Im Banne der Megapixel

Will the wind ever remember, the names it has blown in the past?

aus "The wind cries Mary" - Jimi Hendrix

Wie viele Megapixel hat ein Bild auf analogem Film?

Man darf sich fragen, weshalb Anhänger der Digitalfotografie sich ausgerechnet eine technische Grösse ausgesucht haben, um für ein angeblich kreatives Medium zu argumentieren. Und man sollte sich auch fragen, weshalb die Vertreter des Analogen darauf überhaupt eingehen.
Eine weitere Frage wäre: Wird hier ein Graben herbeigeredet beim Medium der Fotografie, oder besteht schon von Anbeginn an keine gemeinsame Basis. Ich kann es nicht beurteilen. Ich möchte deshalb hier auch nicht gross analytisch argumentieren, sondern erzählen, wie ich das Ganze erlebe.

Im August 1999 las ich auf dpreview.com folgende Bewertung einer Kamera: however the total specifications of this camera are just stunning. Um was ging es da? Es war die Ankündigung der Nikon D1. 2,7 Megapixel versetzten die Fotobranche in Staunen. Die Bildqualität war so gut, dass die D1 für viele professionelle Fotografen zur Brot und Butterkamera wurde, ihr tägliches Arbeitspferd. Natürlich liess sich damit nicht alles erledigen, aber gute Abzüge bis A4 waren machbar.

Das letzte Opfer

Deren Qualität wurde natürlich auch zu einem Thema in Fotoforen. Man war sich einig, dass 2,7 Megapixel die verwendeten Kleinbildoptiken nicht ausreizen würden. Mutmassungen über deren Auflösungsvermögen wurden angestellt, ein verbreiteter Konsens war, das es kameraseitig schon 4 Megapixel sein müssten, um mit Film gleichziehen zu können.

Interessanterweise war dies auch die Zeit, in der sich beim analogen Film etwas tat. Der feinkörnigste aller Filme wurde abgekündigt, der Kodachrome 25 wurde nicht mehr weiter produziert. In dieser Zeit erschienen aber auch neue Filme, so der Provia 400. Das war auch ein ganz erstaunliches Produkt, ein 400ISO-Diafilm, der trotz der hohen Empfindlichkeit fast so gut war wie ein ISO100 Film. Dieser Film war von vielen Fotografen heiss begehrt, auch von mir. Auflösung war doch nicht alles.

2002 fotografierte ich an der Expo.02 mit ISO400-Diafilm - ein bekannter Fotograf benutzte damals die Canon 1D - die beschworenen 4 Megapixel waren erreicht, er hatte digital gleichgezogen. Der Konsens betreffend Äquivalenz von Film und Datei bei den Foren-Diskussionen lag inzwischen bei 6 Megapixel.

Auf Luminous-Landscape machte Michael Reichmann Tests digital gegen analog. Das beste Equipment wurde aufgefahren, schwere Stative und Trommelscanner und was man sonst noch im realen Leben verbal hochhält. Michael kam zum Schluss, dass die Canon D30 dem Kleinbildfilm Provia 100 ebenbürtig sei.

Aber auch ich war erstaunt, digital war inzwischen tatsächlich besser geworden als analog. Nicht weil die Auflösung höher war oder so was ähnliches, das kratzte mich nicht besonders, sondern weil es schwierig geworden war, gute analoge Abzüge grösser als 20x30cm zu kriegen. So begann für mich eine Phase des Experimentierens. Ich musste mir einen zuverlässigen, aber nicht zu aufwändigen Workflow (welch übles Wort für den Amateurbereich) erarbeiten. Ausserdem musste ich den Laboranten meines Fotohändlers des Vertrauens davon abbringen, meinen Bildern farblich oder bezüglich Schärfe einen Mehrwert zu verabreichen. Nicht weil sie dann besser oder schlechter gewesen wären, sondern weil ich derart nicht herausfinden konnte, was mein Workflow respektive die daraus entstehenden Bilddateien taugten.

In der Zwischenzeit hatte sich in Fotoforen eine Filmqualitätsreligion entwickelt, deren Hohepriester mit Spiegelvorauslösung die letzten Kodachrome 25 Filme opferten. Die Aussage war klar, 10 Megapixel mussten es schon sein, ansonsten war mit dem Filmopfer kaum gleichzuziehen. Aber auch Michael Reichmann war fleissig, er hatte seine Zeit sinnvoll eingesetzt, an windstillen Tagen Stative auf Terrassen über den Dächern Kanadas geschleppt und dort dann mehrere Kameras sorgfältig nebeneinander aufgebaut. Er hat dies gleich ein paar mal gemacht und sich derart digital dem analogen Mittelformat angenähert um dann zum Schluss der Welt freudig zu verkünden, dass der digitale 16-Megapixelbolide Canon 1Ds besser als Mittelformatfilm sei. So ging das also weiter. Mich beschäftigte derweil das Kapitel Farbmanagement.

Marc beinahe mit Kampfente

Seit Ende 2004 habe auch ich eine digitale Kamera, mit stolzen 6 Megapixel. Im 30x45cm² Abzug des Bildes "Marc beinahe mit Kampfente" begutachtete ich die einzelnen Bartstoppeln von Marc.
Meine Erkenntnis daraus: Wenn 6 Megapixel nicht reichen hat der Fotograf eventuell noch ein anderes Problem.

Im Fotoforen war mit der Zeit wohl auch eine Erkenntnis gereift, dass die Entwicklung bei digitalen Kameras Megapixelgrenzen schnell übersprang. Man war sich jetzt einig, dass Moire und der Dynamikbereich von digitalen Sensoren ein grundsätzliches Problem wären. Michael Reichmann beschäftigten derweil Speichermöglichkeiten für grosse Datenmengen.

Der Fortschritt geht rasend schnell, auch bei mir. Inzwischen kann ich Holganegative mit einem 400 SFr. Flachbettscanner scannen und lasse diese auf 50x50cm² printen.

Die letzte bedeutende Nachricht von der Pixelfront war Michaels Erkenntnis, dass die Mittelformatoptiken von Contax nicht reichen um die Auflösung des neuen 39 Megapixel-Mittelformatback (zum Preise eines Mittelklasseautos) auszureizen. Aber er präsentierte zum Glück auch gleich eine konkrete Lösung um diesen eklatanten Mangel zu beseitigen. Nun ja, ich hab mir dann noch kurz seine Bilder angeschaut. Man möge mich bitte informieren, wenn das nächste mal wieder eine so bedeutende Schranke fällt.

Jetzt nochmals zur Eingangsfrage: Wie viele Megapixel hat ein Bild auf analogem Film? Spontan würde ich sagen: Keine.