Verschlusssache

Zur Steuerung der Belichtungszeit verwenden die Kameras (zumindest diejenigen, von welchen wir hier sprechen) vor dem Bildsensor einen mechanischen Verschluss, welcher sich für die Zeit der Belichtung öffnet um das Licht zum Bildsensor gelangen zu lassen und anschliessend wieder lichtdicht schliesst. Bei einer Belichtungszeit von 1/30 Sekunde wird der Verschluss den Bildsensor also für ebendiese Zeit dem Licht aussetzen. Eines ist jetzt schon offensichtlich: Da sich mechanische Verschlüsse nicht beliebig schnell öffnen und schliessen lassen, muss dieses Prinzip bei kurzen Belichtungszeiten irgendwann an eine Grenze kommen.

Natura non facit saltus (Die Natur macht keine Sprünge)

Carl von Linné

Um diesen Verschlüssen für sehr kurze Belichtungszeiten auf die Sprünge zu helfen wurde ein Verschlussprinzip mit zwei sogenannten Vorhängen erdacht, dieses wird von den allermeisten Spiegelreflexkameras verwendet.

Die nachfolgende Grafik erläutert den Ablauf des Verschlusses mit zwei Vorhängen:

Ablauf des Verschlusses mit zwei Vorhängen in 5 Akten

Man kann sich das Prinzip vorstellen wie eine Theaterbühne mit zwei hintereinander liegenden Vorhängen, mit dem Unterschied, dass die Vorhänge bei der Kamera meist nicht von links nach rechts öffnen respektive schliessen, sondern von oben nach unten:

Soweit ist die Sache ganz einfach - den speziellen Trick bei der Geschichte bemerken wir erst bei kurzen Belichtungszeiten. Wiederum der Belichtungsvorgang in 5 Akten:

Ablauf des Verschlusses mit zwei Vorhängen bei kurzen Belichtungszeiten.

Blitzauslösung bei einer Belichtungszeit von
1/1000s. Der zweite Vorhang ist bereits am
Schliessen wenn der erste Vorhang vollständig
geöffnet hat. Das Resultat ist eine nur partielle
Ausleuchtung des Bildformats mit Blitzlicht.

Soweit zum Verschluss, doch was hat das Ganze mit Blitzlicht-Fotografie zu tun? Einiges:

Blitzsynchronisation

Die Blitzsynchronzeit ist die kürzeste Belichtungszeit einer Kamera, bei welcher der Verschluss zum Belichten kurzzeitig vollständig geöffnet ist. In diesen Moment vollständiger Öffnung wird der Blitz gezündet und kann mit seinem Licht den Bildsensor oder Film ganzflächig beleuchten. Die Blitzsynchronzeit wird oftmals auch X-Synchronzeit genannt.

Wird ein Blitzgerät bei einer kürzeren Verschlusszeit gezündet, so wird nunmehr ein Bildstreifen mittels Blitzlicht belichtet, dies weil der Verschluss bei kurzen Zeiten zu keinem Zeitpunkt der Belichtung vollständig geöffnet ist. Entgegen der Meinung vieler kann aber mit Verschlusszeiten länger als der X-Synchronisationszeit problemlos fotografiert werden.

Die X-Synchronisationszeit ist eines der wesentlichsten Feature einer Kamera für Fotografen, welche mit Blitzlicht kreativ gestalten wollen - je kürzer diese Zeit ist, desto besser. Die meisten Kameras haben eine X-Synchronzeit zwischen 1/60s bei Einsteigermodellen und 1/250s bei Kameras der Topklasse.

Anmerkung: Dieses "X" in X-Synchronisation hat historischen Ursprung. Die ursprünglichen Blitzbirnen, welche Magnesiumfäden verbrannten, mussten geringfügig vor dem Öffnen des Verschlusses gezündet werden und brannten dann während der ganzen Belichtung. Als dann die ersten Elektronenblitzgeräte auftauchten mussten diese zu einem anderen Belichtungszeitpunkt gezündet werden - um die beiden Synchronisationsarten zu unterscheiden wurden die Begriffe X-Synchronisation für Elektronenblitzgeräte und M-Synchronisation für Magnesiumblitzbirnen eingeführt.

