Messen...

...bedeutet Zufall durch Irrtum ersetzen.

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde, bereits kurz danach Tag und Nacht und somit das Licht. Sie sehen, der Allmächtige hat ein Herz für Fotografen. Kurz danach bevölkerten die ersten Lichtmesser die Erde, dadurch gab's keine Falschbelichtungen und das Ganze wurde berechtigterweise Paradies genannt.

Dann kam's zum Sündenfall. Die Objektmessung wurde vom Menschen erdacht und seitdem droht ungläubigen Fotografen die Hölle mit all ihren Falschbelichtungen. Nur durch ständiges Busse tun in Form von Belichtungskorrekturen sind wir noch imstande, unser fotografisches Dasein in Würde zu verbringen.

Ich könnte jetzt hier Schluss machen und basierend auf obigem eine Sekte gründen. Da sich mit obigem kurzen Text aber kein Buch in hohen Stückzahlen verkaufen lässt, ziehe ich es vor, das Ganze doch noch kurz unnütz auszuschmücken.

Wortklauberei

Bild: Jean Louis Allaman

Um uns im folgenden Text besser zu verstehen erscheint es mir sinnvoll, kurz dem Weg des Lichtes zu folgen und dabei auch gleich ein wenig Wortklauberei zu betreiben. Ich halte mich dabei an die leicht modifizierte Nomenklatur von Adrian Bircher, wie er sie in seinem Buch Belichtungsmessung verwendet.

Zuerst steht die Beleuchtung, im einfachsten Fall die Sonne bei bedecktem Himmel. Die Helligkeit direkt beim zu fotografierenden Objekt ist die Beleuchtungsstärke.

Dann ist da das Objekt, im strengen Sinn unser aufzunehmender Gegenstand. Es kann hell (weiss) oder dunkel (schwarz) sein und ist dies unabhängig von der Beleuchtungsstärke. Ein weisses Objekt bleibt auch weiss wenn es nicht beleuchtet wird. Dafür gibt es den Begriff der Objekthelligkeit, es ist dies die Fähigkeit der Gegenstandsoberfläche, Licht zu reflektieren.

Wird das Objekt aufgrund der Beleuchtung sichtbar, so wird es zum Motiv. Was wir tatsächlich wahrnehmen ist das vom Objekt reflektierte Licht. Die Motivhelligkeit, das Mass für das vom Objekt Richtung Kamera reflektierte Licht, setzt sich somit zusammen aus der Beleuchtungsstärke einerseits, andererseits hängt sie von der Objekthelligkeit ab.

Jetzt kommen noch Kontraste dazu: Ein Beleuchtungskontrast tritt dann auf wenn die Beleuchtung nicht absolut gleichmässig ist, sei dies aufgrund mehrerer Lichtquellen oder bedingt durch Schatten (zum Teil vom Objekt selbst, aber auch bei Streiflicht, wenn dadurch Oberflächenstrukturen besonders wahrnehmbar werden). Und weil ein Objekt selten gleichmässig hell ist gibt es noch den Objektkontrast. Zusammen bilden diese beiden Kontraste den uns schon bekannten Motivkontrast.

Für unsere Messung, welche vor kurzem doch noch so einfach erschien, haben wir jetzt scheinbar einen ganzen Zoo möglicher Grössen zu bestimmen und zu bedenken. Kann dies gut kommen? Mit der folgenden Methode muss Wissen nicht hinderlich sein:

Das Paradies - Die Lichtmessung

Das Objekt wird beleuchtet und diese Beleuchtung wollen wir messen.

Bild: Aus dem Buch "Belichtungsmessung"
von Adrian Bircher

Sekonic L-408, gut sichtbar ist die Kalotte
zur halbkugelförmigen Lichtmessung.

Da das Licht aus verschiedenen Richtungen kommen kann überlegen wir nicht viel und messen das Licht beim Motiv aus möglichst vielen Richtungen gleichzeitig - unser Lichtmesser soll das Licht halbkugelförmig in Richtung der Kamera messen.

Somit kriegen wir einen Messwert für die Helligkeit beim Objekt aus Kamerasicht - mit dem Motiv selbst hat dies gar nichts zu tun. Da das Licht, welches wir messen auf das Objekt fällt, sprechen wir von einfallendem Licht.

