Farbgestaltung

Die schlechtesten Farbfotos sind die bunten.

Alexander Spoerl

Für den Einsatz von Farbe ergeben sich drei mögliche Gestaltungsarten:

Wie soll der geneigte Fotograf vorgehen um sein Bild bezüglich Farbe richtig zu gestalten? Goethe erarbeitete eine Farbtheorie und legt diese dem Künstler ans Herz:

Man fand bisher bei den Malern eine Furcht, ja eine entschiedene Abneigung gegen alle theoretischen Betrachtungen über die Farbe und was zu ihr gehört, welches ihnen jedoch nicht übel zu deuten war. Denn das bisher so genannte Theoretische war grundlos, schwankend.

Johann Wolfgang von Goethe, Farbenlehre, Paragraph 90

Die Künstler, für welche diese Theorie gedacht war, verfuhren anders. Die Theorie war nicht die Basis ihres Schaffens, aber das Alibi der Interpretation. Bedeutend praktischer geht Andreas Feininger an die Sache heran:

Farbe ist natürlich sehr wichtig und oft die Haupteigenschaft eines Motives oder Bildes. Soweit das fotogene Überlegungen betrifft, hat die Erfahrung gezeigt, dass gewöhnliche, alltägliche Farben, mögen sie in einem Farbbild auch noch so lebensecht wiedergegeben werden, weniger interessant wirken als ungewöhnliche Farben. Besonders wirkungsvoll sind Farben, die aussergewöhnlich kräftig und gesättigt sind; sehr zarte, weiche Farben und Pastelltöne; Objekte, die im wesentlichen farblos sind, d.h. nur durch zarte Nuancen delikater Farbe charakterisiert sind; Szenen, die im Dunst oder Nebel aufgenommen worden sind, im Regen oder während eines Schneefalls; Motive, die hauptsächlich schwarz, grau und weiss sind, aber dabei ein oder zwei kräftige Farben von begrenztem Umfang aufweisen; unerwartete und "unnatürliche" Farben. Allerdings darf bei diesem Problem der "ungewöhnlichen" Farbe der Fotograf nicht vergessen, dass die Farbe eine Beziehung zum Objekt und zum Zweck und Sinn des Bildes haben muss, sonst wird die Farbe zum "Trick" und das Bild zur Posse.

Andreas Feininger in "Grosse Fotolehre", Seite 253

Bei Inszenierungen bietet es sich an, die farbliche Gestaltung des Bildes auch gleich zu inszenieren. Der Fotograf kann die Farben und deren Gewichtungen respektive ihre Verteilung gezielt steuern (und wird dies wohl auch tun) und ist somit imstande, einen Sollzustand praktisch umzusetzen - Theorie kann zu Praxis werden. Sicher ist Ihnen schon mal aufgefallen, das die Bücherregale in Ikea-Katalogen zwar gestopft sind wie im richtigen Leben, aber alle Bücher und Zeitschriften durchgehend weiss sind.

Bei nicht oder nur teilweise inszenierter Fotografie hingegen muss aus der vorgefundenen Situation etwas gemacht werden. Dieser Fall trifft wohl auf die meisten Amateure und auf alle Landschafts- Street- Reportage- oder was auch immer -Fotografen zu. Hier ist Feininger zuhause. Die Farbgestaltung ergibt sich durch die Ausschnittwahl und vor allem auch durch den Aufnahmezeitpunkt.

Nicht nur Objekte, Formen, Linien werden durch Ausschnitt und Standort im Bild zu einer Einheit komponiert, sondern auch Farben, und ihre Mengenanteile. Der Aufnahmezeitpunkt entscheidet über die Lichtqualität und beeinflusst somit massgeblich die Grundfarbe der Aufnahme.

Was sich hier insbesondere für den Amateur anbietet ist das umgekehrte Verfahren der Motivfindung. Suchen sie die Farbe und gestalten sie mit dem Vorgefundenen ihr Bild. Farbe wird dadurch zu Ihrem eigentlichen Motiv.

