Das Stativ, das unbekannte Wesen

It don't mean a thing, if it ain't got that swing.

Duke Ellington

Das Titelbild des Buches Die Hohe Schule der Fotografie von Andreas Feininger zeigt ein schweres Stativ. Keine Kamera, nur ein Stativ. In der Tat ist es so, dass wenn sie sich irgendwo mit einem Stativ zeigen, sie automatisch für einen professionellen Fotografen gehalten werden (den man gleich anquatscht oder zu vertreiben sucht). Das Stativ steht nicht zu unrecht synonym für eine mit Sorgfalt ausgeführte Aufnahme.

Es gibt für Amateurfotografen keinen Grund, die durch das Stativ gewonnenen Vorteile den professionellen Fotografen zu überlassen. Der Einsatz eines Stativs sollte für Fotografen der Normalfall sein, ein Grundsatz, von welchem nur abgewichen wird, wenn sich dafür ein stichhaltiger Grund hartnäckig aufdrängt.

Stative bieten viele Vorteile:

Ein Satz, den ich schön öfters gelesen habe, lautet: Das beste Stativ ist dasjenige, das man mitnimmt. Dies ist eine Floskel, welche ich auch verwenden würde um nichtsnutzige Stative an den Mann zu bringen. Richtig müsste der Satz lauten: Das beste Stativ ist das schwerste Stativ. Schwächliche Stative, welche vor Angst zittern, sind nutzlos. Die Stabilität des Stativs muss der Anwendung entsprechen. Um mit einem langen Teleobjektiv zu knackscharfen Bildern zu kommen muss das Stativ felsenfest stehen. Die Regel ist einfach: Je dicker die Stativbeine, desto stabiler steht das Stativ. Der Begriff Tragfähigkeit ist wörtlich zu verstehen. Wird bei einem Stativ oder Stativkopf eine Tragfähigkeit spezifiziert, so bedeutet dies nicht, dass das Stativ sich mit dieser Last für die Fotografie vorteilhaft einsetzen lässt, sondern nur, dass das Stativ noch steht.

Die Maximalhöhe eines Stativs soll ansprechend sein, braucht aber nicht übertrieben zu werden. Wenn sie stehen und das Okular der Kamera ist auf Augenhöhe, so reicht dies für die meisten Fälle vollkommen. Vom Okular abwärts kommt dann erst mal die Kamera und der Stativkopf, das Stativ ist dann schon eine gutes Stück weniger hoch. Vorteilhaft wird diese Höhe erreicht ohne die Mittelsäule auszuziehen.

Für Makro- und Weitwinkelaufnahmen wünscht man sich oft eine Kameraposition in Bodennähe. Der tiefste mögliche Kamerastandpunkt wird dadurch auch zu einem Kriterium. Oft ist er durch die Länge der Mittelsäule vorgegeben. Es gibt Stative ohne Mittelsäule, allerdings wünscht man sich gerade im Makrobereich eine feine Höhenverstellbarkeit, eine kurze Mittelsäule ist somit durchaus wünschenswert.

Ein wichtiges Feature im Zusammenhang mit bodennahen Makroaufnahmen ist die Verstellbarkeit der Beine, diese sollten sich bis nahezu 90° abspreizen lassen.

Bild: Michael Albat

Packmass, Gewicht und Preis sind die Grössen jenseits kontemplativer Fotografie, welche ein Stativ in den irdischen Alltag zurückholen. Wenn sie auch in den Ferien mit Stativ fotografieren wollen, so muss das Stativ in den Koffer passen. Ein Stativkopf kann dafür auch abgenommen werden. Zudem wird das Packmass eines Stativs kürzer wenn sich die Auszugshöhe auf mehr Beinsegmente verteilt.

All diese widersprüchlichen Anforderungen lassen sich kaum in einem Stativ verwirklichen. Ich bin durchaus der Meinung, dass ein Amateurfotograf mehr als ein Stativ besitzen darf. Eine Lösung mit mehreren Stativen dürfe sogar finanziell günstiger sein als der Kauf eines Extremstativs.

Wie effektiv ein Stativ Verwackelung vermeidet hängt auch davon ab, wie sie es einsetzen:

Spiegelschlag

Stativtest in der Praxis

Ungebührliches Verhalten
von Stativen ...

All die oben stehenden Massnahmen zielen darauf ab, ein Verwackeln der Aufnahme durch den Fotografen zu vermeiden. Für höchste Anforderungen an die Erschütterungsfreiheit bei Verwendung langer Brennweiten oder bei Makroaufnahmen kommt noch eine Erschwernis dazu: Das Kamera-Stativgebilde kann schwingen. Und etwas, dass das ganze in Schwingung versetzt ist schnell gefunden: Der Spiegelschlag beim Heraufklappen des Spiegels. Der Spiegelschlag hat zwei charakteristische Grössen:

Entsprechend gibt es mehrere Ansätze um die dadurch verursachten Unschärfen zu vermeiden:

Lange und kurze Belichtungszeiten sind unanfällig für den Spiegelschlag

Bei langen Belichtungszeiten (z.B. 1s) dauert der Spiegelschlag nur ein Bruchteil der Belichtung, der grösste Teil der Belichtung erfolgt mit ruhiger Kamera. Bei kurzen Belichtungszeiten hat der Spiegelschlag noch keine grosse Bewegung ausgelöst weil seine Erschütterung im Vergleich zur Belichtungszeit langsamer Natur ist. Daraus ergibt sich ein Belichtungszeitenbereich, welcher gemieden werden soll. Dieser Bereich ist individuell von der Kamera (respektive vom Kameratyp) abhängig. Allgemein kann ein Bereich von etwa 1/30s bis 1/4s als gefährlich betrachtet werden. Ich könnte jetzt schreiben, dass sie diesen Zeitenbereich meiden sollen, allerdings stehen meist nicht beliebig viele Blenden zur Verfügung, welche fotografisch noch Sinn machen, und auch ein Verstellen der Filmempfindlichkeit geht nicht ohne Nebenwirkungen.

