Von der offiziellen Sprache zur Subkultur

Menschliches Wissen und Können gliedert sich gemäss Pierre Bourdieu in soziale Felder. Solche Felder sind unterschiedlich definiert, zum Beispiel

Diese Felder zeichnen sich dadurch aus, dass die Menschen, die einem bestimmten Feld angehören, mit den gleichen Dingen beschäftigt bzw. konfrontiert sind und daher den gleichen Diskurs haben. Die Angehörigen eines Feldes haben somit das gleiche Umfeld und teilen sich dadurch auch das gleiche Verständnis von Wirklichkeit. Bedingt durch diese gleichen Umstände kommunizieren die Mitglieder eines Feldes mittels denselben feldspezifischen sprachlichen Zeichen und werden somit zu einer Sprachgemeinschaft.

Es ist sinnvoll, den Sprachbegriff in diesem Kontext weit zu fassen, zur Kommunikation gehört nicht nur die gesprochene Sprache, Zeichen werden auch anderweitig, zum Beispiel über die Kleidung (Fotografen kleiden sich schwarz - Artdirektoren haben eine Hornbrille) oder das Verhalten (z.B. durch aggressive Fahrweise) vermittelt. Sprache in diesem Sinne hat keine Grenzen, es bedarf lediglich einer Sprechergruppe, welche bereit ist, die gleiche Sprache zu sprechen.

Produktion offizieller Sprache

Einige Felder sind recht offen definiert, andere haben sehr klare Grenzen. Allgemein gilt: Je schwerer der Zugang, desto stärker definiert ist das Feld. Mit zunehmender Definition eines Feldes entwickelt sich die feldspezifische Sprache hin zu einer legitimen und offiziellen Sprache. Beispiele solche stark definierter Felder sind Recht und Amtssprache, entsprechend gibt es verbindlich geregelte Rechtsprechung und Rechtschreibung. Recht-Fotografie hingegen ist eher unüblich.

Voraussetzung für eine offizielle Sprache ist deren allgemeine Kodifizierung und die Schaffung verbindlicher Regeln. Verbindliche offizielle Sprache, geschrieben oder visuell, bedarf somit Institutionen, welche den Gebrauch in ihrem rechtmässigen Feld beurteilt und der Sprache durch Sanktionierung Anerkennung verschafft. Offizielle Sprache wird derart zu einem Kontrollinstrument.

Die Geschichte vom Turmbau zu Babel (1. Buch Mose, Genesis) betrachten Linguisten als Metapher dafür, wie Sprache als Kontrollinstrument eingesetzt werden kann: Gott konnte den Turmbau nicht zulassen und verwirrte deshalb die Sprache der Menschen - interpretiert als Folge der sich durch den Turmbau notwendigerweise herausbildenden hierarchischen Strukturen mit ihren jeweiligen unterschiedlichen Ansichten - so dass keine Verständigung mehr unter ihnen möglich war.

Die Produktion offizieller Sprache unterliegt auch ökonomischen Einflüssen. So wird der Zugang zum Berufsfeld meist durch Absolvierung einer Ausbildung (erlernen der Fachsprache) ermöglicht und erst ein erfolgreicher Abschluss gilt als Voraussetzung für ein Vorstellungsgespräch. In der heutigen Zeit gilt dies selbst für den visuell-gestalterisch tätigen Künstler, Fotografen erläutern ihre Legitimation jeweils auf ihren Webseiten unter dem Stichwort Biografie. Die Verwendung offizieller Sprache wird also ausgezeichnet, erst mit kulturellem Kapital wie Auszeichnungen, Abschlüssen und Titeln, welche in Folge dann auch zu finanzieller Auszeichnung führen.

Das Erziehungssystem ist in den meisten Fällen dem Staat zur Rechenschaft verpflichtet, die Produktion legitimer Sprache wird somit zu einer Staatsangelegenheit. An allen offiziellen Anlässen (Schulen, Verwaltung, Institutionen) ist die Sprache des Staates verbindlich und wird derart zur theoretischen, objektiven Norm, an welcher alle sprachliche Vorgänge zu messen sind. Dies zeigt sich auch darin, dass Slangausdrücke in Wörterbüchern kursiv als Verstösse gegen die legitime Sprache markiert werden.

Eine diesbezüglich merkwürdige Erfahrung machen Mitglieder im Feld der Kulturproduktion, ein Bereich, in dem man sich nur widerwillig mit dem Gedanken anfreundet, dass Kunst auch Kommerz sein kann. Hier gilt immer noch die Maxime, dass nur was keinem Zweck dient wirklich schön sein kann. Kommerziell erfolgreiche Arbeiten ernten zwar Beifall von ausserhalb des Feldes, sind jedoch intern dem Spott ausgesetzt (Kaum ein Künstler mag Picasso, diesen ewig geilen Greis, rücksichtslosen Frauenverbraucher, künstlerischen Opportunisten und hemmungslosen Massenproduzenten). Diese erklärte Ablehnung der Massennachfrage nachzukommen, macht die Kunst zu einem Feld deren Mitglieder den idealen Kunstbetrachter unter ihresgleichen sehen.

