Handwerk

Eine Faustregel

Beim Handwerk ist die Faust die Regel.

Hanspeter Frei

Viele feine Strukturen, ein solches Bild lebt
von einem einigermassen grossen Format und
von Detailschärfe.

Bild: Michael Albat

Jede Erschütterung der Kamera macht ein Bild unscharf, die Erschütterung wirkt sich um so stärker aus je länger die Brennweite ist. Für diesen Zusammenhang gibt es die folgende bekannte Faustregel:

Beim Fotografieren aus der Hand wird das Bild genügend scharf, wenn die Belichtungszeit kürzer als der Kehrwert der verwendeten Brennweite ist.

Also keine längeren Zeiten als 1/50s mit dem 50mm Objektiv und mit einem 100mm-Objektiv nicht unter 1/100s.

Diese Faustregel bezieht sich auf das Kleinbildformat, dem heutigen sogenannten Vollformat bei Spiegelreflexkameras, für andere Formate gelten die gleichen Zeiten bei gleichem Bildwinkel sinngemäss.

Was sagt uns diese Faustregel also genau? Sie sagt uns, dass wenn sie ein kleines Bildchen machen, zum Beispiel mit den Abmassen 9cm  x 13cm, wie es damals üblich war als die Faustregel aufgestellt wurde, dies bei oberflächlicher Betrachtung wohl nicht unscharf erscheinen wird. Diese Faustregel gibt uns also einen ersten Anhaltspunkt zum Verhältnis von Verschlusszeiten zu den berechtigten Erwartungen bezüglich Schärfe unserer Bilder.

Im Wissen um diesen Sachverhalt können wir die Faustregel bezüglich unseren konkreten Erwartungen überprüfen und gegebenenfalls erweitern:

Sie sehen, das Bessere ist wieder einmal der Feind des Guten. Für maximale Schärfe sollten entsprechend kürzere Zeiten eingesetzt werden, ein Bild entstanden mit dem 50mm-Objektiv wird bei einer Belichtungszeit von 1/250s in den feinen Details schärfer ausfallen als ein vergleichbares bei 1/50s.

Die Faustregel zeigt aber auch die gegenteilige Seite: Wer behauptet, mit 50mm Brennweite und 1/15s Belichtungszeit aus der Hand ein scharfes Bild zu erhalten schaut seine Bilder nicht an.

Die Technik hat sich aber auch zu unseren Gunsten entwickelt: Bei einer klassischen Spiegelreflexkamera wird im Moment des Auslösens der Sucher dunkel, dieser Umstand wirkt sich sicher nicht positiv auf das Verwackeln aus. Bei vielen heutigen Kameras mit Display oder elektronischen Suchern bleibt das Sucherbild beim Auslösen erhalten und der Fotograf hält dadurch eher ruhig, dies würde wiederum eine etwas längere Verschlusszeit ermöglichen.

Woran ich nicht so recht glauben mag ist die Anwendung der Faustregel zusammen mit sehr weitwinkligen  Objektiven. Mit diesen Objektiven gehen wir oftmals sehr nahe ans Objekte heran um im Vordergrund des Bildes ein Motivdetail mit genügend Grösse zu erhalten. Für diesen Bildbereich gelten dann ähnliche Bedingungen wie mit Objektiven grösserer Brennweite. 1/20s aus der Hand mit dem 20mm-Objektiv halte ich daher eher für Nonsens.

Zum Schluss bleibt die Feststellung, dass man die Faustregel wohl nutzen kann als Ausgangspunkt um das eigene Ruhighalten der Kamera zu überprüfen und sich anschliessend an die selbst gemachten Erfahrungen hält.

Haltung bewahren

Kurz ein paar Hinweise, wie man vorteilhaft die Kamera hält, um scharfe Bilder zu kriegen:

Bildstabilisatoren

Kreative Kamera-Stabilisierung. Gut ist alles
was hilft.

Inzwischen sind Objektive (respektive Kameras) mit Bildstabilisatoren einigermassen verbreitet. Diese Feature ist sehr begrüssenswert - nicht überall lässt sich ein Stativ problemlos einsetzen. Allerdings: Scheinbar wird im Stabilisator oft ein Ersatz für Lichtstärke gesehen, derart ist der Vorteil schnell dahin und die Bilder werden nicht wirklich schärfer. Als Stativersatz kann er so nicht wirklich dienen.

Die Sache verhält sich genau so wie die Hersteller sie auch beschreiben: die aus der Hand verwendbare Zeit für scharfe Bilder wird um ein paar Stufen länger, that's it. Eventuell werden Bilder auch bei kurzen Belichtungszeiten leicht schärfer, dies muss jedoch nicht zwingend der Fall sein, gelegentlich hört man auch die Empfehlung, bei genügend kurzen Belichtungszeiten den Bildstabilisator abzuschalten, da er nicht nur grobe Unschärfe vermeidet, sondern auch eine geringe Restunschärfe hinzufügen kann. Sicher ist es richtig, bei Aufnahmen ab einem Stativ auf die Hilfe durch den Bildstabilisator zu verzichten.

Auflegen der Kamera

Bild: Michael Albat

Eine weiter Möglichkeit, ohne Stativ zu scharfen Bildern zu kommen, ist das Auflegen der Kamera. Eine Mauer, ein Tisch oder ein Autodach bietet dafür fast immer die Gelegenheit. Allerdings liegt die Auflagefläche zumeist nicht im richtigen Winkel, die Kamera wird für das Motiv ungünstig ausgerichtet und nicht so wie der Fotograf sich dies wünscht.

Ein günstiges und geeignetes Hilfsmittel ist in diesem Falle ein Bohnensack. Diese Säcke lassen sich ähnlich einem kleinen Steinhaufen in Form bringen. Sie drücken die Kamera rein bis sie wunschgemäss liegt. Da der Bohnensack keine sehr stabile Auflage darstellt wird die Kamera anschliessend mittels Kabel- oder Selbstauslöser ausgelöst. Auch ohne den Ballast eines Stativs lässt sich so scharfe Aufnahme realisieren, welche aus der Hand nicht möglich gewesen wäre.