Haare in der Suppe

Foto-Objektive sind mit Mängeln behaftet, dies bestreiten wohl nicht einmal die jeweiligen Hersteller. Gelegentlich könnte es interessant sein, über diesen Zustand des Nichtperfektseins genaueres zu wissen, davon zeugen die vielen Tests im Web und in Fotozeitschriften.

Wird ein Mangel erst beschrieben, so wird er anschliessend auch empfunden - dies hat etwas von einer selbst erfüllenden Prophezeiung. Selten stellt ein Amateur fest, dass er zwar ein schlechtes Objektiv hat aber damit bisher immer zufrieden war - eher stellt er fest, dass er bislang einen Fehler übersehen hatte. Seien sie gewarnt: Sobald man damit beginnt, das Haar in der Suppe zu suchen schmeckt die Suppe nicht mehr.

Wenn sich ihnen die Frage nach einem besseren Objektiv stellt, so sollten sie erst eine andere Frage beantworten: Wie gross sollen ihre Bilder werden? Für 10x15cm Abzüge für ihr Album ist keine herausragende Abbildungsleistung gefordert. Das Gegenteil davon gilt wenn sie eine Multivisionsshow planen. Allgemein gilt die Faustregel: Je grösser und je unbekannter der Personenkreis ist, den sie mit ihrem Werk bekannt machen möchten, desto besser muss die Abbildungsleistung sein.

Das Bild entstand mittels einer einzelnen
unvergüteten Linse, kein Sonderglas und nicht
asphärisch. So sieht ein Bild aus, welches so
mit ziemlich allen optischen Fehlern gesegnet ist.
Schön, nicht wahr?

Meiner Meinung nach wird heutzutage zu viel über Schärfe, Brillanz und Kontrast gesprochen, dies ohne dass die Begriffe zuerst genügend definiert wurden. Der Zustand des etwas mehr Wissen wird zudem als Halbwissen bezeichnet und hat zurecht einen schlechten Ruf. Andere Mängel, welche sich fotografisch direkter auswirken, werden vergleichsweise eher vernachlässigt.

Persönlich teile ich Abbildungsmängel von Objektiven in zwei Kategorien ein:

Wenig subtile Mängel

Der Teufel hat diese Fehler in die Welt gesetzt um Fotografen zu ärgern. Wenig subtile Mängel zeichnen sich dadurch aus, dass sie in geeigneten Situationen ein Bild vom technischen Standpunkt her zerstören können, d.h. der Abbildungsfehler ist imstande im Bild ausgeprägt und dominierend in Erscheinung zu treten. Bei diesen Fehlern stellt sich die Frage nach Ross und Reiter, sorgen sie dafür, dass sie oben sitzen. Zu diesen Fehlern zähle ich:

Reflexe und Streulicht

Reflexe und Streulicht entstehen durch unerwünschte Reflexionen an Linsenoberflächen, Linsenrändern und weiteren Teilen des Objektivs. Reflexe können ein Bild empfindlich stören, Streulicht verteilt sich grossflächig über das Bild und macht durch Reduktion der Kontraste ein Bild flau und unscharf.

Nebenstehendes Bild zeigt Schleierbildung (violette Abzeichnung im rechten Bildbereich) durch Lichteinfall von knapp ausserhalb des Motivbereichs.

Wenn sie Bilder mit Gegenlicht gestalten, verwegenerweise die Sonne ins Bild integrieren wollen, dann werden Vergütung und der Grad der Streulichtempfindlichkeit ihres Objektivs ihnen eine individuellen Grenze setzen und massgeblich über Erfolg und Misserfolg mitentscheiden. Was kann der Fotograf machen, wenn er mit Streulicht oder Reflexen konfrontiert wird?

Wichtig ist, Reflexe und Streulicht bereits vor der Aufnahme zu erkennen, nur so kann etwas unternommen werden um sie zu vermeiden - das Sucherbild muss also durch das Aufnahmeobjektiv entstehen wie dies z.B. bei Spiegelreflexkameras der Fall ist. Zudem muss das Sucherbild auch etwas taugen. Während helle Reflexe in dunklen Stellen schnell erkannt werden ist ein Streulichtschleier auf eine schlechten Display an einem hellen Tag schlecht auszumachen.

Dann ist alles zu vermeiden was Reflexe und Streulicht fördert respektive alles zu unternehmen, was sie verhindert:

Als letztes bleibt dann noch, durch eine kleine Standortänderung, ein geringfügig anderer Winkel zur Lichtquelle oder einen geänderten Bildwinkel Reflexe zu beeinflussen oder im Idealfall ganz loszuwerden.

Randabdunklung (Vignettierung)

Künstliche Vignettierung verursacht durch
eine nicht angepasste Sonnenblende.

Mit Randabdunklung (Vignettierung) wird ein Lichtabfall gegen die Bildränder hin bezeichnet. Vignettierung wird sichtbar ab einem Lichtabfall von ungefähr einem Lichtwert, vor allem in gleichmässig ausgeleuchteten Flächen. Kein Problem stellt Vignettierung bei Aufnahmen mit grossen Helligkeitsunterschieden dar. Sind die Kontraste sehr hoch, das Bild ist von Natur aus nicht gleichmässig ausgeleuchtet, so sind weitere Abweichungen der Ausleuchtung durch Vignettierung nur in krassen Fällen erkennbar. Handelt es sich beim Motiv um eine von Bühnenscheinwerfern beleuchteten Theaterszene mit Schauspielern vor schwarzem Hintergrund, so hat die Vignettierung keine Bedeutung mehr.

Aufgrund verschiedener Ursachen wird natürliche und künstliche Vignettierung unterschieden:

Natürliche Vignettierung

Schaut man von schräg auf die runde Objektivblende, so erscheint sie leicht oval und somit kleiner. Lichtstrahlen aus den Randbereichen des Motivausschnitts werden dadurch stärker abgeblendet, es gelangt weniger Licht hindurch und die Bildecken werden entsprechend dunkler. Weil die natürliche Vignettierung vom Bildwinkel abhängt wird sie grösser mit kleiner werdender Brennweite. Da die natürliche Vignettierung kein eigentlicher Fehler der Optik ist, lässt sie sich durch Abblenden auch nicht beseitigen. Einzige Abhilfe stellen ans Objektiv angepasste Centerfilter (Radial-Graufilter) dar, welche das Bildzentrum auf die gleiche Helligkeit abdunkeln wie die Ränder.
Wegen ihrer andersartigen Abbildungseigenschaft sind Fisheye-Objektive von natürlicher Vignettierung nicht betroffen.

Künstliche Vignettierung

Bei lichtstarken Objektiven entspricht der Frontlinsendurchmesser praktisch dem Blendendurchmesser. Für schräg eintreffendes Licht deckt somit der Objektivtubus zusätzlich einen Teil der Blendenöffnung ab. Dies wir künstliche Vignettierung genannt. Von künstlicher Vignettierung sind insbesondere lichtstarke Objektive betroffen. Da durch Abblenden ein kleiner Teil des Strahlengangs der Optik benutzt wird, kann künstliche Vignettierung durch Abblenden verringert werden. Zusätzliche Fälle künstlicher Vignettierung sind nicht angepasste Streulichtblenden oder zu dicke Filter, deren Ränder ins Bild ragen. Man könnte davon ausgehen, dass diese Abdunklung im Sucher sichtbar wird, dies erfordert allerdings die Aufmerksamkeit des Fotografen auf einen Bereich im Bild, denn er sich normalerweise nicht achtet.

Geometrische Verzeichnung

Kissenförmige Verzeichnung

Tonnenförmige Verzeichnung

Wellenförmige Verzeichnung, wie sie für
Zoomobjektive nicht untypisch ist.

Bilder mit randnah exakt ausgerichteten
Linien verlangen nach verzeichnungsfreien
Aufnahmen.

Wenn bei einem Objektiv der Abbildungsmassstab nicht über die gesamte Bildebene konstant ist, so führt dies zu einem geometrischen Abbildungsfehler. Dieser Fehler wird geometrische Verzeichnung genannt. Je nach Art der Verzeichnung spricht man von tonnen- oder kissenförmiger Verzeichnung, diese Bezeichnungen ergeben sich aus der jeweiligen Form, welche ein geradliniges Rechteck bei diesen Fehlern im Bild annimmt.

Einige Objektive wechseln innerhalb des Bildes mit zunehmender Distanz vom Zentrum von vorerst tonnenförmiger zu kissenförmiger Verzeichnung. Die Idee ist, das die Ränder möglichst kleine Verzeichnung aufweisen sollen, das Resultat ist dann eine im äusseren Bildbereich bewundernswerte wellenförmige Verzeichnung, welche sich auch mittels nachträglicher Bildbearbeitung nicht immer problemlos entfernen lässt.

Geometrische Verzeichnung ist ein Mangel, welcher sich je nach Motivbereich sehr unterschiedlich auswirkt. Bildern von Motiven mit natürlichen Formen ist moderate geometrische Verzeichnung weitgehend nicht anzusehen, dies beinhaltet die meisten Natur- und Landschaftsaufnahmen. Dies gilt nicht zwingend für Porträtaufnahmen, der Sehsinn ist bemerkenswert gut im Erkennung von Abweichungen im menschlichen Gesicht, er kann leicht erkennen wenn jemand zu- oder abgenommen hat. Bilder mit geraden Linien parallel zum Bildrand offenbaren diesen Fehler dafür umso offensichtlicher. Dazu gehören alle streng geometrischen Bild-Kompositionen, Architekturbilder und Reproduktionen, aber auch Landschaftsaufnahmen sobald der flache Horizont nahe am unteren oder oberen Bildrand zu liegen kommt.