Autorisierte Sprache

Das Erkennen und richtige Verwenden legitimer Sprache berechtigt den Sprecher (bzw. Künstler) jedoch nicht automatisch zu deren Verwendung, die Wörter selbst haben so noch keine Macht. Die Verwendung offizieller Sprache ist zumindest an eine Bedingung geknüpft: Der Sprecher muss Mitglied des der Sprache entsprechenden Feldes sein. Erst diese Zugehörigkeit entspricht einer Autorisierung für den spezifischen Sprachgebrauch.

Stellen Sie sich vor, ich gehe zu einem Schiff, das zur Schiffstaufe bereit steht, werfe die Flasche gegen den Rumpf und verkünde: Ich taufe das Schiff auf den Namen Stalin. Zu guter Letzt ziehe ich noch die Keile weg. Das Problem dabei ist: Ich war für die Taufe gar nicht vorgesehen.

John Langshaw Austin

Offizielle Sprache ist nicht legitim, weil sie von allen verstanden, sondern weil sie von einer Autorität, also einer qualifizierten und autorisierten Person in einer offiziellen Situation verwendet wird. Aus dieser Konstellation heraus ergeben sich offizielle (durch die offizielle Situation), publikationsfähige Diskurse.

Ich grüsse euch, meine Freunde. Wir alle interessieren uns für die Zukunft, weil ihr und ich den Rest unseres Lebens in ihr verbringen werden. Und vergesst nicht, meine Freunde, zukünftige Geschehnisse wie diese werden euer zukünftiges Leben mitbestimmen.

Criswell im Film Plan 9 from Outerspace

Inoffizielle Sprache

Hochkultur scheint mit dem Leben vieler Menschen keine Schnittmenge zu haben. Solange nur Kunst die sich in einer Galerie befindet als aussergewöhnlich und beachtenswert zu gelten hat wird sich dies auch nicht ändern und der Kulturbetrieb wird weiterhin vom kulturellen Niedergang warnen.

Junge Menschen fühlen sich durch offizielle Kulturwerte schlecht vertreten und werden daher durch Subkulturen angezogen. So existiert im Alltäglichen eine bemerkenswerte Kreativität bei Aktivitäten und Ausdrucksweisen, sie lebt von bestimmten Zeichen und Symbolen, auch wenn diese mit Kunst nichts zu tun haben. Für das einzelne Individuum eröffnet sich damit die Möglichkeit einer Identität jenseits üblicher Alters-, Klassen- oder Berufskategorien.

Subkulturen bieten in anonymen, technologisierten Gesellschaften dem Einzelnen ein grösseres Mass an Identifikationsmöglichkeit, durch ihre Offenheit lassen sie viele Möglichkeiten, sozialen Umgang und unmittelbaren Lebensraum durch Persönlichkeit mit Bedeutung zu füllen. Solche Kreativität steht oft im Widerspruch zur erfahrenen Arbeitswelt, welche mit der Gleichsetzung: Arbeit = Kunst/Lust nicht selten gut beschrieben ist. Für unser Bedürfnis nach individueller Ausdrucksweise kommt damit dem Spiel und somit auch der Freizeit eine immer grössere Bedeutung zu.

Im Gegensatz zu offizieller Sprache sind solche inoffizielle Sprachen keiner Kontrolle unterworfen, ihre Entwicklung folgt durch die Situation bedingt ihrer inneren Logik. Wie bei offizieller Sprache kann der Staat sich aber auch bei inoffiziellem Sprachgebrauch zuständig fühlen, so kann zum Beispiel ein Graffiti die Inhaftierung zur Folge haben. Mit der Schaffung von Normen tritt eben auch stets der soziale Tatbestand auf, dass von ihnen abgewichen wird.

Koexistenz offizieller und inoffizieller Sprache
auf engem Raume.

Interessanterweise eignen sich Gebäude staatlicher Autorität und Schulen, also Institutionen die für die Pflege der offiziellen Sprache verantwortlich sind, besonders für Graffitimalerei, einer visuellen Form inoffizieller Sprache.

Subkultur

Subkultur ist ein schwach definierter Begriff. Die Identifikation durch Andersartigkeit gegenüber einer "Hauptkultur" ist jedoch eine der wenigen Gemeinsamkeiten vieler Subkulturen. So ist auch klar, das Subkultur und inoffizielle Sprache zusammengehören wie Huhn und Ei.

Subkulturen unterscheiden sich in der Art, wie sich deren Werte zu den Werten der Hauptkulturen verhalten - wie sie also Positionen ausserhalb des Systems besetzen:

Wir befinden uns mit der Subkultur also ausserhalb eines "Systems". Elemente die in einem System fehl am Platz sind werden gemeinhin als Schmutz betrachtet. Schmutz ist im Wesentlichen Unordnung, Mary Douglas zufolge ist Schmutz ein Nebenprodukt von Ordnung.

