Text: Michael Albat, Bilder: Andreas Hurni

Belanglose Anmerkungen

In Internet-Foren kommt man immer wieder in die Verlegenheit, etwas unter ein Bild schreiben zu müssen, auch wenn einem dazu nichts einfällt. Wenn man also ein Bild für belanglos hält, könnte man ja vielleicht unbeherrscht um sich schlagen:

Um es brutalst möglich ganz rücksichtslos unverblümt mit der gebotenen Klarheit zu sagen: Obwohl ich einerseits natürlich nicht in Abrede stellen will, vermag das Bild andererseits imho auf den ersten Blick unmittelbar vollständig in allen Aspekten umstandslos unbedingt zur Gänze nicht zu überzeugen. Und dies, obwohl - wie gesagt - einerseits. Nicht wahr.

Das kommt nicht gut. Derart harsche Kritik wird nicht gerne gesehen. Nein, besser ist es, den Generator für Belanglose Anmerkungen zu verwenden. Beginnen wir mit der Definition: Eine Anmerkung heisst dann belanglos, wenn man sie unter jedes Bild schreiben kann. Im wesentlichen besteht eine BA aus einem, seltener aus mehreren Sätzen, die aber nur als tragende Konstruktion zum Einhängen von Adjektive dienen. Mehrsilbigen gebührt dabei unbedingt der Vorzug. Hinzu kommen dann eine Reihe von Smilies.

Bei einer Belanglosen Anmerkung (kurz BA) ist zu unterscheiden zwischen der positiv und der negativ klingenden belanglosen Anmerkung (pkBA bzw. nkBA). Der typische Vertreter einer pkBA ist etwa "Schönes Motiv" oder "Gut gesehen!". Unbesehen können sie auch überall "Ich halte dieses Bild für belanglos" drunter schreiben – soll mal jemand nachweisen, dass das nicht stimmt.

Die Positiv Klingende Belanglose Anmerkung

Die positiv klingende belanglose Anmerkung verwenden wir, wenn wir uns bei jemandem einschleimen wollen. Nicht einfach "Tolles Bild. Gefällt mir." Etwas einfallsreicher darf es schon sein. Nicht allzu einfallsreich, natürlich. Sonst gerät man in den Ruf, ein Spötter zu sein, ein Original oder sonst irgend etwas verdächtig Unrundes.

Zunächst muss die Betroffenheit abgearbeitet werden. Bei Affen ist Betroffenheit grundsätzlich immer angesagt; auch und gerade, wenn nur Körperteile gezeigt werden. Ebenso grundsätzlich, wenn Tiere und Gitter (oder Ketten) auf einem Bild vereinigt sind. Grundrezept "Da bin ich jetzt aber betroffen", würzen nach Belieben: echt, unheimlich, wirklich, ehrlich, tief... Die Steigerungsform ergibt sich durch die Reihung. Wenn mal wieder Affenhände am Gitter gezeigt werden, muss es heissen:

"Da bin ich jetzt aber echt unheimlich wirklich ehrlich tief betroffen." Mindestens!

Einem altem Freund verdanke ich "Richtungsweisend". Danke, Bernd! Das werde ich künftig häufiger einsetzen. Das klingt doch schon deshalb bedeutend, weil es mehr als 2 Silben enthält, oder? Welche Richtung das Bild weist, sollte man aber nicht angeben. Schliesslich sagt die bekannte Zahnpastareklame auch nur "Klinisch getestet", und lässt uns mit der bohrenden Frage zurück, was denn der klinische Test nun für ein Ergebnis erbracht hat.

Grundsätzlich abzuraten ist von vollständigen Aussagen, wie zum Beispiel:

"Das regt zum Nachdenken an".

Denn: Hier wird ja fast schon Stellung zum Bild und seinem Inhalt bezogen, und genau das wollen wir ja doch tunlichst vermeiden! Hingegen eigenen sich Sätze mit "Kann" ohne "nicht":

"Das kann man symbolisch sehen"

Auch hier verzichten wir natürlich auf eine genauere Angabe, was eigentlich symbolisiert oder worüber denn nun nachgedacht werden soll. Da könnte Streit draus entstehen!