Mit geometrischer Verzeichnung sind vor allem Zoomobjektive und Weitwinkelobjektive behaftet. Üblicherweise haben Zoomobjektive am kurzen Brennweitenende tonnenförmige Verzeichnung und bei den langen Brennweiten kissenförmige. In einem eingeschränkten mittleren Bereich sind sie erwartungsgemäss nahezu frei von Verzeichnungen. Für die fotografische Praxis können Teleobjektive fester Brennweite weitgehend als frei von Verzeichnung betrachtet werden. Ganz allgemein weisen Festbrennweiten kleinere Verzeichnung auf als Zoomobjektive.

Die Verzeichnung ist der einzige Aspekt einer Optik, welchen ich nach deren Erstehen systematisch prüfe. Allerdings kann mit einem Blick durch den Sucher die Verzeichnung nur ungenügend beurteilt werden, da die Sucheroptik ebenfalls dazu beitragen kann. Die Verzeichnung sollte deshalb anhand eines Bildes oder am Bildschirm beurteilt werden.

Subtile Mängel

Dies sind all die Fehler, welche sich in Randunschärfe und ähnlichem bemerkbar machen. Es gibt auch grosse Unterschiede unter den Optiken, who cares. Normalerweise bemerken sie davon nicht viel. Mit einem guten Objektiv (ganz bestimmt mit einer Festbrennweite) lassen sich gute Bilder machen. Wer weiss, wie sich optische Fehler äussern, wird diese allerdings auch bei guten Objektiven finden. Lernen sie ihre Optik diesbezüglich kennen und setzen sie sie entsprechend ein. Ein guter Teil dieser Fehler kann durch (vernünftiges) Abblenden beseitigt werden. Holen sie raus was drin steckt, dann steht dem fotografischen Glück im Normalfall nicht viel im Weg. Wie sie dies machen können erklärt ihnen mein Artikel scharfe Fotos. Kommt auch danach nie ein rechter Schärfeindruck auf, wirkt alles flau und unbrillant, dann tauschen sie das Objektiv gegen was Besseres ein, so was passiert den meisten Fotografen mit etwas mehr als einer Optik irgendwann mal.
Überhaupt eine Ahnung zu haben, was ein scharfes Bild ist kann diesbezüglich eine gute Erfahrung sein. Eine 50mm-Festbrennweite kann ihnen diese Erfahrung verschaffen.

Während praktisch alle Objektivtests dem scharfen Bildbereich ihre volle Aufmerksamkeit widmen gibt es auch einen interessanten Ansatz für die Unschärfe: Beim Bokeh geht es um eine ästhetische Betrachtung des unscharfen Bereichs einer Abbildung.

Anforderungen an "Digitalobjektive"

Optische Abbildungsfehler, Verzeichnung und Vignettierung (Randabdunklung) nehmen bei einer Optik typischerweise gegen die Bildränder - und insbesondere gegen die Ecken hin - stark zu. Digitale Spiegelreflexkamera weisen jedoch oftmals gegenüber dem Kleinbild kleinere Bildsensoren auf, die schlechten Bildränder eine Kleinbildoptik sind somit für digitale Fotografie bedeutungslos. Andererseits sind höhere Anforderungen an die Abbildungsqualität für den mittleren Bildteil gefragt, da das kleinere Sensorformat für ein gegebenes Endformat anschliessend stärker vergrössert werden muss.
Man liest oft, wie schlecht Objektive aus Filmzeiten an Digitalkameras abschneiden würden. Insbesondere "Coloraberrations" (Farbsäume) werden gerne als Fehler herumgereicht, Bildsensoren sollen angeblich dafür sehr empfindlich sein. Von dieser Aussage halte ich persönlich wenig, es gibt keinen plausiblen Grund dafür. Es handelt sich dabei eher um einen Fehler, welcher bei Vergrösserung (z.B. am Bildschirm) sehr einfach sichtbar wird - der Anwender reagiert auf diesen Fehler sensibel, nicht der Sensor. Digitalkameras animieren nun mal zum Testen und Pixelzählen. Ich geh davon aus, das früher die Dias weniger penibel untersucht wurden als dies heute mit den Bilddateien geschieht, grundsätzlich wäre man mit Dias wohl zu ähnlichen Ergebnissen gekommen. Gerade durch das viele Testen und Testberichte lesen geht viel Freude verloren.