Der Lichtabfall in die Tiefe

Ein Blitzgerät beleuchtet für kurze Zeit unseren Motivbereich. Es tut dies allerdings nicht gleichmässig auf alle Distanzen:

Mit zunehmender Distanz von Blitzgerät und Motiv nimmt die ausgeleuchtete Fläche zu, gleich wie ein Beamer auch ein grösseres Bild projiziert wenn wir die Distanz zur Projektionswand grösser machen.

Ein Blitzgerät leuchtet also abhängig von der Distanz unterschiedlich grosse Flächen aus, die verfügbare Lichtmenge des Blitzgerätes bleibt jedoch immer die gleiche. Es verhält sich dabei gleich wie mit Brot und Butter. Die Brotscheibe entspricht der vom Blitzgerät ausgeleuchteten Fläche, die Buttermenge der verfügbaren Lichtmenge. Bestreiche ich mit der gleichen Buttermenge eine grösseres Scheibe Brot, so wird die Butterschicht entsprechend dünner, muss das Blitzgerät eine grössere Fläche ausleuchten, so ergibt dies weniger Licht pro Fläche.

Entlang einer Wand lässt sich der Lichtabfall in
der Tiefe gut erkennen.

Lichtabfall in die Tiefe

Der Klassiker der Blitzfotografie: Der Vordergrund
ist ausgeleuchtet, der Hintergrund schwarz.

Daraus resultiert:

Man nennt dies den Lichtabfall in die Tiefe.

Als Fazit gewinnen wir mit diesem Wissen also folgende Erkenntnisse:

Die Leitzahl

Bisher hatte ich den Begriff Lichtmenge verwendet, dies ist kein sehr technischer Ausdruck - richtig ist der Begriff Blitzenergie. Bei Studioblitzgeräten wird diese Energie in Wattsekunden (Ws) angegeben. Kleine Studioblitzgeräte liegen im Bereich von 250Ws, etwas grössere bei 1000Ws. Natürlich geht die Skala nach oben noch weiter, genauso wie auch die Preise nach oben offen sind.

Für Systemblitzgeräte zu Spiegelreflex- und Kompaktkameras wird anstelle der Blitzenergie meistens die Leitzahl angegeben. Diese Angabe ist sehr praktisch, da sie uns recht unmittelbar Auskunft über die mögliche Blitzdistanz und einsetzbare Blendenzahlen gibt:

Blitzreichweite = Leitzahl / Blende

Zu beachten ist, dass die Leitzahl sowohl in Metern als auch in Fuss (1 Fuss = 30,48cm, dies entspricht ungefähr Schuhgrösse 48) angegeben werden kann, so watch your step.

Allerdings ist die Leitzahl auch abhängig von der kameraseitig eingestellten Lichtempfindlichkeit (ISO-Einstellung), respektive von der Filmempfindlichkeit. Die Leitzahl wird also immer zusammen mit einem ISO-Wert angegeben. Ein Beispiel soll uns die Sache verdeutlichen.

Beispiel: Ein Blitzgerät hat eine Leitzahl von 56 bei ISO200: Dieses Blitzgerät vermag bei Blende 5,6 ein Motiv in einer Distanz von 10m auszuleuchten (10 x 5,6 = 56). Für eine Distanz von 5m hat das Blitzgerät genügend Energie um uns das Fotografieren bis Blende 11 zu ermöglichen (5 x 11 ≈ 56). Diese Werte gelten allerdings nur, wenn die Kamera auf ISO200 eingestellt ist.

Ich nehme an, sie sehen wie das mit den Leitzahlen geht?

Leuchtwinkel und Reflektor

Der Blitz soll das Bildfeld möglichst gleichmässig ausleuchten. Dabei ist es offensichtlich, das bei gegebener Distanz das Bildfeld beim Einsatz eines Teleobjektives kleiner ist als wenn ein Weitwinkelobjektiv eingesetzt wird. Kann der Blitz das Bildfeld des Weitwinkelobjektivs ausleuchten, so wird beim Teleobjektiv eine zu grosse Fläche ausgeleuchtet, ein Teil der Blitzenergie bleibt für das Bild wirkungslos. Würde das Blitzlicht in einem engeren Winkel abgestrahlt, so würde dies genügen, als Gegenleistung könnte eine weitere Reichweite erzielt werden. Aus diesem Grund haben moderne Blitzgeräte einen verstellbaren Reflektor, welcher sich der Brennweite des verwendeten Objektivs anpassen lässt (automatisch oder manuell). Dadurch kann die Blitzleistung optimal genutzt werden, respektive es lassen sich für engere Bildwinkel (längere Brennweiten) deutlich höhere Blitzreichweiten erzielen.