Bei den Topmodellen der Kamerahersteller darf eine bessere Dämpfung des Spiegelschlags erwartet werden als bei den Einstiegsmodellen. Die perfekte Dämpfung des Spiegelschlags ist leider ein (eher teures) Feature, mit welchem sich bei Amateuren nicht gross angeben lässt, entsprechend fristet es meist ein Dornröschendasein.

Spiegelarretierung oder Spiegelvorauslösung

Die radikale Methode um den Spiegelschlag zu vermeiden: Der Spiegel wird vorgängig dorthin gebracht wo er für die Aufnahme hin muss (Nein, nicht ins Pfefferland) und braucht deshalb für die Belichtung nicht mehr heraufgeklappt zu werden. Je nach Ausführung geschieht dies automatisch beim Auslösen, die eigentliche Belichtung erfolgt danach leicht verzögert. Man spricht in diesem Fall von Spiegelvorauslösung. Bei älteren Kameras ist die Spiegelvorauslösung oft mit dem Selbstauslöser gekoppelt. Spiegelarretierung ist schlicht und einfach ein Hebel um den Spiegel hochzuklappen, die Auslösung erfolgt anschliessend wie gewohnt. In beiden Fällen steht vor der eigentlichen Belichtung keine Belichtungsmessung mehr zur Verfügung, deshalb ist mit manueller Belichtungseinstellung oder Messwertspeicherung zu arbeiten.

Zusätzliche Dämpfung des Spiegelschlages

Die vom Spiegelschlag ausgelöste Erschütterung tritt in Form einer elastischen Verformung auf, Objektiv und Stativbeine schwingen ähnlich einer Saite. Die anfängliche Schwingung wird mit der Zeit schwächer, die Energie der Welle nimmt ab bis die Erschütterung aufgebraucht ist, man spricht von Dämpfung. Dagegen ist ein Kraut gewachsen: Zusätzlich eingefügte Dämpfung entziehen der Schallwelle auf ihrem Weg die Energie schneller, das geht auf zwei Arten:

Testen aller Kombinationen

Der Einfluss der Spiegelerschütterung nimmt mit zunehmender Brennweite zu. Was mit 50mm Brennweite sorglos geht kann mit 500mm schon arg Bauchschmerzen verursachen. Leider ist im Telebereich der Sache auch bei schweren Stativen nicht recht zu trauen. Es kann durchaus sein, dass sich einzelne Kombinationen von Stativ, Stativkopf und Objektiv mit dem Spiegel spontan solidarisieren, dann schwingt die Sache ganz toll, Duke Ellington hätte seine wahre Freude daran. Für sie hingegen bedeutet dies, die Kombination aus Kamera, Objektiv und Stativ vorgängig zu testen um zu sehen, mit welchen Kombinationen und bis zu welchen Belichtungszeiten sie glücklich werden. Bei langen Brennweiten sind diese Zeiten oft trotz Stativ erstaunlich kurz.

Brennweite Verschluss-
zeit
Auflösung
ohne S.A.
Auflösung
mit S.A.
Gewinn an
"Schärfe"
in mm in s in l/mm in l/mm in %
135 5
1/8
1/15
1/30
1/60
53
38
30
30
38
64
53
60
60
64
21
39
100
100
68
300 5
1/8
1/15
1/30
1/60
31
20
18
15
15
31
39
44
39
39
0
45
144
160
160
400 5
1/8
1/15
1/30
1/60
24
19
11
14
15
24
35
30
38
38
0
84
172
171
153

Einfluss des Spiegelschlages respektive der Spiegelarretierung
auf die Bildschärfe.

In der Zeitschrift Popular Photography erschien im Juni 1999 einen ausführlicher Test über den Einfluss des Spiegels auf die Bildschärfe. Dabei wurden ab einem Stativ Linienmuster mit und ohne Spiegelarretierung bei verschiedenen Belichtungszeiten fotografiert. Die dabei gemachte Erfahrung - in nebenstehender Tabelle zusammengefasst - zeigen, dass der Spiegelschlag auch bei relativ kurzen Brennweiten einen grossen Einfluss auf die Bildschärfe ausüben kann. Bereits bei schlappen 135 mm Brennweite steigerte sich die Auflösung im anfälligen Belichtungszeitenbereich vom 30 Linien/mm ohne Spiegelarretierung auf 60 Linien/mm mit Spiegelarretierung. Dies entspricht einer Zunahme des Auflösungsvermögens von 100 Prozent. Bei der längeren Brennweite von 400 mm Brennweite beträgt der Schärfegewinn sogar noch mehr, Steigerungen bis über 170% waren mit diesem Versuch möglich. Diese Daten beziehen sich jeweils auf Querformatfotos, vermutlich wäre der Unterschied bei Hochformataufnahmen aufgrund der ungünstigen Montierung auf dem Stativ noch drastischer ausgefallen.