Generell werden die Möglichkeiten der Farbbeeinflussung in der freien Fotografie unterschätzt. Bei Aufnahmen mit dem Teleobjektiv auf kurze Distanz kann der Hintergrund durch leichten Richtungswechsel ersetzt werden, bei Makroaufnahmen genügt ein farbiger Hintergrundkarton. Die Farbbeeinflussung beschränkt sich aber nicht nur auf Aspekte des Ausschnitts:

Wie exzessiv in der Fotografie mit Farben gestaltet werden kann haben die Herren William Eggleston und Martin Parr vorgemacht. Doch seien sie vorsichtig wenn sie so ans Werk gehen, diese beiden Fotografen legen eine hohe Messlatte.

Die Regeln kreativer Farbgestaltung

Kreativität bedeutet, etwas neues zu schaffen, bedingt den Mut, altes und Konventionen hinter sich zu lassen. Daraus ergibt sich die Erkenntnis "Kunst darf alles". Damit stürzen sie ab! Wenn sie sich im luftleeren Raum bewegen, nur für sich selbst fotografieren, dann stimmt dieser Satz. Im Weltall kann Ihnen nichts passieren.

Befinden sie sich aber zufälligerweise auf der Erde, wollen sie Ihre Bilder verwegenerweise sogar einem Publikum (jedermann ausser Ihnen selbst) zugänglich machen, dann müssen sie dafür sorgen, das Ihre kreative Farbgebung nicht nur eine sinnlose Merkwürdigkeit ist.

An Farbgebungen sind drei Ansprüche gestellt. Diese heissen:

Verständnisgerecht

Objekte werden aufgrund typischer Form und charakteristischer Farbe erkannt. Eine Erdbeere dürfen sie blau machen, man wird sie trotzdem an Hand der Form als Erdbeere erkennen. Eine orangefarbene Pflaume wird zur Aprikose, die Form ist nicht typisch genug. Grundsätzlich darf davon ausgegangen werden, dass alle Objekte, welche in einer Schwarz-Weiss-Aufnahme klar identifiziert werden können bei kreativer Farbgebung weiterhin verstanden werden.

Die Form des Esels im Bild rechts ist angeschnitten, trotzdem ist sie immer noch charakteristisch genug um das Tier zu erkennen. Weder Figur noch Umfeld haben die jeweils typische Farbe.

Viele Farbkombinationen sind produkttypisch. Rot und Blau beim Wasserhahnen bedeutet heiss und kalt. Gelb und Grün werden hier nicht verstanden und wenn sie Rot und Blau gar vertauschen schaffen sie sich keine neuen Freunde.

Materialgerecht

Viele Materialien haben einen klaren Bereich von möglichen Eigenfarben, dies gilt ganz besonders für Naturmaterialien. Oftmals sind diese Farben selbst Symbol für Natürlichkeit oder Naturbelassenheit. Holz und Pelz sind solche Materialien. Blauer Pelz oder blaues Holz wirken synthetisch, blaue Butter ist Ekel erregend. Kein Problem ist die Farbe bei Materialien, welche selbst keine vordefinierte Eigenfarbe haben, zum Beispiel bei Kunststoffen.

Verbrauchsgerecht

Um eine ungewöhnliche Farbe zu akzeptieren müssen drei Kriterien erfüllt sein:

Billig, kurzlebig und unpersönlich sind also die idealen Voraussetzungen für kreative Farbgebung. Zusammen mit der Materialwahl (zum Beispiel schlecht verarbeiteter Kunststoff) könnte dies die Definition für Kitsch sein. Seien sie sich dessen bewusst wenn sie kreativ werden.

Lineare und koloristische Farbgestaltung

Lineare Farbgestaltung

Koloristische Farbgestaltung

Koloristische Farbgestaltung durch
überlagertet Struktur.

Schwarz-Weiss in Farbe

Kodachrome 25, Farbe als Mediumseigenschaft

Motive und Farbkompositionen, bei denen Farben klar eine Fläche ausfüllen und sich als Farbe oder Fläche eindeutig gegenüber anderen Farbflächen abgrenzen zeigen eine lineare Farbgebung. Klare Trennung der Farben im Farbton, der Reinheit und des Hell-Dunkel sowie relativ grosse Flächen verbunden mit einer "sachlichen Aufnahme" unterstreichen diese Farbgestaltung.

