Motivauffassung

Wie man in den Wald sieht, so blickt es heraus.

Peter Jenni

Menschliche Kommunikation baut auf Ebenen, welche in ihrem Bezug zur Realität stetig aufeinander aufbauen. Es sind dies die Ebenen

Die einzelnen Ebenen in unterschiedlichen Anteilen stellen als Gesamtheit die von uns wahrgenommene Wirklichkeit dar. Je nach kultureller und persönlicher Erfahrung richtet sich die Wahrnehmung verstärkt auf eine der Ebenen, welche aber situativ bedingt keineswegs immer die gleiche sein muss. Durch diese Wahrnehmungstendenz stellt sich das Bild der Wirklichkeit für jeden Menschen individuell dar.

Es ist keine Verweigerung. Ich bin nur sehr wählerisch mit der Realität, die ich akzeptiere.

Calvin

Die Ebene der Realität

Die materielle Realität ist die erste Wirklichkeitsebene, unabhängig philosophischer Diskussionen wird sie als objektiv angenommen und sollte zumindest für Fotografie sinnvollerweise vorausgesetzt werden, existiert aber ganz grundsätzlich auch ohne den Fotografen.

Die Ebene der Befindlichkeit

Die Befindlichkeit ist die erste Übersetzung. Es ist die Erfahrung der Realität durch den Fotografen. Was von der Realität im Bewusstsein erfasst worden ist, ist Grundlage dafür, was der Mensch dann wieder mitteilen will. Sehr viel von dem was die Befindlichkeit ausmacht wird nie Anlass für eine Kommunikation sein (introvertiert). Es bleibt ein Geheimnis oder ist so selbstverständlich, dass man nie darüber reden wird. Damit Gedanken, Ideen, Phantasien ausgedrückt werden bedarf es der Absicht. Durch die Absicht hat der Mensch das Bedürfnis, seine innere Welt nach aussen hin mitzuteilen (extrovertiert). Absichten können unterschiedlichster Art sein, sie müssen aber immer durch etwas veranlasst sein und sei es nur eine Stille zu durchbrechen. Die Absicht entspringt somit einer Situation. Wir können diese Situation den Kontext nennen. Der Kontext ist Anlass um eine Äusserung zu tun.

Die Ebene der Formulierung

Die Formulierung ist eine Übertragung der gewünschten Aussage in die Möglichkeiten des Mediums, sei es gesprochene Sprache oder eben wie in unserem Fall Fotografie. Man gibt den Gedanken durch die Formulierung eine Form. Die Formulierung ist somit etwas anderes als die Idee respektive die Befindlichkeit und ist massgeblich bestimmt durch die Möglichkeiten des als Vehikel für den Gedanken dienenden Mediums.

Die Sprache als solche hat einen dominanten Einfluss auf die Wahrnehmung. Indem sie die Möglichkeiten zur Verfügung stellt prägt sie den Bedeutungshorizont des Menschen, besonders deutlich dargestellt wird dieser Umstand durch Neusprech im Roman 1984 von George Orwell. Sprache im allgemeinen und in unserem Falle Bildsprache im speziellen ist somit für die Wahrnehmung der Wirklichkeit gleichermassen verantwortlich wie die Realität selbst. Die Formulierung steht damit im Bezug zur kulturellen Sprachüberlieferung und stellt korrekterweise eine eigene Wirklichkeitsebene dar.

Die Ebene der Wirksamkeit

Der Betrachter interpretiert die Formulierung und übersetzt sie damit in seine eigene Befindlichkeit. Es ist die Wirklichkeitsebene der Wirksamkeit respektive des Erkennens oder Verstehens. Das Kennen oder Erkennen eines Gegenstandes entspricht jedoch nicht nur dem ikonischen Aspekt, dass zum Beispiel die Abbildung eines Baumes als Baum erkannt wird, sondern beinhaltet vielmehr auch das Wissen um dessen Funktion, sei es als Früchte- und Holzlieferant oder als Schattenspender. Das Ikon ist somit in der Wahrnehmung nicht nur ein Abbild des Bezeichneten, sondern in Konnotation auch ein Symbol für dessen Gebrauch. Da Assoziationen dazu individuell sind stellt diese Ebene auf Seite des Betrachters spiegelbildlich ein Analogon für die Ebene der Befindlichkeit auf Seite des Fotografen dar.

