen sie ja, wenn
sie ein Produkt herstellen, so arbeiten sie daran bis sie damit zufrieden sind,
vorher geben sie nicht auf.
...
Ha, sie sind reingefallen! Nur Microsoft arbeite so wie oben beschrieben.
Wenn sie mit der Holga fotografieren kommen sie damit nicht durch. Sie sollen
daran arbeiten, bis ihr Kunde, das ist der Betrachter ihrer Bilder, sie
versteht. Natürlich können sie die Bilder auch nur für sich selbst machen, dann
wird einiges deutlich einfacher.
Um verstanden zu werden, brauchen sie ein Konzept. Wenn sie dieses Wort nicht
mögen: sie brauchen eine klare Linie, daran richten sie sich aus. Mit dem
Konzept stellen sie die dem Konzept verpflichtete Fotografie in einen
definierten Raum und grenzen sie gleichzeitig gegenüber anderer Fotografie ab. Sie wird übersichtlich. So entsteht auch für den Betrachter die Möglichkeit zu
erkennen, welche Idee sie damit (mit dieser Fotografie) verbinden.
Das Konzept beinhaltet drei Teile: Inhalt, Form und Präsentation. (Oder auch
Aussage, Gestaltung und Technik, wenn sie dies lieber hören.)
Zum Inhalt: Eine scharfe Selektion ist gerade dort notwendig wo es die Bilder
nicht sind. Eine erste Selektion findet bereits vor der Aufnahme statt:
Abgrenzen bedeutet nicht nur zu entscheiden, die Holga für ein Motiv
einzusetzen, sondern auch klar zu bestimmen, was sie damit auslassen. Andere
Themen bedürfen eine andere fotografische Sprache. Machen sie aus ihrer
Fotografie kein Knudelmuddel. Wie soll der Betrachter ansonsten erkennen worum
es ihnen geht wenn sie dies selbst nicht wissen? (Schlimmer noch: Er könnte es
als das erkennen was es ist!)
Verfallen sie nicht dem "Kreativen-Klischee", gedankenlos zu akzeptieren was
auch immer kommen mag. Nicht jedes Bild ist per se gut nur weil es mit der Holga
entstand.
Auf die Gestaltung werde ich noch kommen.
Zur Präsentation: Mehr vom Guten ist nicht immer besser! Auch wenn die
reduzierte Abbildungsqualität der Holga am Wesen der Sache massgeblich Teil hat,
so bedeutet dies keinesfalls, dass irgendwas schludrig sein soll. Denn: Was ist
ein schlechter Abzug eines schlechten Negatives? Was auch immer, aber ganz
sicher nichts Gutes.
Bei Aufnahmen mit der Holga haben sie immer Erklärungsbedarf. Auch wenn sich das
trivial anhört: Gute Argumente sind perfekte Abzüge in gelungener Präsentation.
Die Interpretation "don't think, just shoot" ist damit schon mal vom Tisch.
Für die Ausarbeitung habe ich mir deshalb eine einfache Auflage gemacht: Die
Holgabilder werden einheitlich abgezogen:
An sich gilt alles zum Thema Bildgestaltung auch für
Aufnahmen mit der Holga. Ein paar spezifische Anmerkungen möchte ich trotzdem
loswerden.
Vorerst wäre das quadratisches Bildformat zu erwähnen. Sicher, die 6x4,5cm
Filmmaske gibt es auch noch, aber mit der Kombination von Hochformat und Holga
werden sie meines Erachtens nach nicht wirklich erfolgreich sein. Einerseits
reicht die Bildqualität nicht aus um als genügend durchzugehen, andererseits
fehlen die wirklich schlechten Bildecken um die reduzierte Abbildungsqualität
als bewusst wahrzunehmen.
Ihr Bildformat wird also quadratisch sein.
Auch Ausschnitte lassen sich nur geringfügig und wenn dann allseitig symmetrisch
machen, aus den gleichen oben genannten Gründen und auch solange man die
Vignettierung (Randabdunklung) als wesentliches Merkmal der Abbildung
betrachtet.
