Mittelformat oder Kleinbild?

Soll der Umstieg ins Mittelformat gewagt werden, was ist von Mittelformat zu erhoffen? Diese Frage taucht bei vielen engagierten Fotografen irgendwann mal auf.

Was erhoffen sie sich den genau vom Mittelformat, weshalb genau stellen sie sich die Frage?

3 mögliche Ursachen (unter anderen) für den aufkeimenden Wunsch nach Formatzuwachs. Gehen wir die Gründe kurz durch:

Ungenügende Bildqualität: Mit dem Mittelformat kann zweifelsohne eine bessere Qualität erreicht werden als mit dem Kleinbildformat. Es tut dies aber nicht von selbst. Haben sie bisher im Umgang mit dem Kleinbildformat alle Punkte im Artikel Scharfe Fotos befolgt? Falls nicht, lassen sie die Finger vom Mittelformat weg. Die Qualität des Mittelformats liegt in erster Linie darin, dem Fotografen seine mangelnde Sorgfalt klar aufzuzeigen.

Unzufrieden mit ihren Bildergebnissen: sie haben Brennweiten von 24 bis 200mm, erweitern diese auf den Bereich von 20 bis 300mm, später auf 17 bis 400mm, trotzdem kommt kein Kick in ihre Bilder. Auch Mittelformat wird dies nicht richten, aber Mittelformat kann ihnen die Antwort geben. Mittelformat arbeitet mit einer geringeren Auswahl an Bildwinkeln. Beschränken sie sich im Kleinbildformat auf 3 festbrennweitige Objektive, einen gemässigten Weitwinkel, ein Objektiv der Normalbrenweite und ein nicht zu langes Tele (z.b. 105mm) und fotografieren sie eine Weile nur ab Stativ. Zwei Vorteile ergeben sich für sie daraus:

...kurz, ihre Bilder werden besser.

Auch empfehlenswert zur Motivatiossteigerung: Gestalten sie eine eigene Ausstellung mit ihren Bildern. Dies können auch nur 6 bis 10 Bilder in einem Speiselokal sein. Die Gäste haben Zeit und werden ihre Bilder in entspannter Stimmung wahrnehmen, sie haben dort zudem mehr Publikum, ihr Werbeaufwand ist kleiner und den Apero bezahlen die Gäste auch noch selbst. Die geringe Anzahl Bilder erlaut zudem eine schärfere Selektion bei der Bildauswahl, 10 gute Bilder sind besser als 50 mittelmässige.

Unzufriedenheit mit dem bisherigen "Karriereverlauf" als Amateurfotograf: Sie brauchen also einen Motivationsschub. Unzufriedenheit ist ein diffuser Begriff. Für Amateurfotografie beinhaltet er die grosse Spannweite von Ich weiss nicht was fotografieren bis Ich hab keine Zeit zum Fotografieren.

Genau diese zwei Probleme können sie mit dem Formatwechsel nicht lösen. In diesen beiden Fällen kann ich ihnen nur einen Rat geben: Nehmen sie sich gezielt Zeit für die Fotografie. Auf dem Sonntagsspaziergang entstehen Bilder für ein Familienalbum, deshalb lassen sie bei dieser Gelegenheit die Kamera zu Hause wenn ihnen nicht nach solchen Bildern zumute ist. Ihre hohen Erwartungen werden derart nicht erfüllt und den Spaziergang können sie auch nicht geniessen. Dafür geben sie eine Ferienwoche an ihr Hobby. Sprechen sie sich mit ihrer Familie ab - sie und ihre Kamera in ihrer Umgebung während einer ganzen Woche - ohne Frau und ohne Kinder. Sie werden Motive entdecken und sie haben eine ganze Woche dafür Zeit. Die Nächte verbringen sie in ihrer Dunkelkammer. Nach einer intensiven Woche werden sie ein paar gute Bilder haben, die Frustration ist weg und auch für den Rest der Familie sind sie wieder geniessbar.

Und jetzt zum eigentlichen Mittelformat. Sie sind also immer noch überzeugt und möchten den Umstieg wagen?

Sie haben Nerven!