Die Ebene des kulturellen Umfeldes

Der Betrachter einer Fotografie befindet sich selbst innerhalb eines kulturellen Umfeldes, welches auf seiner Seite an Stelle der Realität als Referenz steht. Im fotografischen Normalfall kennt ein Betrachter die objektive Realität nicht, das Bild stellt für ihn dann die indirekte Erfahrung dar.

Die vom Fotografen dargebotene Formulierung entwickelt sich dann zur Wirksamkeit entsprechend dem kulturellen Umfeld des Betrachters. Wenn das kulturelle Umfeld nicht passt kann ein Bild nicht im Sinne des Fotografen interpretiert werden.

There are 10 different kinds of people in this world - those who understand binary and those who don't.

Alte Informatikerweisheit

Dem kulturellen Netz kann mit direkter Erfahrung oder Sachwissen begegnet werden. In dem Fall kann unterschieden werden, ob die Formulierung dem Sachverhalt entspricht oder nicht, woraus eine kritische (unterscheidende) Position resultiert. Der Empfänger nimmt die Botschaft dann als Formulierung wahr, zu welcher er entweder zustimmend, ablehnend oder auch differenzierend steht.

Motivauffassung

Die Kunst gibt nicht das Sichtbare wieder, sondern macht sichtbar.

Paul Klee

Worauf der Mensch seine Aufmerksamkeit besonders lenkt bestimmt also, was er wahrnimmt.

Wenn wir davon ausgehen, dass das was er wahrnimmt Anlass dafür ist, was er bildnerisch darstellen will, so gelangen wir nahtlos von der Tendenz der Wahrnehmung zu derjenigen der Aussage. Die Wirklichkeitsebenen erscheinen jetzt im bildnerischen Werk als Ebenen der Aussage, natürlich auch hier nicht in Reinform, wie ja auch die Wahrnehmung nur eine Tendenz darstellt. Zeig mir wie Du fotografierst und ich sag Dir wie Du denkst.

Wir sind somit bei der zentralen, oftmals bang gestellten Frage was will der Künstler uns damit sagen? angelangt. So wird auch klar, dass es dabei nicht nur um den dargestellten Gegenstand an sich geht, sondern auch um die Wirklichkeitsebene. Aus der Betrachtung Wie stellt er es dar? mögen sich (eventuell) Antworten auf die Fragen Wie hat er es wahrgenommen? und worüber will er eine Aussage machen? ergeben.

Die Aussage auf der Ebene der Realität

Eine Aussage auf der Ebene der Realität erfolgt als Darstellung der Realität wie sie ausserhalb des menschlichen Bewusstseins und unabhängig menschlicher Beeinflussung existiert. Es ist dies die getreue Darstellung des sichtbaren Alltäglichen respektive Zufälligen ohne idealisierende oder heroisierende Elemente und in dieser Eigenschaft prinzipiell überprüfbar. Das Bild tritt als ikonische Abbildung der Aussenwelt in Erscheinung. Der Betrachter erfährt somit etwas über eine reale Situation, durch Wiedererkennen entsteht ein guter Bezug zur eigenen Wirklichkeitserfahrung. Beispiele für diese Art der Aussage sind Landschaft- und Portraitfotografie. In der Malerei wird von Naturalismus oder Realismus gesprochen.