Varianten ergeben sich durch die Wahl des Schlusszeichens: Punkt, Ausrufe- oder Fragezeichen?

"Das kann zum Nachdenken anregen!"

Baldmöglichst werde ich mal "Das kann richtungsweisend sein?" einsetzen.

Die Frageform ist überhaupt die höchste Form: "Kann das auch zum Nachdenken anregen?" mit dem Komparativ: "Kann das andere zum Nachdenken anregen?" (Jedoch nicht: "Kann das auch andere zum Nachdenken anregen?")

Die Negativ Klingende Belanglose Anmerkung

Die negativ klingende belanglose Anmerkung verwenden wir, wenn wir einfach schlechter Laune sind oder jemanden einfach nicht leiden mögen.

Den Erfolg einer guten nkBA beschrieb Gabor Kis wie folgt:

Zuweilen bricht regelrecht eine hysterische Heiterkeit aus, wenn andere mit schmerzverzerrtem Gesicht versuchen, Haltung zu bewahren.

So soll es sein! Das Ziel bei der Konstruktion einer negativ klingende belanglosen Anmerkung besteht darin, den Feind in eine Lage zu versetzen, in der er sich nicht wehren kann.

Wesentlich zum Erfolg einer nkBA trägt die Wahl des Adressaten bei: Je ferner Ihnen das fotografische Tätigkeitsgebiet ist, desto mehr ärgert er sich, und je weniger Ahnung sie von den Schwierigkeiten haben, desto blauäugiger können sie auftreten: Nutzen sie den Satz "Nichts ist zu schwer für den, der es nicht machen muss"! Besonders gut kommen alle Abwandlungen "Da nimmst Du ganz einfach...".

Erfordert beispielsweise das Betätigungsfeld die Verwendung eines Teleobjektivs, so können sie unbesehen die mangelnde Schärfentiefe beklagen; muss ein Weitwinkel verwendet werden, können sie auf die zu grossen Verzeichnungen hinweisen: "Mit einem Tele wäre das nicht passiert!". Warum? Da der Feind dem unbedarften Publikum zu seiner Rechtfertigung Grundlegendes erst erklären muss, haben sie gute Chance, dass er überhaupt nichts schreibt. Damit verlassen sie die Walstatt als Sieger.

Schreibt er wider Erwarten doch etwas, wird sein Text vermutlich schon auf Grund des Umfanges gar nicht gelesen. Wenn aber doch? Wenn die Gefahr besteht, dass sein Text den Leser fesselt, also verständlich und lehrreich ist, so bietet sich das Totschlagargument

"Ein Bild sollte aus sich heraus wirken!"

förmlich an. Stottert er dann immer noch ein "Aber... aber.." hervor, so bauen wir das zu einer Rechts-Links-Kombination aus. Keineswegs schreiben wir jetzt

"Du kannst wohl keine * Kritik vertragen?"

Nein! Wir schreiben

 "Ich bin sehr enttäuscht, dass Du keine * Kritik vertragen kannst.",

wobei wir den Stern durch eine beliebige Reihung von Adjektiven ersetzen: sachlich, sachbezogen, objektiv, konstruktiv, weiterführend, hilfreich, teilnehmend, offen, wertfrei, ernst(haft) gemeint, tiefschürfend begründet... In diesen Fällen sprechen wir von einer "simplen negativ klingenden Belanglosen Anmerkung" (snkBA).

