Digital oder Analog?

Diese Frage wird in Internetforen gerne gestellt. Lassen sies sein, das kommt nicht gut! Die Experten werden sich noch streiten, wenn sie schon längst nicht mehr mitlesen. Die Frage hat zwei entscheidende Schwächen: Besser respektive gut und schlecht sind subjektive Aspekte. Und selbst wenn sich herausstellen sollte, dass das eine besser als das andere ist, wissen sie immer noch nicht, ob es ihren Erwartungen entspricht.

Ein kurzer Einschub zum Thema Diskussion:

Es gibt den Begriff der kognitiven Dissonanz: Beim Kauf eines Objekts (z.B. eine Kamera oder ein Objektiv) muss die Entscheidung zwischen oftmals ähnlichen Produkten getroffen werden. Ist der Entscheid erstmals gefallen und das Objekt gekauft, so wird der Käufer von Zweifeln betreffend seinem Entscheid gequält: "Hab ich den richtigen Entscheid getroffen?". Diese Zweifel halten sich umso hartnäckiger, je weniger die zur Auswahl stehenden Produkte sich unterscheiden. Aus dieser Situation heraus ist es richtig, wenn die geringen Unterschiede "aufgeblasen" werden, damit sich der gefällte Entscheid als richtig und eindeutig herausstellt; nur derart kann ein Zustand innerer Harmonie wieder hergestellt werden. Die persönlichen Einstellungen und Überzeugungen werden der gegebenen Situation angepasst. Der Entscheid soll nach aussen hin als objektiv in Erscheinung treten. Vor und Nachteile werden fein säuberlich notiert, dann werden die einzelnen Aspekte als wesentlich oder unwesentlich gewichtet, jedes gewünschte Resultat lässt sich derart erzielen.

Ein externer Link zum Thema: Kognitive Dissonanz

Bezogen auf Diskussionen im Internet hat dies folgende Bewandtnis: Ich erkenne den wirklichen Profi daran, das er im Internet nicht diskutiert. Daran ist nichts falsch, ich will mit dem Profi auch gar nicht erst über Equipment diskutieren. Wir sind somit unter uns und können die Sache aus der Sicht des Amateurs betrachten.

Dass sie sich aus der Diskussion zurückziehen war folgerichtig ein erster und richtiger Anfang. Jetzt sind sie alleine und können beginnen, wesentliche Fragen für sich zu beantworten:

Unterscheidet sich analoge von digitaler Fotografie?

Wenn es darum geht, Bilder zu machen, dann unterscheiden sich Analog- und Digitalkameras insofern nicht wesentlich, als dass die Kamera das Werkzeug ist, das dem Fotografen erlaubt, ein Motiv in ein Bild umzusetzen. Sowohl analoge als auch digitale Kameras erfüllen ihren Job. Auf welchem Weg dies geschieht ist in diesem Kontext unwesentlich.

Aber da ist noch was anderes: sie betreiben Fotografie als Hobby - wir haben oben angemerkt, das wir die Sache aus der Perspektive des Amateurs betrachten. Was macht ihr Hobby aus? Die Bilder als Endzweck und alles vorangehende ist lästiger Aufwand, den es zu bewältigen gilt? Wohl kaum. Der Vorgang des Fotografierens ist wesentlich, wenn Fotografie ihr Hobby sein soll. Es gilt somit, die persönliche Präferenz nicht zu unterdrücken, sondern zu erkennen. Alle anderen Argumente sind vorgeschoben und könnten sie im schlechtesten Fall sogar in die Irre führen.

Also, was jetzt?

Fotografieren sie digital, fast alles spricht dafür.

Im folgenden will ich versuchen, dies aus verschiedenen Perspektiven zu begründen. Grundsätzlich geht ich dabei sowohl analog als auch digital von Spiegelreflexkameras mit Wechselobjektiven aus. Evtl. könnten sie das Gefühl kriegen, ich würde die Sache leicht doppelbödig präsentieren. Ihr Gefühl trügt sie nicht. Ich bin der festen Überzeugung, das sie nur richtig ja sagen können, wenn sie ein klein wenig auch die Schattenseiten kennen.

...und zum Schluss:

Welches ist ihr Ziel?

Auch früher schon, vor dem fotografischen Digitalzeitalter, hat das Herumhantieren mit Kameras und Optiken dem Fotoamateur Freude bereitet. Trotzdem hatte er zumeist einen Film in der Kamera, den ohne Bilder war das ganze nicht wirklich interessant. Je nach gewünschter Präsentationsart (man kann Bilder auch sich selbst präsentieren) entschied er sich für Dia- oder Negativfilm. Neu dazu gekommen ist jetzt "Digital" als dritte Filmart. Wollen sie ihre Bilder vor allem im Internet zeigen, dann sollten sie gleich eine Digitalkamera wählen. Wer fast ausschliesslich fürs Web fotografiert macht mit einer analogen Kamera einen Umweg. Wenn sie digitale Daten brauchen, dann kriegen sie diese mit der Digitalkamera am direktesten und nicht zuletzt auch am schnellsten. Sie sollten auch anerkennen, die Marketingleute verstehen ihr Handwerk. Sie müssen heute digital fotografieren um ernst genommen zu werden, das haben die richtig gut rübergebracht.