Zuerst müssen sie Klarheit erlangen: Was genau wollen sie im Mittelformat fotografieren? Das Mittelformat ist bedeutend weniger universell als Kleinbild. Während sie im Kleinbildformat durchaus eine Ausrüstung zusammenstellen können, welche für alles geeignet ist, so dürfte dies für Mittelformat bedeutend schwieriger sein. Daher gilt als erste Erkenntnis: Mittelformat ist immer ein Zweitsystem neben einer eigentlichen Kleinbildausrüstung, dafür dürfen sie sich jetzt im Mittelformat spezialisieren.

Eine systematische Hilfe kann ich ihnen zur Wahl nicht geben - ich will ihnen aber kurz meine Wahl begründen:

Ich will meine Mittelformatkamera nur für SW-Bilder einsetzen. Selbstverarbeitung ist mein Weg um zu technisch befriedigenden Bildern zu kommen.
Gegen Diaaufnahmen im Mittelformat sprechen meine Erfahrungen mit geglasten Kleinbilddias (Schärfeverlust durch Antinewtonglas, Staub in den Dias trotz unendlicher Putzarbeit). Auch sind Götschmannprojektoren nicht in meiner Preisklasse angesiedelt. Vergessen wir das Thema also gleich von vornherein. Der Entscheid, das Mittelformat für Schwarzweiss anzuwenden grenzt auch den Einsatz von Mittelformat und Kleinbild gegeneinander ab - dies ist sicher von Vorteil.

Ich will meine Mittelformatkamera draussen verwenden, Natur, Landschaft und etwas Architektur - mit Studioaufnahmen hab ich nichts am Hut. Folglich muss die Kamera handlich sein - Bei den Objektiven ist ein Weitwinkelobjektiv wünschenswert.

Handlich ist z.B. die Messsucherkamera Mamiya 7II - lange Zeit war diese Kamera zuoberst auf meiner Wunschliste. Ihre Vorteile: Sehr kompakt, bekannt für überragende optische Qualität und ein grosses 6x7cm Format. Nachteile: Probleme bei der Scharfstellung mit Teleobjektiven werden ihr nachgesagt, die symmetrisch aufgebaute Weitwinkelobjektive weisen prinzipbedingt eine grosse natürliche Vignettierung auf und die Zentralverschussobjektive sind zudem recht teuer. Dadurch ist eine andere Kamera in mein Blickfeld gerückt. Die Mamiya 645 Pro TL. Wegen dem 6x4,5cm Format ist die Kamera trotz dem Spiegelreflexprinzip recht kompakt. Das Format wird gerne als Mittelformat APS verspottet. Dabei übersieht man oftmals, dass beim 6x6cm-Format genau der gleiche 4,5x6cm Ausschnitt auf das Fotopapier kopiert wird, soll dessen Breite voll ausgenutzt werden. Das kleine Format entsprich im Seitenverhältnis genau demjenigen der Fotopapiere (z.B. 30x40cm). Zudem: Für dem Einsatz von Makroobjektiven ist ein Spiegelreflexsucher eindeutig von Vorteil, diese Optiken existieren deshalb für die Messsucherkameras gar nicht erst.

Was kostet das Mittelformat? Sicher viel Nerven - das beginnt bereits beim Einziehen des 120er-Films in Dunkelheit in die Jobospirale zwecks Filmentwicklung. Von der monetären Seite her gesehen hält sich der Schaden in Grenzen. Die Vergrösserungsgeräte können zu günstigen Preisen bis zu 6x7cm Negativen verwendet werden. Auch die Kosten für Kamera und Optik sind moderat - Objektive ohne Zentralverschluss sind sehr viel günstiger als solche mit. Dem Marketing von Mamiya bin ich sehr zu Dank verpflichtet. Durch Einführung einer Autofokusversion der 645 wurden die manuellen Kamera für viele Fotografen obsolet. Mit einer kleinen Spende meinerseits hab ich einem Fotografen geholfen, eine finanziellen Grundstock anzulegen für das neue Modell und dafür freundlicherweise auch gleich die alte manuell zu fokussierende Kamera samt Filmmagazin, zwei Suchern, Winderhandgriff und drei Optiken übernommen - der Glückliche hatte nicht einmal ein Entsorgungsproblem. Ein Teil des gesparten Geldes werde ich in Antistatikputztücher zur Reinigung der Bildbühnengläser des Vergrösserers investieren. Der Winter kann kommen.