Die Aussage auf der Ebene der Befindlichkeit

Wird die eigene Befindlichkeit zum Massstab der Darstellung, so handelt es sich um eine Aussage auf der Ebene der Repräsentation der Realität im Bewusstsein. Es sind zumeist kaum dechiffrierbare Eigenheiten des Autors, die den persönlichen Stil als charakteristischen Ausdruck des jeweiligen Künstlers ausmachen.

Die Bedeutungsstruktur der Bildgegenstände und deren symbolische Umsetzung in ein individuelles Zeichensystem des Fotografen gründet zumeist in der Biografie des Künstlers und seiner persönliche Weltsicht.

Diese Aussagen werden durch Wertmassstäbe und Vorstellungen somit auch zum Positionsbezug. Die Darstellung ist dem Empfinden entsprechend oft deformiert, z.B. durch starke Kontraste (Farbe, hell/dunkel), Flächigkeit und Verzerrung.

Dieser Zeichenaspekt äussert sich in den Abweichungen, die der Betrachter gegenüber seiner ihm bekannten Wahrnehmung der dargestellten Inhalte feststellt. Der Betrachter erfährt dadurch etwas über die innere Situation des Fotografen. In der Malerei kann der Expressionismus dieser Ebene zugeordnet werden.

Die Aussage auf der Ebene der Formulierung

Ästhetische Wagnisse wie Frauen in Hosen.

Roland Barthes

Auf der Ebene der Formulierung bezieht sich die Abbildung auf sich selbst, im Falle der Fotografie auf deren Bildsprache. Es geht bei dieser Formulierung um den Formalismus, um die soweit noch inhaltslose Form. Zeichen und Eigengesetzlichkeit der Bildsprache rücken ins Zentrum, die Abbildung ist eine Aussage über die Sprachhandlung selbst. Man kann davon ausgehen, dass es bei einem Bild grundsätzlich notwendige Elemente gibt, ohne welche es kein Bild wäre (sondern irgend etwas flaches). Erst durch die Anwesenheit dieser existentiellen Konstanten ist unsere Wahrnehmung imstande, die Gesamtheit als Bild aufzufassen.

Im Gegenzug bedeutet dies, dass das Bild damit unserer Wahrnehmung entspricht. Für diesen speziellen Zeichenaspekt der bildenden Kunst findet sich in der Literatur gelegentlich der Begriff des ästhetischen Zeichens.

Viele Bilder, insbesondere in der ungegenständlichen Malerei und Fotografie, sind ausschliesslich dafür bestimmt, wahrgenommen zu werden.

Es besteht auf dieser Ebene aber auch die Möglichkeit der Anknüpfung an bestehende Stil- oder Darstellungsformen, was man als eine Art formales Zitat sehen kann. Dieser Ansatz funktioniert nach dem Motto "Seht, die anderen auch!" Bilder stehen dann im Bezug zu anderen Bildern der gleichen Zeit und werden derart von kulturellem Belang, aus welchem sie dann auch nicht mehr herausgelöst werden können. Die Bilder selbst werden so zu einem Index, indem sie auf einen kulturellen Kontext hindeuten. Oftmals findet der Bezugspunkt seinen Niederschlag nicht nur in der Technik der Darstellung, sondern auch im Motivbereich. Derart ergibt sich so ein Bezug zwischen Motivelement und der kultureller Anleihe.

Für den Betrachter stellt sich hier die Frage der Bildsprachbeherrschung. Nur wenn er imstande ist, den kulturellen Code als solchen zu erkennen, kriegt er Zugang zur beabsichtigten Aussage. Ansonsten liesse sich sein Ausdruck des Erstaunens als Hinweis auf die Brüchigkeit der Verknüpfung von Form und Inhalt verstehen.

Die Aussage auf der Ebene der Wirksamkeit

Die Intention einer Aussage auf der Ebene der Wirksamkeit geht Richtung Betrachter - der Blinde ertastet es wieder mal am Stock - darauf abzielend, ihn zur Wahrnehmung zu beeinflussen. Das Bild soll als ein Aussenimpuls von sinnlicher Wirkung in Erscheinung treten, im Vergleich zum Alltäglichen also als darüber hinausgehend beachtenswert, als attraktiv ins Auge fallen. Die Darstellung auf dieser Ebene ist somit den Regeln des ästhetischen unterworfen.