Was macht ihnen Spass?

Sie haben also Spass am Fotografieren. Der Spass wird Ihnen schnell vergehen wenn sie nicht erreichen was sie wollen. In der einfachsten Form der Fotografie sind sie unbelastet, aber abhängig. Der Laborant entwickelt ihre Filme und verunstaltet ihre Fotos. Fotografieren sie digital, so fällt zwar der Laborant weg, die Ausbelichtungsmaschine mit der Kunde wünscht dies so-Automatik kann einem misslaunigen Laboranten allerdings spielend das Wasser reichen. Nicht unwahrscheinlich, dass sie mit ihren Ergebnissen unzufrieden sein werden. Verwursten sie deshalb ihre Bilder gleich selbst. Von diesem Entscheid an unterscheidet sind analoge von digitaler Fotografie grundlegend. Analog bedeutet Chemie und Dunkelkammer, Digital entsprechend Computer, Software und Drucker. Gemeinsam haben beide Methoden, dass sie sehr viel Zeit benötigen werden. "Ein bisschen Ahnung haben" reicht für Spitzenergebnisse nicht, sie sollten ein Crack sein, sie werden sich das entsprechende Knowhow erarbeiten müssen.

Bildqualität

Die Bildqualität spricht für digitale Fotografie. Wie das? Jede Antwort zum Thema Bildqualität ist ein Vergleich. Deshalb soll auch gesagt werden, womit verglichen wird, was als Massstab dient. Wenn sie früher gelegentlich mal fotografiert haben, und heute nach einer langen Pause zu einer aktuellen, hochwertigen digitalen Kamera greifen, dann ist die Frage gleich beantwortet. Sie werden schnell akzeptable Resultate erzielen, für die Farben gibts in der Software einen Schieber, das gleiche für den Schärfeeindruck. Die Farben werden also deutlich prägnanter sein, die Bilder schärfer scheinen. Digital hat gewonnen. Das ist auch gut so. Die Bildqualität guter Digitalkameras ist hoch, daran sollte es nicht scheitern. Massgebend sind Sorgfalt und Fähigkeit des Fotografen, das ist so neu nicht. Egal wie sie die Frage beantworten, eine Tatsache bleibt bestehen: Richtig schlechte Bilder macht keine Kamera, dazu braucht es schon den Fotografen hinter der Kamera.

Der Film in der digitalen Kamera

Was macht eine analoge Kamera aus? sie ist in erster Linie ein lichtdichter Filmhalter mit einem Verschluss und einer Optik. Im wesentlichen ist die Kamera damit charakterisiert. In diese Kamera wird ein Film eingelegt und los gehts. Filme wurden im Laufe der Jahre immer besser, der Fotograf hat derart den Fortschritt mitgemacht ohne regelmässig die Kamera zu ersetzen. Für digitale Fotografie gilt dies nicht: Die Kamera ist wichtig geworden, heute macht sie das Bild, zumindest technisch. Kamera und Film sind bei analogen Kameras zwei Themen. Bei der Digitalkamera ist der "Film" in Form des Sensors ein Bestandteil der Kamera. Die Filmwahl treffen sie bei digitalen Kameras also nur einmal, beim Kauf der Kamera. Zur Auswahl stehen die Angebote "nichts unter ISO200" bei einigen DSLR und "nichts über ISO400" bei vielen kompakten "Digicams".

Sucher und Display

Ein grosser Vorteil digitaler Kameras ist die Möglichkeit, das Bild nach der Aufnahme auf dem Display zu kontrollieren. Dabei sollte jedoch nicht übersehen werden, dass das Bild nicht korrigiert werden kann, sie können es jedoch löschen. Natürlich können sie ein Bild auch wiederholen, vorausgesetzt, der Moment ist nicht vorbei. Zum Fotografieren benötigen sie den Sucher der Kamera. Die Beurteilung des Bildes erfolgt im Sucher, je besser dieser ist, desto weniger benötigen sie anschliessend das Display. Jedoch sind die Sucher nicht gerade die herausragende Stärke aktueller Digitalkameras. Andererseits: Wenn der Sucher nicht viel taugt, dann stellt sich das Display tatsächlich als Vorteil heraus, weil sie gezwungen sind, auf dem Display zu prüfen. Von unüberschätzbarem Vorteil ist ein Display, wenn sie mit Blitzlicht arbeiten. Bildergebnisse mit Blitzlicht sind nicht immer genau vorhersehbar. Früher hatten Fotografen mit Sofortbildfilm gearbeitet um die mit Blitzlicht entstehende Beleuchtung zu kontrollieren, dies geht heute auf einem Display bedeutend komfortabler.

