Der Kamera auf den Sucher geschaut

Der Sucher ist das erste Element, welches sie an der Kamera für jedes neue Bild einsetzen. Mit ihm bereiten sie das Bild vor:

Der Sucher ist somit das für die Gestaltung wesentliche Element an der Kamera. Er ist das Werkzeug für ihre Kreativität, alles andere kommt hinten nach und dient bloss noch dem technischen Entstehen des Bildes. Der Sucher ist am Entstehen des Bildes technisch nicht beteiligt, dafür gestalterisch um so wichtiger.

Das Sucherprinzip bestimmt auch die Art, wie eine Kamera gebraucht wird, wofür sie sich eignet und gegebenenfalls eben auch wofür nicht. Um den Sucher herum baut sich die restliche Kamera auf, er entscheidet, welche Features an der Kamera Sinn machen und welche nicht. Persönlich halte ich den Sucher für eines der wesentlichsten Kriterien einer Kamera.

Nebst dem Prinzip des Suchers spielt auch dessen Qualität eine bedeutende Rolle. Stellen sie sich vor, sie haben eine grossartige Szene vor sich, heben die Kamera und schauen durch (oder auf) den Sucher. Wenn sie jetzt das Gefühl haben, im Theater auf den hintersten Sperrsitzen Platz genommen zu haben, dann entwickelt sich die Kamera vom Pferd zum Reiter - so hatten sie sich dies nicht vorgestellt.

Formulieren wir kurz unsere Erwartungen an einen Sucher:

Dies sind technische Wünsche, einen weiteren, untechnischen möchte ich noch hinzufügen:

So stellen wir und dies also vor. Andere hingegen werden Prioritäten geringfügig anders setzen, die Preisdrückerkolonne beim Kamerahersteller zum Beispiel. Ein wirklich guter Sucher ist bei einer Kamera immer auch bezüglich Preis wirksam.

Einäugige Spiegelreflexkamera

Beim einäugigen Spiegelreflexsucher (SLR - Single Lens Reflex) wird das Bild durch das (Aufnahme-) Objektiv via Umlenkspiegel seitenverkehrt auf eine Mattscheibe projiziert. Ein Pentaprisma oder (bei günstigeren Kameras) ein Spiegelkasten dreht das Bild in die richtige Orientierung und lenkt es zum Sucherokular. Dadurch sieht der Fotograf das Sucherbild durch das Okular aufrecht stehend und seitenrichtig auf der Rückseite der Mattscheibe.

Blick direkt auf die Mattscheibe einer Spiegel-
reflexkamera (bei entferntem Sucherprisma).

Anhand des Mattscheibenbildes kann der Fotograf genau auf Schärfe und Ausschnitt des Bildes schliessen. Das massgebende bei diesem Sucher ist, dass der Fotograf durch die Aufnahmeoptik schaut und somit exakt das Bild sieht, welches anschliessend bei Auslösen der Kamera auch auf den Bildsensor respektive Film fallen wird. Daraus ergeben sich eine Reihe von Vorteilen:

All diese Vorteile machen eine Kamera mit SLR-Sucher für viele Fotografen zum Werkzeug ihrer Wahl. Allerdings hat dieser Sucher auch ein paar Nachteile auf seiner Seite:

Bei Suchern mit Mattscheiben hat das Sucherbild prinzipbedingt die gleiche Grösse wie das Bildformat (Sensor- resp. Filmformat). Eine Mittelformatkamera hat also ein grosses Sucherbild und eine Digitalkamera mit APS-C Sensorgrösse leider nur ein vergleichsweise kleines. Die Grösse des Sucherbildes wird oftmals als angegeben im Vergleich zur Grösse, wie sie das Motiv von Auge sehen. Diese Angabe erfolgt bei Kameras mit Kleinbildformat (36mm x 24mm) bei Verwendung eines Normalobjektivs mit 50mm Brennweite.