Wenn die klare Trennung der Farben durch lineare Konturen verschwindet, so entsteht eine koloristische Farbgestaltung. Koloristische Farbgebung baut oftmals auf dem Qualitätskontrast und auf verwandten Farben auf.

Die Erzielung koloristischer Farbgestaltung ist einfach und keinesfalls an eine koloristische Realität gebunden:

Nebenstehendes Bild zeigte einen Tisch mit zwei Bänken, zweifelsfrei keine sehr sachliche Aufnahme. Die Aufnahme entstand bei Gegenlicht durch ein blaues Tuch, welches eigentlich verhüllen sollte, was sich dahinter verbarg.

Die Art der Farbgebung hat Einfluss auf das Empfinden des Betrachters. Lineare Farbgebung unterstütz die Sachrealität, das Bild vermittelt den Eindruck von Objektivität. Gegenüber der linearen Farbgebung zeichnet sich die koloristische Farbgebung als Wirkrealität aus. Wirkrealität steht für subjektive, individuelle Interpretation einer realen Situation.

Schwarz-Weiss in Farbe

Einen ganz eigenen Reiz entwickeln Kompositionen mit grossflächigen Schwarz und Weissanteilen als Farbaufnahmen. Wie in der Schwarzweissfotografie wird das Auge nicht durch konkurrierende Farben abgelenkt, andere Gestaltungselemente können entsprechend besser zur Geltung kommen.

Die Differenz zur Schwarzweissaufnahme besteht jedoch darin, das sich im Weiss die Lichtfarbe einschleicht und damit meist die Stimmung des Bild von heiter bis trübe beeinfluss.

Auf eine subtile Weise ist dies das Gegenteil des Farbe-an-sich-Kontrastes.

Farbe als Mediumseigenschaft

Daneben ist Farbe aber auch eine simple Mediumseigenschaft, Fotografie kann farbig sein kann. Etwas weniger offensichtlich ist die Feststellung, dass das Medium auch gleich festlegt wie die Farben erscheinen. Jede Generation hatte ihre eigenen Filmemulsionen, welche den Bildern ihren Farbcharakter aufprägten. So verweist diese Farbigkeit dann auch auf die jeweilige Entstehungszeit der Aufnahme.

Als Beispiel mögen die Kodachrom-Diafilme herhalten, welche unsere Erinnerungen an die 60er und 70er Jahre prägten. Ihr charakteristisches Aussehen verdanken sie ihren leicht warmen weil rotstichigen Schatten sowie der tendenziell eher hellen Abbildung von Grüntönen.

Heutzutage ist aus all diesen ehemaligen Filmeigenschaften die Anleihe entwachsen, diese Farbigkeiten vergangener Zeiten für einem Retrotrend einzusetzen. Die beschädigten und teilweise leicht schrägen Farben von Polaroid- und längst abgelaufenen Diafilmen vermitteln heutzutage offenbar eine Authentizität wie sie technisch richtige Farbe nicht bietet.

Farbharmonien

Il me semble, que la recherche de l'harmonie est la plus belle passion humaine.

(Le Corbusieur)

Im Zentrum der Farbenlehre von Goethe stand die Farbe Grau, aus dieser Farbe entwickelten sich nach seiner Lehre die anderen (bunten) Farben durch Abschwächung der "grauen Eigenschaft". Um harmonisch zu wirken müssen sich gemäss seiner Ansicht Farbkombinationen wiederum zu grau ergänzen, nach aussen hin sind sie dadurch im Gleichgewicht.

Harmonischer Farbzweiklang

Genau diese Eigenschaft haftet dem Komplementärkontrast an. In seiner Konsequenz ging Goethe weiter und forderte nicht nur den Komplementärkontrast, welcher sich zu Grau ergänzen soll, sondern auch eine gedeckte Gesamtwirkung, die komplementären Farben durften sich nicht gleichwertig gegenüberstehen. Eine Farbe sollte als reine Farbe wirken, die andere sollte mit Grau getrübt werden und flächenmässig überwiegen. Die reine Farbe herrscht durch Qualität, die gebrochene Farbe durch Quantität. Diese Ästhetik hat sich bis heute in der deutschen Kleidermode gehalten.