Leitzahl bei -> 28mm 35mm 50mm 70mm 85mm 105mm
Blitzgerät
Nikon SB910 30 34 40 44 46 49
Metz 60CT-4 - 60 - - - -
Canon 430EX 27 31 34 37 - 43

Leitzahlangaben für ISO100 bei unterschiedlichen
Reflektorstellungen.

Ein Blitzgerät, welches mit seinem Reflektor das Licht eng bündelt, vermag bei gleicher Blitzenergie also auf weitere Distanzen zu beleuchten als ein Blitzgerät mit sehr breit streuendem Reflektor. Für Blitzgeräte spielt bei der Leitzahl somit auch die Reflektoreinstellung eine Rolle. Daher finden sich in den Anleitungen von Blitzgeräten meist Tabellen mit den Leitzahlen für die unterschiedlichen Reflektorstellungen. Diese Reflektorstellungen werden normalerweise in Form einer Brennweite angegeben. Dies ist so zu verstehen, dass die entsprechende Reflektoreinstellung verwendet werden kann um den Motivbereich einigermassen gleichmässig auszuleuchten, welcher sich bei Verwendung eines Objektivs mit ebendieser Brennweite beim Kleinbildformat (umgangssprachlich: Vollformat) ergibt.

Auf gut deutsch: Sie verwenden eine Vollformatkamera mit einem 28mm-Objektiv, die Reflektorstellung des auf der Kamera montierten Blitzgerätes steht auf 35mm: Das Blitzgerät wird den Motivbereich nicht gleichmässig ausleuchten - Der Ausleuchtwinkel des Blitzgerätes ist zu eng. Der Reflektor muss vorgängig auf die entsprechende Einstellung für 28mm oder weiter gestellt werden.

Werden die Leitzahlen und damit die Leistungsfähigkeit von Blitzgeräten verglichen, so ist wichtig, dass dies mit den Leitzahlen für identische ISO-Werte und Ausleuchtwinkel geschieht. Üblicherweise wird dafür die Einstellung entsprechend 35mm Brennweite und ISO100 verwendet.

Einfluss der ISO-Empfindlichkeit auf die Blitzreichweite

nach
von
ISO
100
ISO
200
ISO
400
ISO
800
ISO
1600
ISO100 1,0 1,4 2,0 2,8 4,0
ISO200 0,7 1,0 1,4 2,0 2,8
ISO400 0,5 0,7 1,0 1,4 2,0

Umrechnungsfaktoren für Leitwerte
bei unterschiedlichen ISO-Werten.

Bei abweichender Lichtempfindlichkeit ändert sich auch die Blitzreichweite und damit die Leitzahl. Dies kann berücksichtigt werden, indem die Leitzahl mit einem Korrekturfaktor multipliziert wird. Diese Korrekturfaktoren können sie der nebenstehenden Tabelle entnehmen, deren Anwendung geht (hoffentlich) aus dem Beispiel hervor.

Ein Beispiel: Der Blitz hat Leitzahl 24 bei ISO100, sie verwenden Blende 5,6. Aus diesen Werten ergibt sich eine Reichweite von 24/5,6 = 4,3 Meter bei ISO 100.

Bei einer erhöhten Lichtempfindlichkeit von ISO400 kommt ein Korrekturfaktor von 2,0 (von ISO100 nach ISO400) hinzu, mit welchem sie ihr vorangehendes Resultat multiplizieren: sie erhalten somit eine Blitzreichweite von 4,3m*2 = 8,6m.

Steuerung der Blitzleistung

Leitzahl hin und Reichweite her, wir fotografieren nicht nur auf diese eine Distanz und verspüren daher das Bedürfnis, die Blitzleistung wohldosiert abzugeben. Blitzgeräte müssen also ihre Leistung im Zaume halten können, technisch geschieht dies, indem der Blitz, nachdem die gewünschte Blitzstärke abgegeben ist, vorzeitig gestoppt wird. Variert wird also die Leuchtdauer und nicht die Helligkeit des Blitzes.

Es braucht allerdings noch eine Methode, mit welcher der Blitz die notwendige Blitzleistung erfährt. Im wesentliche gibt es dafür drei Wege:

Was diese Verfahren unterscheidet ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern auch für den Fotografen von Bedeutung weil dies zu unterschiedlichem Verhalten des Blitzgerätes führt.