Ein Wort zur Motivwahl: Mit der Abbildung feiner Strukturen geht die Holga sehr grosszügig um. Sollten diese für ihr Motiv wesentlich sein, dann
verwenden sie lieber eine andere Kamera. Das Interesse an ihrem Motiv sollte in
den grossen Zusammenhängen, in der Konstellation oder der allgemeinen Grafik
liegen. Holgabilder brauchen klare fotografische Strukturen.
Und dann ist da noch was:
Wenn der in gestalterischen Vergleichen allseits beliebte Onkel die Tante vor
dem Ayers Rock ablichtet, so wird ihr Gesicht genau in der Mitte des Bildes zu
liegen kommen, im Hintergrund droht der grosse rote Felsen auf schrägem Terrain
abzurutschen und ein knapp ins Bild ragender überquellender Mülleimer wird der
sphärischen Dimension des Bildes eine äusserst irdische Note beisteuern.
Klar, bei dieser Beschreibung ist alles krass übertrieben, nie würde so etwas
wirklich geschehen und so wollen wir es auch nicht machen.
Worauf ich hinaus will: Was wollen sie zeigen mit ihren Holgabildern, alles
schön adrett und sauber gestylt oder einfach so wie es eben ist? Und wie zeigen
sie dies in ihrem Bild, völlig perfekt overdesignt oder trashmässig?
Es gibt eine Art der Gestaltung, welche ich hier und in diesem Zusammenhang als
"natürlich" bezeichnen möchte. Sie liegt irgendwo auf halbem Weg zwischen den
Extremen.
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Ein Gestaltungsteil, den ich mir vom Knipseronkel für die
Holgafotografie entlehne ist die Gestaltung in die Mitte (zumindest deutlich
mittiger als ich ansonsten gestalte). Vieles spricht dafür: Das quadratische
Bildformat betont die Mitte stark. Durch die Vignettierung wird dies
unterstützt, einerseits weil sie praktisch einen Kreis innerhalb des Bildes
formt und dadurch selbst zu einer mittenzentrierten Figur wird, andererseits
auch weil sie durch die Abdunklung der Bildecken deren nach aussen
gerichtete Wirkung reduziert.
Im Bezug auf den Inhalt bedeutet die Mitte grössere Direktheit. Und zuletzt wollen wir auch nicht vergessen: Nur das Zentrum der Abbildung ist (einigermassen) scharf. |
Womit ich mich noch schwer tue sind schräge Horizonte.
Jetzt noch zur Bedeutung des überquellenden Mülleimers:
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Das Holgabild verträgt ein Element, das die Harmonie leicht stört. Normalerweise wird der Zufall dies für sie richten und sie brauchen das Ergebnis nur noch zu akzeptieren. Doch kann es auch sein, dass der Zufall seine Mithilfe verweigert, dann dürfen sie gerne ein wenig nachhelfen, niemand wird sie deshalb der mutwilligen Bildmanipulation verdächtigen. |
Sie haben bis hier durchgehalten?
Alle Achtung!
Vielen Dank *knicks*.
(Ich hoffe, sie nehmen das alles nicht zu ernst ...)
Aber wenn sie schon mal da sind, vielleicht möchten sie ja noch ein paar
Zusatzinfos, wer weiss? Ein paar Links könnte ich ihnen anbieten:
Wir avancieren in retrograder Richtung.
(Ein Feldmarschall)
Nachdem mir der schöne Artikel gewidmet wurde, möchte ich auch darauf antworten.
Wenigstens möchte ich sagen, was ich gegen die Holga habe. Zeitverschwendung –
wenn es nur das wäre.
Es erschliesst sich mir nämlich nicht, weshalb für einige Fotografen von dieser
"Kamera" eine eigenartige Faszination ausgeht. Genauer gesagt, habe ich da so
einige Vermutungen, die aber nicht sonderlich schmeichelhaft für diese
Fotografen ist.
Ich vermute nämlich, dass die Faszination für die Holga mit dem irrigen Gedanken
zusammenhängt, da ein urwüchsiges Gerät in die Hand zu bekommen – Back to the
roots also, spartanisch - praktisch - gut. Für mich aber handelt es sich, ganz
klar, um eine Flucht in die Technik, hier allerdings in umgekehrter Richtung.
Denn hier dient die Technik nicht, sie herrscht.
In Deutschland herrscht Ordnung.
Es wäre besser, wenn sie dienen würde.