Was kostet die Welt?

Ist Digitalfotografie teurer als Analogfotografie? Nichts lässt sich besser Verdrehen als Argumentationen auf der Basis von Kosten. Beginnen wir gleich mit den beiden Königsargumenten:

Diese Art der Diskussion wird ihnen nicht helfen können. Es gibt nur eine Betrachtungsart zum Thema: Welches System können und wollen sie sich leisten?

Wenn sie analog fotografieren brauchen sie eine Kamera, ein Objektiv und einen Film. Anschliessend bezahlen sie den Fotohändler, damit er ihre Arbeit weiterführt und Ihnen Abzüge anfertigt. Fotografieren sie digital, so sieht die Sache nicht anders aus, anstelle von Film tritt die Speicherkarte. Aber so war das für diesen Fall von Ihnen nicht gemeint, nicht wahr? sie möchten mindestens eine Computer dazu, mit Bildbearbeitungssoftware ausgestattet, damit sie einfache Korrekturen selbst durchführen können. Um die Freiheit des fast beliebigen Fotografierens ohne Folgekosten zu geniessen noch eine zweite Speicherkarte und ein zweiter Akku, die Kosten steigen. Andererseits: Wenn sie die Digitalkamera bezahlt haben ist das Geld ausgegeben. Von jetzt an dürfen sie Auslösen ohne dabei an laufende Kosten zu denken. Dies ist ein Gedanke, welcher sich auf viele Amateure entspannend auswirkt und somit indirekt auch etwas zur Bildqualität beiträgt.

Digitale Fotografie ist nicht billig, höchstens günstig. Für digitale Fotografie wird durchschnittlich deutlich mehr ausgegeben als für analoge Fotografie. Ich bin der Überzeugung, das kaum ein Amateur sich ein Gesamtbudget macht, wenn er eine digitale Kamera kauft. Weshalb sollte dies anders sein als beim Kauf einer analogen Kamera. Es ist nicht falsch in ein digitales Fotosystem zu investieren, doch man muss sich klar sein, dass das zentrale Element der Ausrüstung, die eigentliche Kamera, Eigenschaften von Verbrauchsmaterial aufweist und wohl regelmässig nach Ersatz verlangen wird. Nicht weil sie unsachlich damit umgingen, sondern ganz einfach weil die Kamera in einem sich schnell verändernden Umfeld funktionieren muss. Was heute produziert wird kauft in zwei Jahren niemand mehr und auch das Zubehör wird schnell vom Markt verschwinden. Akkus sind ein unverzichtbares Zubehör für eine Digitalkamera, ohne Akku geht nichts. Und weil diese oft und gerne kameraspezifisch sind wird die Lebensdauer des Akkus nicht selten auch zur Lebensdauer der Kamera.

Übrigens: Die älteste Kamera, welche ich benutze hat über 40 Jahre auf dem Buckel (Jahrgang 1958), und dies ohne Wechsel des Betriebssystems.

Staub auf dem Sensor

Das ist ein Feature, welches selbst hoch entwickelten Analogkameras fehlt. Das Problem lässt sich bei Digitalkameras mit Wechselobjektiven nicht grundsätzlich vermeiden. Wer dies nicht will, muss zu einer digitalen Kompaktkamera ohne Wechselobjektive greifen. Oftmals drängt sich bei mir das Gefühl auf, die Frustgrenze sei bei einigen Digitalfotografen tief gesetzt, insbesondere wenn die Threads zu diesem Thema den Titel "HILFEEEEE !!!!!!" tragen. Störender Staub ist mit geeigneter Software zu retuschieren und von Zeit zu Zeit der Sensor zu reinigen. Ein Sandkorn auf dem Film führt zu einem zerkratzten Film - ein symbolischer Wert für die meisten Amateurfotografen. Ein beim Reinigen zerkratzter Sensor wird monetär als bedeutend realer empfunden. Das Zeitintervall für die Sensorreinigung bestimmen sie durch ihr Verhalten beim Objektivwechsel selbst. Damit hat es sich. Insgesamt sollte man damit leben können.

Was sind Gründe für analoge Fotografie?

Niemand wird sie fragen, weshalb sie digital fotografieren. Fragen werden erst gestellt, wenn sie bei völlig unzeitgemässer analoger Fotografie ertappt werden. Auf diese Fragen sollten sie vorbereitet sein:

"Mitleid ist eine der edelsten Regungen des Menschen, die an Aufrichtigkeit nur von der Schadenfreude übertroffen wird."

Jürgen von der Lippe