Die meisten Sucher zeigen einen geringfügig kleineren Ausschnitt als anschliessend im Bild aufgezeichnet wird. Meist beträgt die sichtbare Fläche 90% bis 95%. Dies ist nicht zwingend von Nachteil, da dadurch die Möglichkeit besteht, leicht schräge Horizonte am Computer gerade zu rücken, ohne den beabsichtigten Bildausschnittes unmittelbar zu beschneiden. Sucher, welche den exakten Auschnitt zeigen werden oft als 100%-Sucher bezeichnet.

Messsucherkamera

Der Fotograf schaut bei Kameras mit einem klassischen Sucher durch ein separate Sucheroptik und komponiert derart seinen Motivausschnitt. Eine Fokussierung (Scharfeinstellung) ist jedoch mit dieser Sicht alleine noch nicht möglich.

Eine "etwas ältere" Messsucherkamera, oberhalb
des Objektivs erkennbar sind die Sucheroptiken.

Zur Fokussierung wird bei sogenannten Messsucherkameras (z.B. Kameras der Modell-Reihe Leica M) ein gekoppelter Mischbildentfernungsmesser verwendet. Dabei werden im Sucherbild die Bilder zweier seitliche versetzter Sucheroptiken mittels eines halbdurchlässigen Spiegels überlagert. Über einen drebbaren Spiegel oder ein drehbares Prisma, welches mit der Fokussierung des Aufnahmeobjektivs gekoppelt ist, können die Sucherbilder Bilder in einer Distanz zur Deckung gebracht werden - diese Distanz entspricht dann auch der fokussierten Distanz des Aufnahmeobjektivs.

Für den Fotografen ist dieses Prinzip der Scharfstellung eine reine Übungssache und bewährt sich in der Praxis durchaus.

Messsucherkameras zeigen das Bild im Sucher (meist) in einer fixen Grösse, unabhängig von der Brennweite. Der im Sucher sichtbare Bereich ist meist grösser als der Bereich, welcher anschliessend zum Bild werden wird. Der eigentliche Bildbereich wird daher mittels Markierungen im Sucher eingegrenzt.

Je nach fotografischer Anforderung hat dieses Sucherprinzip Vor- oder Nachteil:

Kritisch wird's im Nahbereich, sie schauen durch den Sucher neben dem Objektiv vorbei aus einer leicht anderen Richtung auf das Motiv. Dieser Fehler wird Parallaxe genannt, er wird umso grösser je näher am Motiv sie sind. Für Nahaufnahmen, insbesondere für Makroaufnahmen, sind Messsucherkameras deshalb nicht geeignet. Die Nahgrenze bei Messsucherkameras liegt oftmals bei etwa 0,7m.

Vorteile entstehend vorallem durch die Abwesenheit des Rückschwingspiegels wie er bei Spiegelreflexkameras notwendig ist:

Elektronischer Sucher

Das Sucherbild beim elektronischen Sucher entsteht durch das Aufnahmeobjektiv mittels Bildsensor und wird anschliessend auf einem Display angezeigt. Dadurch hat der Elektronische Sucher eigentlich auch viele Vorteile auf seiner Seite.

Ich will es gleich vorne weg sagen: Ich mag die elektronischen Sucher trotzdem nicht - oder zumindest nicht in ihrem aktuellen Entwicklungsstand. Welches sind die Punkte, die ich nicht mag?

Eine andere Unsitte sind unnötige Informationen im elektronischen Sucherbild. Dezent ein paar unmittelbar für die Gestaltung wesentliche Informationen ausserhalb des Bildes am unteren Rand mögen sinnvoll sein. Am anderen Ende der Scala finden wir jedoch Kameras, bei welchen innerhalb des Sucherbildes jede Menge Informationsmüll angezeigt wird. Um allgemeine Einstellungen vorzunehmen mögen diese Anzeigen sinnvoll sein, im Moment des eigentlichen Fotografierens stören sie die Bildkomposition und tragen nichts dazu bei.

Wer eine Kamera mit Elektronischem Sucher wählt, tut dies meiner Ansicht nach nur als Kompromiss um an spezifische Vorteile einer Kamera heranzukommen, zum Beispiel betreffend Kompaktheit.

Ist es nicht erstaunlich, wie sich die Fotografie weiterentwickelt hat, ohne sich zu verbessern?

Charles Sheeler

Betrachtet man die Sache unter diesen Aspekten, so kann man gelegentlich erkennen, dass ein Fortschritt keiner ist, stattdessen handelt es sich um einen Neuanfang in einem frühen Stadium und wir dürfen testen, wie weit sich die Sache für unsere Zwecke eignet. Ich finde, wir sollten den Kameraherstellern die notwendige Zeit geben um dieses Sucherprinzip bis zur Tauglichkeit zu entwicklen und uns erst dann damit anzufreunden, ich bin überzeugt, da wird sich noch vieles tun. Warten wir also ab und lassen all die unausgereiften Zwischenschritte von "Fanboys" finanzieren, wie dies für uns bereits bei den Digitalkameras in deren Anfangszeiten so gut funktioniert hat.

Zur Verteidigung des Elektronischen Suchers: Ausser dem sehr teuren Mischbildsucher kommt für kleine und kleinste Bildsensoren kaum ein anderes Sucherprinzip in Frage.

Zweiäugige Spiegelreflexkamera

Für analoge Kameras gibt es noch ein weiteres Sucherprinzip, dasjenige der zweiäugigen Spiegelreflexkamera. Ich will ihn hier aus zwei Gründen erwähnen.

Pabst Rolleiflex der 2,8te

Bei der zweiäugigen Spiegelreflexkamera sieht der Fotograf das Sucherbild durch eine separate Sucheroptik. In nebenstehendem Beispiel ist dies die obere Optik, die untere Optik ist das Aufnahmeobjektiv. Beide Optiken haben gleich Brennweite und werden für die Fokussierung gemeinsam verstellt. Die korrekte Distanzeinstellung lässt sich auch bei diesem Suchertyp unmittelbar auf der Mattscheibe beurteilen.

Meistens haben diese Kameras Objektive der Normalbrennweite - nur ganz wenige Typen (z.B. Mamiya C220 und C330) weisen Wechselobjektive auf. Kameras mit diesem Suchertyp werden heute nicht mehr gebaut - mit Ausnahme einiger fernöstlicher Modelle - sind aber Secondhand immer noch gut erhältlich.

Das Sucherbild sieht der Fotograf von oben seitenverkehrt. Der Fotograf nähert sich dem Motiv also mit gesenktem Kopf, in andächtiger Haltung.

Weil das Sucherbild seitenverkehrt erscheint und der Fotograf nach unten schaut, das Motiv also nur auf der Mattscheibe sieht, ergibt sich eine gute Unterscheidung zwischen realem Motiv und Bild. Zusammen mit dem grossen quadratischen Bildformat sind dies ideale Bedingungen für eine ruhige und überlegte Bildgestaltung.

Das quadratisches Filmformat ist für solche Kameras praxisbedingt nahe liegend, mit einem rechteckigen Bildformat würde der Fotograf wegen der Einsicht von oben beim Drehen der Kamera vom Quer- zum Hochformat keinen sehr glücklichen Eindruck hinterlassen.

Die Sucheroptik lässt sich nicht abblenden - eine Beurteilung der Schärfentiefe auf der Mattscheibe ist also nicht möglich. Ebenfalls ergibt sich im Nahbereich ein kleiner Parallaxenfehler, da die Sucheroptik gegenüber der Aufnahmeoptik leicht verschoben angeordnet ist.

Kameras mit diesem Suchertyp lassen sich gut aus der Hand verwenden. Der Kameragurt liegt über (nicht um) den Hals, die Kamera vor dem Bauch wird leicht nach unten gezogen, so dass der Gurt ganz leicht gespannt ist. Wegen den getrennten Optiken braucht der Spiegel beim Auslösen nicht hochzuklappen und erschüttert somit auch die Kamera nicht. Aus gleichem Grund bleibt beim Auslösen auch das Sucherbild bestehen, es entsteht keine Dunkelphase. Die Kamera liegt derart beim Auslösen sehr ruhig in der Hand.

Persönlich halte ich das quadratische Bildformat aus gestalterischer Sicht für einen Glücksfall. In Verbindung mit dem grossen Sucherbild sind dies die technischen Zutaten für gutes Gelingen der Bildgestaltung.