(Ein Satiriker)
Das beginnt mit der Wahl der
Motive – sie müssen mittig ins Quadrat passen – und hört mit der Perspektive
noch lange nicht auf. Kein Benutzer einer beliebigen Billigklassekamera ist so
gehandikapt, so abhängig von der verwendeten Technik: Dort werden Freiheiten
eröffnet, hier werden sie geschlossen.
Den einzigen Sinn, den ich sehe, ist die Illustration der beiden Sätze von
Feininger:
Man gebe einem guten Fotografen eine billige Kamera, und
er wird Ihnen Arbeiten bringen, die sie in Staunen versetzen. (Andreas Feininger, S.438)
Die Tatsache, dass eine (im konventionellen Sinn)
technisch fehlerhafte Fotografie gefühlsmässig wirksamer sein kann als ein
technisch fehlerloses Bild, wird auf jene schockierend wirken, die naiv genug
sind, zu glauben, dass technische Perfektion den wahren Wert eines Fotos
ausmacht. (Andreas Feininger)
Ein guter Fotograf liefert eben trotz Holga staunenswerte Ergebnisse
ab. Er tut dies, indem er die einen so genannten „optischen Fehler“ zu einer
„fotografischen Eigenschaft“ macht – und sie produktiv nutzt. Um einen Teil fürs Ganze herauszugreifen: Vignettierung
wird normalerweise als
unerwünscht betrachtet, es spricht jedoch nichts gegen think positive:
Oh, I'm bein' followed by a moonshadow, moonshadow,
moonshadow
Leapin and hoppin' on a moonshadow, moonshadow, moonshadow
And if I ever lose my hands, lose my plough, lose my land,
Oh if I ever lose my hands, Oh if.... I won't have to work no more.
And if I ever lose my eyes, if my colours all run dry,
Yes if I ever lose my eyes, Oh if.... I won't have to cry no more.
And if I ever lose my legs, I won't moan, and I won't beg,
Yes if I ever lose my legs, Oh if.... I won't have to walk no more.
And if I ever lose my mouth, all my teeth, north and south,
Yes if I ever lose my mouth, Oh if.... I won't have to talk...
Did it take long to find me? I asked the faithful light.
Did it take long to find me? And are you gonna stay the night?
(Cat Stevens, Moonshadow)
If I ever loose my legs und so weiter. Ein
optischer Fehler ist nur ein technischer Fehler, und eben kein
fotografischer Fehler: kein technischer Fehler ist in der Lage, ein ansonsten
gutes Foto zu ruinieren.
Die Frage aber bleibt: Was wäre dann erst bei Verwendung einer brauchbaren
Ausrüstung gelungen?
Oder, um es unmissverständlich zu sagen: Jaja, ein toller Fotograf hat viele
Kunst-Stückchen drauf.
Die in den 10 Punkten der Lomographischen Gesellschaft
zu Tage tretende Ansichten finde ich abstossend, wenn auch für unser
neoliberales Zeitalter bezeichnend. Derart dumm-dreist liest man die
Aufforderung zum Verharren in der selbstverschuldeten Unmündigkeit allerdings
selten.
Wer singt, denkt nicht, und wer nicht denkt, ist ein
angenehmer Untergebener.
(Militärweisheit)
Tatsächlich frage ich mich, ob das Ergebnis solcher Tätigkeit überhaupt noch
Fotografie – verstanden als das Schreiben mit Licht – ist.
Denn: Schreiben ist das Ergebnis eines Denkprozesses; das Malen von Kringeln
oder abstrakten Mustern hingegen nicht.
Denn was da wirklich propagiert wird, ist der Verzicht des Fotografen darauf,
ein Subjekt zu sein, der Verzicht auf eigenständiges, aktives Handeln. Es ist
nun mal sicher, dass diese Leute kein Interesse aufbringen für das, was sie da
schnell so abschiessen. Es ist ja nicht wichtig, und zu einer Beschäftigung mit
der Sache fehlt sie ja, die Zeit. Muss ja schnell gehen, warum eigentlich? Es
ist eben nicht wichtig. Nichts ist wichtig. Die Lomographische Gesellschaft ist
auch nicht wichtig.
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Autor: Andreas Hurni
Replik: Michael Albat
Letztes Update:
08.11.2009