Eine einfache Intention kann sein, dass der Betrachter sich einen Sachverhalt bewusst macht indem er ihn z.B. als positiv, als schön oder interessant, erfährt. Die Bildaussage ist dadurch vorerst eine Effektaussage, durch welche der Betrachter angesprochen wird.

In der Malerei kann die Richtung des Impressionismus zu nicht unwesentlichem Teil dieser Aussageebene zugerechnet werden.

Durch Ausschliessen von Zufälligkeiten lässt sich ein Naturvorbild idealisieren. Als wesentlich werden geistige Werte geltend gemacht (Freiheit, Würde, Einsicht), oftmals steckt dahinter ein ethischer Idealismus.

Etwas weiter geht die Wirksamkeit wenn sie zur beabsichtigten Auswirkung wird, indem durch Emotionen, ausgelöst vor allem von sehr schönen oder sehr hässlichen Bildern, Handlungsbereitschaft erstellt werden soll.

Die Aussage auf der Ebene des kulturellen Umfeldes

Der Bezug auf die Ebene des kulturellen Umfeldes kommt in Bildern immer vor. Analog zur Entstehung, welche jedes fotografische Abbild automatisch in einen wie auch immer gearteten Bezug zur Realität stellt, wird der Betrachters das Bild immer im Kontext seines kulturellen Umfeldes betrachten. Bei der Referenz für die Bildprüfung handelt es sich somit nicht um eine überprüfbare Tatsache auf der Ebene der Realität, sondern um einen kulturellen, allgemein akzeptierten Umstand. Entstehen dabei keine Widersprüche, so wird dieser Umstand kaum wahrgenommen. Primär entsteht dadurch vorerst keine Disharmonie, der Betrachter wird sich also nicht unwohl fühlen. Das Bild stellt somit ein positives Feedback, eine Bestätigung für das kulturelle Umfeld dar.

So sind zum Beispiel Zitate ein sich Beziehen auf schon anderweitig ausgesagtes und somit auf das eigentliche kulturelle Umfeld. Auf diesen bereits bestehenden Formulierungen lässt sich deshalb gut aufbauen. Man bedenke all die Zitate von Feininger, Goethe, Albat und anderen Grössen in diesen Seiten, wie könnten sie da an den solcherart dargestellten Sachverhalten noch zweifeln.

Bild: Shetland-
whiskey.com

Wichtig ist somit nicht nur was ausgesagt wurde, sondern vor allem auch wer es ausgesagt hat. Es hat dies etwas vom Gewährsmannprinzip. Für die Bildsprache gilt entsprechendes, die ganze Flut von Prominentenwerbung ist Ausdruck davon.

Das eigene kulturelle Umfeld kann durch ein Bild aber auch gestört werden. Die Irritation führt zur kritischen Betrachtung, zu Unterscheidung und Differenzierung und somit zur Meinungsbildung. Damit einher gehen unter Umständen neue Überzeugungen, eine solche Aussage zielt dann auf Revision. Die Idee hinter dem embedded Journalist kann unter diesem Aspekt gesehen werden. Ein kulturelles Umfeld bestehender Zustimmung soll durch ein positives Feedback bestätigt und damit gestärkt werden, ein Anlass zur Hinterfragung soll nicht entstehen.

Der Blick des Journalisten fällt durch den Sehschlitz des Panzers. Und der ist nicht sehr gross

Friedrich Nowottny, 2003

Die Revision kann aber durchaus auch in Form von Verführung und Schaffung von Abhängigkeit gegen den Betrachter gerichtet sein, ein Extremfall davon stellt die Gehirnwäsche dar.