Ordnungen oder Muster bestehen aus einer bestimmten Anzahl von Elementen, das heisst, sie sind begrenzt. Der Feind des Musters ist die Unordnung und die scheint unbegrenzt. Sie besitzt selbst kein Muster, ihr Potential zur Degenerierung von Mustern ist jedoch beliebig gross. Dem zufolge nehmen wir Unordnung primär als eine Kraft wahr, welche bestehende Muster zerstört.

Das Beunruhigende am Schmutz ist seine Fähigkeit, alles anzustecken, was mit ihm in Berührung kommt. Man begegnet ihm deshalb mit einer gewissen Berührungsangst. Schmutz ist somit mächtig und symbolisiert Gefahr, er ist aufregend und subversiv.

Inoffizielle Sprache ist der Schmutz des Sprachsystems, der zugunsten von aktuell akzeptiertem legitimen Sprachgebrauch ausgesondert wurde. Die Betrachtung dessen, was als Schmutz gilt, gibt Aufschluss über das System, das ihn ausgesondert hat. Durch das Ausschlussverfahren erfahren wir, was aktuell als legitim respektive akzeptabel gilt. Für einen Überblick über aktuelle Trends auf den Gebieten der Kultur genügt ein Blick auf das, was abgelehnt wird. Und so finden wir dann im Duden auch die folgende Beschreibung:

Trash|kul|tur, die: Hang zum Billigen, Schrillen, Geschmacklosen u. Ä., der in Kleidung, Ernährung, äusserer Erscheinung u. Sprache zum Ausdruck kommt.

Die Verletzung der legitimen Ordnung scheint selbst die Dudenredaktion zu schmerzen...

Der Begriff der Subkultur hat allgemein Eingang in Kultur und Sprachgebrauch gefunden, was als normal gilt hat seine Spanne erweitert und das Subkultur-Label ist derart normalisiert worden. Was heute als Umgangssprache in Kunst und Design gilt, ist jedoch die Quintessenz aus zahlreichen authentischen, ehrlichen Subkultur-Arbeiten, welche keinem damaligen "offiziellen Design" unterworfen waren.

Die Möglichkeit, mittels visuellen Sprachelementen von Graffiti oder ähnlichen inoffiziellen Sprachformen Botschaften mit Gefahr, Subversion, Protest oder gar Politik aufzuladen ist verlockend. Mit inoffiziellen Sprachformen ködert die Konsumindustrie die blassen Fische aus dem Strom zwecks Vermarktung von jeglichem (Musik, Kleidung, Nahrungsmittel... Veranstaltungen), viel Farbe lässt sich für die Fische dadurch aber auch nicht gewinnen. Der Kontext spielt bei der Dekodierung der Botschaft eine bedeutende Rolle: Ein den Graffiti entlehntes grafisches Zeichen auf einer Müslipackung ist weder aufregend noch gefährlich oder subversiv und mit der Authentizität ist es auch nicht weit her. Solche "Subkultur" ist inzwischen so trendy, dass sie ihre Identifikationsfunktion für Leute, die Auswege aus den Identitätsproblemen suchen, weitestgehend verloren hat. Die angebotenen Identifikationsmöglichkeiten (man muss Paris Hilton als Subkultur begreifen um sie zu verstehen) wurden dadurch den Verfallszeiten von Moden angepasst, kein Ort der längerfristig Zuflucht für Orientierungssuchende gewähren könnte. Die Spielräume sind enger geworden, die Fronten haben sich verschärft. In dem Masse wie Subkulturen integriert werden, steht als Abweichung nur noch die Gegenkultur als Protest offen.

Gegenkultur

Es liegt in der Natur einer Gegenkultur dass sie Materialien erfordert, mit denen schnell gearbeitet werden kann, die leicht zu tragen, zu verstecken und zu erreichen sind. Im visuellen Bereich bieten gekratzte und gesprühte Graffitis, Marker und illegales Plakatieren ein kulturelles Forum, welches von Gruppen oder Individuen mit geringen finanziellen Mitteln und wenig Zugang zu etablierten Medien effektvoll genutzt wird. Jedes Graffiti ist ein Protest auf unterer Ebene. Damit ist die Subkultur wieder dort wo sie aufregend, gefährlich, subversiv und sinnstiftend ist.

Sprühschablonen haben ihre eigene Geschichte: Schablonen machen das Graffiti reproduzierbar und eignen sich deshalb zur schnellen Verbreitung von Schlagworten in grosser Anzahl. Sie wurden verwendet, um Revolutionen anzufachen und Kriege zu beenden. Sie sind allein schon durch ihre Form politisch. Und so hat auch der Wolfgang sich seine Schäublone redlich verdient, möge diese unerwartete Zuneigung ihm die Anerkennung geben, welche ihm so offensichtlich gefehlt hatte und ihn Abstand nehmen lassen von seinen die Gesellschaft zersetzenden Trotzreaktionen.