Manuelle Leistungseinstellung

Viele Blitzgeräte erlauben die manuelle Einstellung der Blitzleistung, zumeist in den Stufen 1/1 für maximale Blitzleistung, 1/2 für halbe Leistung, bis hin zu 1/64 für die kleinste Lichtleistung. Die eingestellte Leistung wird dann konsequent wie eingestellt abgegeben, unabhängig von anderen Einstellungen. Wenn sie bei manueller Leistungsvorgabe die Blende, die ISO-Empfindlichkeit oder die Blitzdistanz verändern, hat dies somit unmittelbare Auswirkungen auf den durch den Blitz bewirkten Anteil der Belichtung ihres Bild.

Die manuelle Einstellung der Blitzleistung ist immer dann sinnvoll, wenn mehrere Blitzgeräte kombiniert eingesetzt werden, oder sie eine Beleuchtungssituation über mehrere Schritte des Ausprobierens optimieren wollen.

TTL-Blitzmessung

Die aus Sicht des Fotografen einfachste Blitzsteuerung ist die TTL-Blitzmessung. Dabei wird das Blitzlicht von der Lichtmessung der Kamera erfasst und der Blitz bei genügend Lichtabgabe gestoppt. Da die Messung des Blitzlichtes bei dieser Messart durch das Aufnahmeobjektiv (TTL = Trough the Lens) geschieht, werden allfällige Verlängerungsfaktoren für die Belichtung, wie sie infolge von Filtern oder bei Makroaufnahmen entstehen können, automatisch ausgeglichen.

Wenn sie bei TTL-Messung die ISO-Einstellung oder die Blende verändern wird die Blitzleistung der veränderten Einstellung entsprechend angepasst, zumindest in den Grenzen wie die Leistung des Blitzgerätes dies zulässt. Wollen sie bei TTL-Blitzmessung den im Bild sichtbaren Blitzanteil ändern, so geschieht dies durch Korrekturen der Blitzbelichtung, zumeist erfolgt diese Einstellung am Blitzgerät.

Um die Blitzleistung zu bestimmen wenden moderne Kameras sogenannte Messblitze oder Vorblitze an. Diese werden vor der eigentlichen Bildbelichtung abgegeben und vom Blitzmesssystem ausgewertet. Die Belichtung des Bildes erfolgt damm anschliessend genau dosiert mit dem Hauptblitz. Bei langer Belichtungszeit und Blitzsynchronisation auf das Ende der Belichtung (Rear-Sync) können diese Vorblitze separat wahrgenommen werden, bei Porträtaufnahmen kann dies nachteilig sein, da die porträtierte Person eventuell mit den Augen zwinkern wird.

Automatik-Modus

Einige Elektronenblitzgeräte haben an ihrer Vorderseite eine Messzelle für das vom Motiv zurückgeworfene Blitzlicht. Der Blitz kann somit die Beleuchtung messen und abschalten wenn genügend Licht ausgestrahlt wurde. Diese Methode der Blitzsteuerung wird oft als Auto-Modus bezeichnet, früher war dafür auch noch die Bezeichnung Computerblitz üblich. Das Blitzgerät muss zur Bestimmung der notwendigen Lichtleistung die Werte für die ISO-Empfindlichkeit und die eingestellte Blende kennen. Bei älteren Blitzgeräten mussten diese Werte jeweils am Blitzgerät eingestellt werden, bei den heutigen Systemblitzgeräten werden sie zumeist automatisch von der Kamera ans Blitzgerät übertragen. Auch wenn heutige Blitzgeräte über diesen Modus noch verfügen hat dieses Verfahren gegenüber der TTL-Messung keine Vorteile.

Blitzlichtmesser

Mit manueller Einstellung der Blitzleistung kann sehr gut gearbeitet werden. Will man diese Methode der Einstellung des öftern anwenden ist ein Blitzbelichtungsmesser nicht unpraktisch. Nebst der genauen Messung des Blitzlichtes berücksichtigen Blitzbelichtungsmesser auch vorhandenes Umgebungslicht. Bei Blitzbelichtungsmessern wird die Synchronisationszeit der Kamera und die eingestellte ISO-Empfindlichkeit beim Blitzmessgerät eingeben. Danach wird beim Motiv in Richtung der Kamera wie bei der Lichtmessung gemessen und ein Probeblitz ausgelöst. Als Messwert wird vom Blitzmessgerät dann der einzustellende Blendenwert ausgegeben. Mehr Angaben zu diesem Thema können (sollten) sie der Anleitung dieser Geräte entnehmen.