Der Erste Eindruck

aber eine frage stellte sich mir nach dem ersten lesen sofort. wenn ich ein bild betrachte entscheidet sich in den ersten sekunden ob es mir gefällt oder nicht. ich kann dann natürlich versuchen zu ergründen warum das so ist (oder nicht) aber der erste eindruck bleibt meistens bestehen. wie siehst du den stellenwert des ersten eindrucks ? zumal es für die meisten betrachter (nichtfotografen) das einzige kriterium zur urteilsfindung ist.

Diese Frage hat mich per Email erreicht, nachdem ich zu einem Bild einen Kommentar abgegeben hatte - und ich hab es bis heute unterlassen, die Frage zu beantworten - allerdings nicht um es mir einfach zu machen. Hier ist somit noch meine ganz persönliche Antwort zu dieser Frage - die Antwort will ich aber auch gleich ein wenig missbrauchen um auszuschweifen.

Weil dies meiner Natur entspricht fange ich schon verwirrend an indem ich zwei Antworten gebe: Der erste Eindruck zählt nichts und alles.

Der erste Eindruck zählt alles:

Du bekommst niemals eine "Zweite Chance", um einen "Ersten Eindruck" zu hinterlassen.

Natürlich zählt er alles, ohne ihn würden wir das Bild gleich von Anfang an übergehen, uns darin nicht umschauen, eine versteckte Raffinesse wäre wertlos, wir würden sie gar nicht erst wahrnehmen. Der erste Eindruck muss derart ausfallen, das wir das Bild genauer anzuschauen gewillt sind. Mit dem ersten Eindruck entsteht eine Erwartungshaltung, indem das Bild dem ersten spontanen Gedanken auf einen zweiten Blick standhalten muss. Entlarven wir den ersten Eindruck als Effekt, so sind wir enttäuscht und das Bild ist erledigt. Wenn wir aber imstande sind, den ersten Eindruck zu vertiefen, wenn die Beschäftigung mit dem Bild etwas zutage fördert, so gewinnt das Bild nach dem ersten Eindruck zusätzlich an Tiefe. Um dies zu verdeutlichen möchte ich eine Passage aus einem Buch von Andreas Feininger zitieren, welche mir Michael Albat zugespielt hat:

Die Wichtigkeit dieser Art von Einstellung wurde mir vor einigen Jahren deutlich, als ich in einer Ausstellung ein Landschaftsfoto von Cape Cod sah, das alle konventionellen Regeln der Fotografie zu verletzen schien: Es war sehr grau und sehr körnig, der Horizont teilte das Bild in zwei gleiche Hälften, und es zeigte tatsächlich nichts anderes als weit ausgedehnte Dünen, die spärlich mit Strandhafer bewachsen waren, und einen gleichmässig bedeckten Himmel. Die Wirkung dieses Bildes war unglaublich trüb und einförmig.
Und dann, als ich ihm gerade den Rücken zukehren wollte, wobei ich mich noch wunderte, wie irgend jemand überhaupt ein derart langweiliges Bild ausstellen kann, ergriff es mich: das war ja genau das, was der Fotograf im Sinne hatte, er wollte Trübheit und Eintönigkeit ausdrücken, die niederdrückende Einsamkeit dieser weiten Sandflächen an einem regnerischen Märztag, das Gefühl von Nässe und der feuchten Kälte unter einem harten Nordostwind, diese Stimmung von Trostlosigkeit und Eintönigkeit, wenn alles grau in grau ist, von Schleier ziehenden Nebeln überdeckt, und er hatte das grossartig ausgedrückt. Plötzlich fühlte ich mich so, als ob ich dort wäre, ich fühlte die Kälte, die Einsamkeit, ich glaubte schon, ich könnte den verlorenen Schrei einer Seemöwe hören, die sich mit flatternden Flügeln gegen die steife Brise behauptet... Ich glaube nicht, dass ich dieses unglaublich trübe Bild je vergessen werden.

Ich habe diese Textpassage gewählt, weil sie von Stimmungen spricht. Viele Bilder sind konstruiert nach Regeln der Bildgestaltung, zumeist aus Diagonalen und goldenem Schnitt - die Lieblingsmerkmale guter Bilder engagierter Amateure. Diese Art der Konstruktion ist gefährlich - sie verkennt das wesentliche eines Bildes indem sie das Motiv vernachlässigt. Dabei will ich allerdings nicht einem bestimmten Motiv das Wort reden, sondern einem persönlichen Motiv. Der Fotograf wird dann am Besten, wenn er zum Motiv eine Beziehung hat. Kennt er sein Motiv so wird er sich anders damit beschäftigen als wenn ihm das Motiv fremd wäre - viele Details können erst jetzt stimmig werden - das Bild wird die Vertrautheit mit dem Motiv transportieren - darauf werden wir gefühlsmässig (im ersten Moment) reagieren und gegebenenfalls von Stimmung sprechen.

Der erste Eindruck zählt nichts:

Ich drehe die Sicht jetzt um, vom Fotografen auf den Betrachter. Kennt ein Betrachter den Fotografen bereits, so zählt der erste Eindruck eines einzelnen Bildes weniger. Das Bild wird automatisch eingereiht in ein Gesamtwerk und unbewusst macht dies ein Bild bereits spannend wenn wir an den Bildern des Fotografen insgesamt interessiert sind.

Genau wie der Fotograf zum Motiv eine Beziehung unterhält, unterhalten wir unsererseits Beziehungen zu Fotografen. Jedes neue Bild stellt eine neue Facette des Gesamtwerkes dar und verändert dadurch indirekt auch die anderen Bilder. Dies unterstützt auch meine These, dass Kunst eben nicht vom Können kommt, sondern vom Künstler. Der Begriff der Kunst kann heute nicht mehr scharf definiert werden - viele Versuche einer Definition befriedigen den Begriff des Handwerks, aber keinesfalls denjenigen der Kunst. Dem Begriff Kunst können wir uns erst nähern, wenn wir an erste Stelle den Künstler setzen und sagen, Kunst ist dasjenige, das von einem Künstler als Kunst erschaffen wird. Auch wenn wir jetzt vermeintlich gleich weit sind und anstelle von Kunst den Künstler definieren müssen, so ist es doch ganz offensichtlich einfacher, einen Künstler zu erkennen als Kunst. Der Künstler zeichnet sich ganz spezifisch durch die oben erwähnte Beziehung zum "Motiv" aus, die Beziehung und deren Entwicklung hat er zu seinem Lebenswerk erkoren - sie wird sein Gesamtwerk prägen.

Noch ein Wort zu Bildkritik: Dies ist oftmals der Versuch, ein Eindruck analytisch zu belegen. Man sollte Abstand davon nehmen, dies bei einer Aufnahme ebenfalls derart konstruieren zu wollen. Das Bild besteht nicht aus Gestaltungselementen, welche eine Stimmung zu erzeugen imstande sind, sondern umgekehrt aus einer Stimmung, welche von diesen Bildelementen unterstützt wird. Wer also die Diagonale sucht um dann daraus ein Bild zu konstruieren hat das Wesentlichste vergessen. Wer aber eine Stimmung vorfindet und mit dem "verfügbaren" Motiv etwas Gutes macht, indem er evtl. ein störendes Element weglässt oder durch einen geringfügig anderen Ausschnitt oder Standpunkt ein ansonsten fehlendes Teil noch ins Bild bringt, der hat das Wesentliche begriffen.