In vielen weiteren Theorien zu Farbharmonien (Johann Itten, Harald Küppers, Roman Liedl) wird auf diesem Muster der Ergänzung aufgebaut. Ich denk, es ist von Vorteil, wenn man die Grundprämisse all dieser Harmonielehren kennt.

Harmonische Drei- und Vierklänge

Gleichseitige n-Ecke bilden
harmonische Farbklänge

In der Literatur wird gerne der Harmonische Farbklang erwähnt. Er zeichnet sich dadurch aus, dass die einzelnen Farben im Farbkreis gleichmässig verteilt sind. Ein harmonischer Dreiklang formt im Farbkreis somit ein gleichseitiges Dreieck, ein harmonischer Vierklang entsprechend ein Quadrat und der einfache harmonische Zweiklang entspricht dem Komplementärkontrast. Gerne wird betont, diese Farben passten zusammenpassen wie Akkorde in der Musik. Weshalb passen diese Farben zusammen?

Tja, ich weiss es auch nicht :-(

Mir scheint, dass hier eher der Wunsch Vater des Gedankens war, respektive man empfände es als elegant, wenn sich eine ausgewogene Farbharmonie einfach konstruieren lassen würde.

Dieser Harmonische Dreiklang ist ein Farbe an sich Kontrast. Er mag richtig sein für ein schreiendes Bild oder wenn es darum geht, Zeilen oder Spalten einer Tabelle gegeneinander abzugrenzen, wenn also eine klare Unterscheidbarkeit gewünscht ist.

Durch geschickte Wahl der Mengenverhältnisse kann der harmonischen Mehrklang abgestimmt werden. Normalerweise geschieht dies durch starke Betonung zweier Farben, die weiteren Farben fristen ein Schattendasein. So gesehen reduziert sich der Farbklang dann im wesentlichen zu einem nicht komplementären Zweiklang, zumeist zu einem der anderen Kontraste hell-dunkel, kalt-warm oder komplementär.

Der Musikalische Farbdreiklang

In den Büchern von Harald Mante findet sich der Begriff des musikalischen Farbdreiklangs. Es sind dies die Farben, welche sich in den Eckpunkten eines im Farbkreis eingeschriebenes gleichschenkligen Dreieckes mit kurzer Basis befinden. Fast scheint es, als hätte sich gegenüber dem harmonischen Dreiklang nicht viel geändert, trotzdem ist die Farbwirkung nicht die gleiche.

Im wesentlichen handelt es sich dabei um einen Komplementärkontrast, dessen einer Pol aufgegliedert wurde auf die beiden neben liegenden Farben. Statt einer Aufgliederung kann es sich dabei auch um einen Farbverlauf handeln. Die Farben an den Eckpunkten der kurzen Dreieckseite bilden dann eine Komposition in verwandten Farben und die dritte Farbe stellt als farblicher Ausgleich ein Kontrapunkt dar.

In seinem Werk "Die Pracht der Farben" baut Roman Liedl auf diesem Schema auf, indem er bei gegebenen Farben die Ergänzung zu einer Harmonie (Symmetrie im Farbkreis) sucht.

Nebenstehendes Diagramm soll das Verfahren illustrieren. Gegeben seien die zwei Farben an den Endpunkten der schwarzen Linien. Durch Zufügen der dritten Farbe am Endpunkt der roten Linie kann der Farbklang ausgeglichen werden.

Interessant wird dieses Verfahren dadurch, dass vorgefundene Farben oder gar Symboliken - z.B. Gelb/Grün für Neid - zu einer Harmonie ausgebaut werden können, in unserem Beispiel durch Rot-Violett.

Doch nicht alles kann zu einer harmonischen Farbwirkung ausgebaut werden. Was von Anfang an bereits zu bunt ist wird auch durch die Farbharmonie nicht besser.