Im weiteren Verlauf dieser Webseite werde ich anstelle des Begriffs X-Synchronisation die verständlicheren Begriffe Blitz-Synchronisation respektive Blitz-Synchronisationszeit verwenden.

Kurzzeitsynchronisation

Moderne Kameras verfügen über das Feature der Kurzzeitsynchronisation. Dahinter steckt die Idee, die Zeit der X-Synchronisation unterschreiten zu können. Anstelle eines einzelnen Blitzes wird dabei die Blitzleistung aufgeteilt in eine hohe Anzahl kleiner Blitze, welche über die ganze Dauer des Verschlussablaufes gleichmässig abgegeben werden. Somit wird das ganze Bild mittels Blitzlicht belichtet, auch wenn der Verschluss nie vollständig geöffnet ist. Blitzen mit kürzeren Zeiten als der X-Synchronisationszeit wird dadurch möglich.

Synchronisationszeit Leitzahl
X-Synchronisation LZ 34
Kurzzeit 1/500s LZ 15,6
Kurzzeit 1/4000s LZ 5,5

Leitzahlen beim Blitzgerät SB900.
ISO100, Reflektorstellung 35mm

Die Blitzenergie muss dafür allerdings auf die vielen schnell abfolgenden Einzelblitze aufgeteilt werden, diese werden dadurch schwächer und die Leitzahl des Blitzgerätes nimmt bei der Kurzzeitsynchronisation stark ab. Die nebenstehende Tabelle verdeutlicht anhand der Daten des ansonsten nicht schwächlichen Blitzgerätes Nikon SB900 (ISO100, Reflektor auf Stellung für 35mm Brennweite), welche Leitzahlen bei Kurzzeitsynchronisation noch zur Verfügung stehen. Nicht gerade berauschend. Wie schon geschrieben ist dieser Abfall an Leistung weitgehend prinzipbedingt durch die Art der Synchronisation bei kurzen Belichtungszeiten.

Wann benutzen wir die Kurzzeitsynchronisation?

Die Kurzzeitsynchronisation wird immer dann benötigt, wenn die fotografische Situation den Einsatz des Blitzgerätes zusammen mit kürzeren Verschlusszeiten als die X-Synchronisationszeit notwendig macht.

Der Einsatz der Kurzzeitsynchronisation erfolgt somit meistens in fotografischen Situationen mit im nennenswertem Umfang vorhandenem Umgebungslicht. Wird dazu die verfügbare Blitzleistung nicht vollständig benötigt so spielt der Verlust an Blitzleistung bei der Kurzzeitsynchronisation auch keine Rolle. Soll hingegen bei hellem Tageslicht, bei einigermassen geöffneter Blende und entsprechend kurzer Belichtungszeit deutlich unter der X-Synchronzeit ein Porträt im Gegenlicht mit Blitzlicht aufgehellt werden, so steht ihr Blitzgerät in direkter Konkurrenz zur Sonne. Derart zeigt sich dann auch sehr schnell, weshalb eben doch nichts über schnelle Verschlüsse mit kurzen X-Synchronzeiten geht.

Zentralverschlüsse

Der Vollständigkeit halber: Für Mittelformatkameras existieren Objektive mit Zentralverschluss, welche zum Teil bis zu 1/1000s synchronisiert werden können. Für (zeitgemässe) Kleinbildkameras ist mir jedoch kein solches Objektiv bekannt. Daher spielen diese für unsere Betrachtungen auch keine tragende Rolle.

Einstellung: Rote Augen vermeiden

Meine Güte, das ist nicht ihr Ernst! Wozu und wann verwendet man diese Blitzeinstellung?

Kurze Antwort: Für nichts und nie!

Längere Antwort: Nie, weil es gleich mehrere Gründe gibt, diese Einstellung nicht zu nutzen: