Gott ist im Detail

Gehen sie nahe ans Motiv ...
... noch näher bitte.
... Was sehen sie jetzt?
... Ach so, es ist unscharf, dann sind sie wohl zu nahe dran. Schade eigentlich, denn jetzt würde es gerade erst spannend. Hier beginnt das Gebiet der Makrofotografie.

Makrofotografie?

Ja, das ist die Fotografie von kleinen Dingen.

Ach so! Mit den dicken Rohren an der Kamera, so wie die Paparazzi, heranzoomen bis wir die Sachen gross sehen...

NEIN, das Gegenteil ist der Fall, der Fotograf ist ganz nahe, und es geht auch nicht um nackte Mädels am Strand von Cannes, der Makrofotograf ist von anderem Holz geschnitzt. Er interessiert sich liebevoll für Details, entdeckt Zusammenhänge im Kleinen. Für ihn tut sich eine Welt auf, die wir normalerweise nicht sehen oder gar verächtlich darüber hinwegsehen. Makrofotografie ist das Gegenteil der Weitwinkelfotografie. Sie interessiert sich fürs Detail, während Fotografie mit weitem Bildwinkel sich eher mit Übersicht und grosszügigen Zusammenhängen befasst.

Was genau ist Makrofotografie?

Makros (griechisch μακρος) ist das griechische Präfix mit der Bedeutung für gross. Es geht wohl irgendwie darum, kleine Dinge gross abzubilden. Wer sucht wird oft auch mit folgender Definition fündig: Makrofotografie ist Fotografie mit Abbildungsmassstäben im Bereich 10:1 bis 1:10. Diese Definition entstammt der DIN-Norm 19040 und ist wohl ganz und gar unfotografischer Natur. (Jemand hatte mal angemerkt, Deutsch wäre die ideale Sprache zum Schreiben von Normen. Vielleicht sollte man für fotografische Themen eine andere Sprache verwenden, Japanisch). Wie auch immer, ich möchte Makrofotografie nicht zu streng definieren. In diesem Artikel geht es um die spezifischen Möglichkeiten und Probleme Lösungen verbunden mit grossen Abbildungsmassstäben. Deshalb empfehle ich, als Makrofotografie einfach diesen Bereich der Fotografie zu betrachten, welcher mit den auf diesen Seiten beschriebenen Verfahren ausgeübt wird und den Fotografen mit den beschriebenen Herausforderungen konfrontiert.

Herausforderungen?

Nun ja, es gibt ein paar Herausforderungen auf dem Weg zum vollendeten Makrobild, aber lassen sie sich nicht beirren. Und nun hinein ins Vergnügen. Viel Spass.

Gehen sie näher heran...

wenn sie wieder mal ein Erfolgserlebnis brauchen fotografieren sie Makro.

My close-up was magnificent!

Bela Lugosi

Ein Grund für das hohe Interesse an Makrofotografie liegt sicher auch darin, dass die Makro-Motivwelt schier unerschöpflich ist.

Niemand hat durch Fotografie das Hässliche entdeckt.

Susan Sontag

Das Gebiet der Makrofotografie überstreicht das weite Gebiet vom komponierten Stillleben bis hin zur Makro-Reportageversion in Form von Kleinlebewesen in freier Natur. Nebst der Motivvielfalt hat Makrofotografie auch ein paar sehr praktische Aspekte:

Ausschnitt aus dem Lochgitter eines Mülleimers

Nebst dem Reiz des grossen Abbildungsmassstabes beinhaltet die Makrofotografie viel kreatives Potential. Möglichkeiten zum Austesten neuer Sehweisen tun sich viele auf: Strukturen - Abstraktionen - fotografische Experimente mit geringster Schärfentiefe. Bedingt durch den kleinen Bildausschnitt lässt sich störender Hintergrund meist gut ausschalten und Motive können formatfüllend aufgenommen werden. Damit einher geht auch ein gewisses Mass an Abstraktion. Solche Bilder sind geeignet, um sich in Bildgestaltung, Bildaufteilungen, Anschnitten und Farbzusammenstellungen zu üben. Makrofotografie schult das Auge.

Makrofotografie darf als eher anspruchsvoll gelten, erfordert vom Fotografen Geschicklichkeit und auch etwas Geduld. Welch angenehmer Kontrast zur zeitgemässen No-Problem-Fotografie, wie sie uns von der Werbung unablässig angedroht wird. Aber auch wer nur ein wenig mit Makrofotografie experimentieren will, kann mit Nahlinsen oder Zwischenringen kostengünstig in das Gebiet der Makrofotografie einsteigen und so erste Erfahrungen sammeln. Scheitern kann derart höchstens noch der Fotograf, aus Amateursicht ist dies eine gute Nachricht.