Bei der Konstruktion einer "komplexen negativ klingenden Belanglosen Anmerkung" (knkBA) steht uns nun der alte Aristoteles mit seinem Syllogismus zur Seite: In der klassischen Logik die Form des Schlusses, der vom Allgemeinen auf das Besondere schliesst. Hierzu bildet man zwei Sätze und stellt diese dann hintereinander. Auf diese Weise erwecken wir den Eindruck, dass es sich um ein korrekt gebildetes Kalkül handelt, und wir brauchen den Schluss selbst nicht zu formulieren. Der erste Satz (Major) sollte eine oder mehrere unbezweifelbare Aussagen machen, der zweite (Minor) ist dann die persönliche Aussage eines Zweifels. Da uns an einem richtigen Schluss jedoch nichts liegt, müssen wir sorglich darauf achten, dass die beiden Sätze nichts oder wenig miteinander zu tun haben. Der erste Satz könnte also etwa lauten:

"Ein Bild sollte Spannung (einen interessanten Bildaufbau, gute Grauwerte...) haben."
"Man sollte exklusive, aufregende Bilder machen!"
"Andere sollten aus einem Bild etwas lernen können."
"Man sollte stets ein gutes Objektiv verwenden."
"Nach jedem Essen Zähne putzen."
"Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!"

Der Anfang des zweiter Satzes dient jetzt dazu, einen persönlichen Zweifel auszudrücken, was unmittelbar die Sympathie des unbeteiligten Lesers erweckt:

"Ich sehe nicht / Ich vermag nicht zu erkennen / Mir erschliesst sich nicht...", oder auch "Ich frage mich...".

Per se kann der Leser nun nicht bezweifeln, dass der Autor Zweifel hat: Der Satz ist somit wahr; egal, was nun folgt. Und so schieben wir einen zweiten Teil hinterher. Dieser übernimmt die Rolle des Bleibarrens in einem Boxerhandschuh.

"... warum Dich das Motiv/Thema beschäftigt"
"... warum Du das Bild gemacht / abgezogen / heraufgeladen hast"
"... warum Du ein derart belangloses Bild gemacht / abgezogen / heraufgeladen hast"

Wie so häufig, haben wir also die Wahl zwischen Florett, Degen und Säbel, um unseren Opponenten platt zu machen. Es gibt jedoch die Mistforke auch:

"... warum Du Dich mit Fotografie beschäftigst, wo doch so viel Müll herunterzutragen ist?"

Natürlich können wir auch hier mit den Endzeichen spielen. Da der erste Satz nach Konstruktion immer wahr ist, können wir hier mit einem Ausrufezeichen gut Entschiedenheit signalisieren. Für den zweiten Satz wirkt ein Fragezeichen immer sympathisch, und mindert entscheidend die Gefahr zivilrechtlicher Schritte. Den Gnadenstoss versetzen wir nun, indem wir noch ein Smilie dahinter setzen: Wer will schon als humorlos gelten? Wollen wir es mal probieren?

"Man sollte täglich die Unterbekleidung wechseln. Ich frage mich, was Du an dem Bild gut findest? :-)"

Was sagt uns das über die Hygienevorstellung unseres Gegenüber?

Betrachten wir nun, im Lichte des neu erworbenen Wissens, einmal ein willkürlich herausgerissenes Beispiel wie etwa

Wo ist das Besondere, von dem andere lernen können, wo ist der exklusive Bildaufbau, wo ist die spannende Beziehung? Ich sehe nur "Hunderttausendfach" und frage mich, inwieweit Deine Bildwahl "beispielhaft" ist, um sie [... hier... ] zu zeigen.

Wir erkennen den richtigen Ansatz, und wir können dem Autor bescheinigen, dass er sich Mühe gegeben hat. Bemängeln müssen wir jedoch den Ersten Satz, in dem seine Absicht so peinlich deutlich wird. Wie viel besser kaschiert das doch die folgende Formulierung:

Ein Bild sollte etwas Besonderes haben, etwas, aus dem andere etwas lernen können; einen exklusiven Bildaufbau, und eine spannende Beziehung; etwas, das nicht hunderttausend andere Bilder auch haben!

Nun erst hat das Bajonett "Ich frage mich, inwieweit..." doch den richtigen Schwung! Geht rein wie in Butter!