Realität vergangener Zeiten

There is no abstract art. You must always start with something. Afterward you can remove all traces of reality.

Pablo Picasso

Überall dort, wo sichtbare optische Welt durch automatische technische Verfahren (Fotografie, Film, Video) aufgezeichnet wird entsteht mit dem Bild ein direkter Abdruck der Dinge der sichtbaren Welt. Ein solches Bild bezeugt damit eine Wirklichkeit, die zur Zeit der Aufnahme bestand, was allerdings nicht heissen muss, dass diese weiterhin besteht. Das Bild ist sozusagen eine unmittelbare visuelle Erinnerung an einen Gegenstand oder an ein Ereignis. Ein Beleg für eine aktuelle, also bestehende Faktizität ist ein Bild praktisch nur bei einer Live-Übertragung.

Solange diese technischen Mittel nicht existierten, konnte ein visuelles Zeugnis durch einen Künstler, dem an der Übereinstimmung des Bildes mit dem Vorbild gelegen war, angefertigt werden. In dieser Hinsicht stehen Technik und Kunst (griechisch téchnē = Technik, Kunst) gleichermassen im Dienst einer realitätsgetreuen Wiedergabe.

Eine Linie von der Nachahmung zur künstlichen Realität

Die Kunstauffassung des antiken Griechenland war diejenige der Nachahmung (griech. Mimesis) der Wirklichkeit (Natur) durch den Künstler. Das Werk wurde gemessen am Grad der Ähnlichkeit von Darstellung und Wirklichkeit, die vollendet täuschende Nachbildung war oberstes Ziel. Von Plinius dem Älteren ist eine Anekdote über einen Wettstreit zweier Maler überliefert: Zeuxis glaubte den Preis gewonnen zu haben, als Vögel seine vollendet naturgetreu gemalten Trauben anpickten, und begab sich siegesgewiss mit den Preisrichtern in das Atelier seines Rivalen Parrhasios. Nur war da kein Bild zu sehen. Es ist hinter jenem Vorhang, wies Parrhasios auf eine Stelle des Raumes. Gespannt schritt Zeuxis zum Vorhang und wollte ihn wegziehen, dabei stiess er an die bemalte Wand.

Während dem Mittelalter trat dieser Gedanke vorübergehend in den Hintergrund. Als in der Renaissance die Antike und, damit verbunden, die diesseitige Wirklichkeit neue Geltung erhielt, wurde die Mimesis-Auffassung der Kunst wieder aufgenommen und mit den neu entdeckten Gesetzen der Zentralperspektive weiterentwickelt. Aus der Idee der vollendet täuschenden Nachbildung entstand die Trompe-l'oeil-Malerei, dabei werden die Gegenstände im Grössenverhältnis eins zu eins wiedergegeben.

Im Barock entstand daraus die illusionistische Raumgestaltung und die Materialvortäuschung, zum Beispiel durch wie Marmor bemalte Holzsäulen. Diese Materialvortäuschung hat heute den Weg in die Produktfotografie gefunden, wo die Verpackung oft den Inhalt zeigt. Eine künstlerische Version davon zeigt Yrjö Edelmann, dessen gemalte Bilder vollendet täuschende Nachbildungen von Packmaterial darstellen, Packpapiere, Kleber und Schnüre.

Mit der Entwicklung der Technik im Medienbereich konnten jeweils neue Qualitäten der Wirklichkeit in die Abbildung aufgenommen werden:

Beim Cyberspace taucht der Betrachter vollständig in das Bild ein, welches über eine Rückkopplung via Datenhandschuh oder Anzug auf den Betrachter reagiert. Dieses Verfahren, welches Reaktionen und Handlungen in das weitere Geschehen einbeziehen, ist beispielsweise für die Piloten oder Chirurgenausbildung von grossem Wert. Der Cyberspace ist somit eine Abbildung, welche es ermöglicht, Erfahrungen zu sammeln.

Viele Neuerungen wurden von der Öffentlichkeit auch mit skeptischen Stimmen begleitet oder als Verlust empfunden:

Der Verlust entsprach jeweils einer Stufe von Abstraktion, die jeweils in gewissem Sinne das Medium sichtbar werden lies. Dieses weniger perfekte Medium ging oft auch einher mit dem Erleben einer spezifischen Kultur (z.B. Schwarzweiss-Kino), welche nun (vermeintlich) für ein neues Medium (noch ohne erkennbare Kultur) zu weichen hatte.

Falsche Realitätssignale

The camera inevitably lies, so choosing the kind of lie you want to tell is actually the creative act of photography.

Brian Eno

12 Babies für Prinzessin Stephanie, da wird sie sich
sicher riesig gefreut haben.
Bild: Aus dem Buch "Ein Bild ist mehr als ein Bild"
von Christian Doelker.

Zu den besonderen Vorzügen des Bildes gehört also, dass es Realität mit grosser Detailtreue wiedergeben kann. Mit gleicher scheinbarer Detailliertheit vermag ein Bild aber auch Realität vorzugaukeln. Bereits beim Thema fotografische Zeichen hatten wir festgestellt, dass es eine wichtige Eigenschaft von Zeichen ist, damit auch lügen zu können.
Die Spanne der falschen Realität ist weit:

Inszenierungen geben vor, keine zu sein, dadurch werden sie zu Fälschungen:

Manipulation bestehender Bildern:

Eine besondere Form der Wahrheitsbezeugung liegt vor, wenn Bilder zu illustrativen Zwecken mit Texten verknüpft werden, welche eine andere Wahrheit transportieren.

Während man bei der Regenbogenpresse über allerlei Ungenauigkeiten nicht allzu beunruhigt sein muss und auch in der Werbung solche Techniken etabliert und legitim sein mögen, stellen diese Möglichkeiten andere Medien durchaus vor einige Herausforderungen: