Do the wrong thing

Ein Gedankenexperiment

Ich bin im Laufe der Zeit zum Schluss gekommen, dass ein Objektiv gar nicht so gut sein muss um gute Bilder zu ermöglichen. Es kann durchaus sogar sinnvoll sein, zu Beginn mit einem günstigen Objektiv eine Weile zu fotografieren. Dies ist die Gelegenheit herauszufinden, welche Kriterien eines Objektivs besser sein müssten, ohne gleich von Beginn weg viel Geld auszugeben.

Stellen sie sich also so ein revolutionäres 28-300mm Objektiv vor, alle Brennweiten in einem einzigen Objektiv. Ein solches Objektiv würde viele Eigenschaften aufweisen, die sie in Ruhe kennen lernen könnten:

Das Bild entstand mit einem Lensbaby.
Damit würde ich nicht anfangen wollen, ein
wenig besser darf es schon sein.

Dies sind an sich alles nicht optimale Eigenschaften, trotzdem wären sie damit imstande zu fotografieren, und dabei würden sie auch lernen, auf welche dieser Eigenschaften es bei ihrer Fotografie ankommt und auf welche nicht. Als Folge davon würden sie anschliessend genau wissen, was sie brauchten. Dies wären ein paar ihrer Feststellungen:

Sie würden aber auch Negativpunkte erkennen und daraus Anforderungen ableiten:

Dieses Experiment wird von vielen Fotografen in der Realität durchgeführt - weil dies nicht immer bewusst geschieht kommt dann auch gelegentlich der Spass am Fotografieren abhanden. Jeder Fotograf macht sich Gedanken betreffend der Objektivauswahl. Idealerweise werden diese Gedanken vor dem Kauf eines Objektivs gemacht, danach darf das Thema weitgehend ruhen. Wichtig scheint mir dabei, dass man eine grobe Vorstellung betreffend der eigenen Anforderungen hat und ungefähr weiss, was von einem Objektiv erwartet werden darf.

Beginnen wir gleich mit der Königsdisziplin:

Zoom oder Festbrennweiten

Der Optik-Konstrukteur versucht bei der Entwicklung eines Objektivs verschiedene Aspekte unter einen Hut zu bringen. Kontrast und Auflösungsvermögen sollen unabhängig von der Distanzeinstellung gut sein und zwar auch bei einigermassen geöffneten Blenden. Weiter soll die Randabdunklung nicht zu gross werden und auch die geometrische Verzeichnung sollte im Rahmen bleiben. Da sich mit gegebenem Aufwand nicht alles perfekt machen lässt ist Optikentwicklung zudem immer auch ein Kompromiss zwischen technisch und finanziell möglichem.

Der Weg hin zu modernen Foto-Objektiven war aufwändig, trickreich und lange, das Erreichte darf sich aber durchaus sehen lassen. Am deutlichsten zeigt sich dies bei Normalobjektiven, bei Objektiven also, deren Brennweite ungefähr der Bilddiagonale entspricht:

Ein grosses Zoomobjektiv mit Offenblende 2,8
und ein kleines Objektiv fester Brennweite mit
Lichtstärke 1,4. Das kleine Objektiv weisst eine
um zwei Blendenwerte grössere Lichtstärke auf.

Das ist eine beachtliche Leistung! Soviel Perfektion wirkt schnell mal langweilig - eine neue Herausforderung musste gefunden werden: Zoomobjektive, Objektive mit variabler Brennweite.

In Anlehnung an die variable Brennweite von Zoomobjektiven werden Objektive mit unveränderlicher Brennweite auch Festbrennweiten genannt.

Zeitgenössisches fotografisches Schaffen bedient sich heute grossenteils den Zoomobjektiven. Natürlich wird auch von diesen vernünftige Abbildungsqualität erwartet, weitgehend geht diese Erwartung auch in Erfüllung.

Wenn wir jedoch ganz allgemein die Eigenschaften von Festbrennweiten mit denjenigen von Zoomobjektiven vergleichen, so ergeben sich trotzdem ein paar Auffälligkeiten:

Bild: Michael Albat
Da sitzen sie also, plötzlich haben sie diesen
Schakal vor der Linse, er hat sie noch nicht
gesehen. Sie haben jetzt genau zwei
Möglichkeiten, das Bild zu ruinieren: Sie
wechseln den Standort um in eine bessere
Position zu kommen oder sie rufen ihm zu, damit
er etwas näher kommt und in die Kamera schaut.
Alternativ können sie auch versuchen, mit einem
Zoomobjektiv das Beste aus der Situation zu
machen.

Wenn Zoomobjektive jetzt als ungünstiger Kompromiss erscheinen, so liegt dies daran, dass bisher nur technische Kriterien zu Wort kamen und sich die Vorteile von Zoomobjektiven eher in der praktischen Anwendung finden lassen, in der Möglichkeit des schnellen Brennweitenwechsels. Nicht jedes Motiv wartet geduldig darauf, bis der Fotograf die richtige Brennweite in der Tasche gefunden und an der Kamera montiert hat. Gerade aus diesem Grund werden für Reportagezwecke gerne Zoomobjektive eingesetzt.

Auch wer in staubiger oder sandiger Umgebung fotografiert mag es schätzen, wenn zum Zwecke des Brennweitenwechsels kein Objektivwechsel notwendig ist. Die Optik, der Verschluss und der Bildsensor respektive der Film bleiben sauberer. Sinngemässes gilt auch für Aufnahmen bei Regen oder Sturm.

Die Möglichkeit, Brennweiten vom Weitwinkel (z.B. 28mm) bis zum leichten Tele (z.B. 105mm) bei noch moderater Lichtstärke (z.B. 3.5-4.5) mit einem Objektiv abdecken zu können, bietet gute Universalzooms als Reiseobjektive für kleines Gepäck an. Solche Optiken sind zudem auch recht preiswert.

Für die Entwicklung von Zoomobjektiven wurden in den letzten 20 Jahren ein hoher Aufwand getrieben und deren Abbildungsqualität hat entsprechend bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Gleichzeitig geschah bei der Entwicklung von Festbrennweiten nur noch in Rand- und Extrembereichen wesentliches. Aktuelle Zoomobjektive von professionellem Zuschnitt können deshalb die Abbildungsqualität von Festbrennweiten erreichen. Aber auch preislich entsprechen sie dann zumeist dem Gegenwert der durch sie ersetzen Festbrennweiten, die Sache hat also ihre Ordnung.

Auf der Gegenseite haben Festbrennweiten weiterhin ihre Berechtigung aufgrund ihrer Führung in Einzeldisziplinen, sei es weil sie lichtstärker sind, weniger Verzeichnung haben oder kompakter sind - aber auch weil eine einzelne Festbrennweite meist deutlich weniger kostet als ein höchstwertiges Zoom.

Am anderen Ende der Skala liegen die billigsten Kit-Objektive. Ihre Aufgabenstellung besteht darin, eine digitale Spiegelreflexkamera zu geringst möglichem Preis mit einem Objektiv zu vervollständigen, so dass sich mit diesem Set fotografieren lässt. Ihre Lichtstärke ist die Bezeichnung nicht wert, der Plastikeinsatz grosszügig, aber die Schärfe geht zumeist in Ordnung.

Weniger in Ordnung ist die Randabdunklung und die geometrische Verzeichnung treibt die Tränen in die Augen. Solche Kit-Objektive sind primär gemacht um schnellstmöglich ersetzt zu werden, man trifft sie deshalb auch in grosser Anzahl auf Ebay an.

Das Fusszoom

Ein meines Erachtens nach wichtiger Punkt hat nicht mit dem Zoomobjektiv selbst zu tun, dafür um so mehr mit dem Fotografen: Zoomobjektive erlauben durch die Wahl der Brennweite unterschiedliche Ausschnitte eines Motivs. Die so entstehende Auswahl an Bildmöglichkeiten vermittelt dem unbedachten Fotografen das Gefühl des Gestaltens. Der beste sich ergebende Ausschnitt wird dann als Bild realisiert und fertig ist das Werk. Nicht selten entsteht dieses Bild mit maximaler oder minimaler Brennweite, sich ergebend aus dem zufälligen Standort des Fotografen. Dem Fotografen mit Objektiven fester Brennweite stellt die Ausschnittwahl grösseren Widerstand entgegen, er muss seinen Ausschnitt erlaufen. Die Perspektive wird bekanntlich durch den Standort festgelegt, die Bildauswahl enthält für diesen Fotografen somit unterschiedliche Perspektiven, während der Herumzoomer nur unterschiedliche Bildwinkel durchprobiert.

Ein Zoomobjektiv entwickelt somit auch einen tieferen Sinn, indem es gute von mässigen Fotografen separiert. Sie sollten darauf achten, dass ihr Objektiv sich nicht gegen sie wendet.

Und weil ich beim Thema bin, einen weiteren Zahn möchte ich gleich auch noch ziehen:

Telekonverter

Telekonverter sind Optiken, welche zwischen Objektiv und Kamera eingesetzt werden. Sie verlängern die Brennweite des Objektivs um einen bestimmten Faktor, zumeist 1.4 oder 2.0 (Exoten auch um 1.6 oder 3.0). Aus einem 200mm Teleobjektiv wird also ein stolzes Paperazzi-Tele mit 400mm Brennweite bei Verwendung eines 2fach Telekonverters.

Und wie üblich in diesen Seiten, nachdem ich ihnen den Speck durch den Mund gezogen habe folgt jetzt die Ernüchterung: Das Ganze geht nicht ganz gratis.

Daraus ergibt sich für den Amateurfotografen folgendes Fazit:

Etwas anders verhält sich die Sache bei der Abbildung kleiner Motive. Ein Telekonverters verdoppelt auch den maximal mögliche Abbildungsmassstab eines Objektivs. Geht ihr Makroobjektiv bis Abbildungsmassstab 1:1, so dehnt ein 2fach-Telekonverter diesen bis 2:1 aus. Bei diesem Massstab muss man allerdings schon sehr aufmerksam vorgehen. Die förderliche Blende bei Abbildungsmassstab 2:1 für das Kleinbild ist Blende 16 (die Unschärfe verursacht durch die Streuung an der Blende wird dabei gleich gross wie die zulässige Unschärfe zur Bestimmung der Schärfentiefe). Am Objektiv sollte also nur noch maximal Blende 8 vorgewählt werden um noch scharfe Bilder zu erzielen.

Bildstabilisator oder lichtstarke Optik

Diese Frage wird gerne im Zusammenhang mit einem Rechnungsbeispiel gestellt. Ein Universalzoom mit Offenblende 4.5-5.6 ist mit einem Bildstabilisator ausgestattet, als Alternative wird zumeist ein 28-70mm/2.8-Objektiv aufgeführt. Beigelegt ist eine Überlegung welche in etwa wie folgt lautet:

Die Blende 5.6 beim lichtschwächeren Objektiv mit 2 Blenden Gewinn infolge der Bildstabilisierung ergibt den gleichen Blendenwert von 2.8 wie beim lichtstarken Objektiv. Heutzutage bringt der Bildstabilisator sogar deutlich mehr als nur 2 Blenden Gewinn, das stabilisierte Objektiv wäre demzufolge klar vorzuziehen.

Da wird scheinbar was verwechselt.

Welche Objektive braucht der Fotograf?

Als klassische Grundausrüstung galt lange Zeit je ein Weitwinkel-, Normal- und Teleobjektiv. Man empfahl Festbrennweiten, was möglicherweise aber auch daran lag, dass es lange Zeit Zoomobjektive nicht gab. Ganz offensichtlich hielt man auch nicht alle Brennweiten für notwendig. Wesentlich erscheint mir in diesem Zusammenhang, dass Brennweite nicht die einzige Eigenschaft von Objektiven ist. Überlegen sie ganz allgemein, welche zusätzlichen Möglichkeiten eine neue Optik ihnen als Fotograf eröffnet. Bedeutende Eigenschaften, welche Möglichkeiten eröffnen, sind Lichtstärke und Nahgrenze, aber auch Abbildungsqualitäten wie Verzeichnungs- und Reflexfreiheit. So gesehen hat die oben stehende klassisch kleine Grundausrüstung doch einiges zu bieten.

Einen auf das konkrete Modell bezogenen Einkaufsführer kann ich ihnen hier nicht bieten - ich will Brauchbarkeit und Qualität von Optiken nicht beurteilen und meine Massstäbe nicht zu den ihren machen. Aber ein paar Hinweise zu allgemeinen Optiktypen dürfen sein:

Mehrere konkrete Ausrüstungs-Vorschläge für das Canonsystem hält Soeren Spieckermann auf seiner Website für sie bereit. Meines Erachtens nach verdient er ihr Vertrauen.

Bild: Jean Louis Allaman
Aufnahme mit Makroobjektiv 180mm/3.5 und
Nahlinse mit 3 Dioptrien.

Mit jedem neuen Objektiv empfiehlt sich eine Kennenlernphase. Ein Wochenende lang nur mit einem einzigen Objektiv fotografieren um festzustellen, was damit alles möglich ist. Schränken sie sich dabei bei der Themenwahl nicht ein. Nehmen sie die Kamera und das eine Objektiv einfach überall hin mit und probieren sie so viel wie möglich aus, aber wechseln sie bloss nicht das Objektiv. Wer mit dem Weitwinkelobjektiv unterwegs ist kann durchaus auch mal versuchen damit auch gegen den Mainstream ein Weitwinkel-Porträt zu machen. Nach dem Wochenende werden sie dessen Eigenheiten und Möglichkeiten besser einschätzen können.

Die oben skizierte Ausrüstung ermöglicht ihnen sehr viel, auf jeden Fall deutlich mehr als nur die üblichen Urlaubsbilder, gleichzeitig enthält sie aber noch keine Extreme. Bestimmte Motivbereich werden sie längerfristig mehr ansprechen als andere. Aufgrund dieser persönlichen fotografischen Spezialisierung kann die Grundausrüstung anschliessend spezifisch mit Objektiven für ihre individuellen Bedürfnisse gezielt ausgebaut werden.

Nicht zuletzt: Für gewisse Objektive haben sie schlicht und einfach auch keinen Bedarf. Sollten sie ein Objektiv nur mal "ausprobieren" wollen, so können sie dieses gegebenenfalls auch ausleihen oder mieten. Allgemein gilt: Objektive werden um so teurer je weniger man sie braucht. In diesem Zusammenhang noch ein Wort von Michael Albat:

Wer grundsätzlich für alles offen sein will ist vermutlich nicht ganz dicht.