Wird Licht gemessen, so erfolgt die Angabe in Lichtwerten (LW) oder als Exposure Value (EV), jeweils zusammen mit einer bestimmten Filmempfindlichkeit, zum Beispiel LW10 bei ISO 400. Der Lichtwert selbst, ohne Angabe der Filmempfindlichkeit, entspricht keiner Beleuchtungsstärke, sondern nur einer Zeit-Blenden-Kombination für die Belichtung. Selbstverständlich können moderne Belichtungsmesser alternativ zum Lichtwert auch direkt passende Zeit-Blenden-Paare ausgeben. Diese Daten übertragen wir auf die Kamera indem wir die Belichtung nach diesen Daten einstellen um damit vertrauensvoll unser Bild aufzunehmen. Weshalb soll dies gut sein, wir haben das Motiv gar nicht berücksichtigt? Eben, deshalb ist es gut. Wir können ja mal anhand abweichender Motive sehen was passiert:

Meine Meinung zur Lichtmessung

Sept 2001, Cape May, New Jersey

Ich mag die Lichtmessung. Sie mag Nachteile haben, diese werden sich durch den weiteren Text auch noch erklären. In der Unmittelbarkeit der Lichtmessung liegt jedoch ihr grosser Vorteil: Was hell ist wird hell abgebildet, dunkle Objekte bleiben dunkel. Da gibt es nichts zu deuten und nichts zu korrigieren.

Licht wechselt oftmals nur langsam, eine Messung kann dann für viele Aufnahmen dienen, auch unterschiedliche, nur das Licht muss das gleiche bleiben. In solchen Situationen ist Lichtmessung schnell, weil der Fotograf schon kurz zuvor gemessen hat und sich jetzt nur noch den Bildern widmet.

Wenn ich mit dem notwendigen zeitlichen Abstand Situationen Revue passieren lasse, bei welchen Lichtmessung nicht zu befriedigenden Bildern geführt hat, so erkenne ich, diese Bilder wären auch mit anderen Belichtungen nichts geworden. Wenn das Licht für ein Bild ungünstig ist, dann liegt das Problem nicht bei der Messung, der Fotograf war einfach zur falschen Zeit am richtigen Ort. Es sind dies all die Bilder, bei welchen Fotografen bei angebrachter Kritik das Bedürfnis zur Rechtfertigung spüren. Wenn jedoch alles zusammenpasst, Licht und Film, dann hat Lichtmessung immer verhalten. Lichtmessung ist meines Erachtens immer dann angebracht, wenn für ein Bild vorgängig etwas Zeit zur Verfügung steht, für spontane Schnappschüsse mag Lichtmessung nicht die richtige Methode sein und ist deshalb auch nicht die einzige Messmethode.

Der Sündenfall - Die Objektmessung

Der Glaube an das Zählen und Messen verführt in allen Künsten zu den gröbsten Fehlern

Paul Renner

Und nachdem wir mittels Lichtmessung in geradezu kongenialer Art und Weise zu tiefer Weisheit gelangt sind, treibt die Neugierde mit uns einen üblen Scherz. Unvorsichtig und ziellos beginnen wir mit unserem Belichtungsmesser am Motiv herum zu messen. Bei der Objektmessung richtet man den Belichtungsmesser vom Standort der Kamera aus so auf das Motiv, dass die Messzelle nur das Licht vom Motiv erfasst. Da das Licht vom Motiv reflektiert wird, sprechen wir von ausfallendem Licht. Dies ist auch das Verfahren, welches konstruktionsbedingt alle heutigen Spiegelreflexkameras mit TTL-Messung anwenden.

Bild: Aus dem Buch "Belichtungsmessung"
von Adrian Bircher

Wir kriegen derart wiederum einen Messwert, diesmal für die Leuchtdichte des Motivs. Wesentlich an dieser Messung ist, dass das Resultat von zwei Faktoren abhängt, einerseits von der Belichtungsstärke, zum anderen aber auch von der Objekthelligkeit.

Jedes Motivdetail trägt bei dieser Messung entsprechend seiner Grösse und Helligkeit zum Resultat bei. Daraus ergibt sich, dass das Messfeld möglichst genau mit dem zu fotografierenden Motivausschnitt übereinstimmen muss. Durch optische Massnahmen wird deshalb bei Handbelichtungsmessern für Objektmessung der Messwinkel auf typischerweise 30-40° beschränkt, dies entspricht ungefähr dem horizontalen Bildwinkel eine Normalobjektives.

Mit dem ermittelten Messergebnis können wir jedoch noch nicht zugehörige Belichtungszeiten und Blenden ableiten, so wie uns dies bei der Lichtmessung problemlos gelang. Aus dem Messwert geht nämlich nicht hervor, ob das Ergebnis von dunklem Objekt mit heller Beleuchtung oder hellem Objekt mit dunkler Beleuchtung herrührt. Erst muss also noch eine Aussage betreffend der Helligkeit des Objekts gemacht werden.

Die Sache mit 18%-Grau

Wie könnte es auch anders sein, Durchschnitt und Mittelmass sind grau, unsere Annahme fällt entsprechend als das berühmte 18%-Grau aus. Man nimmt gemeinhin an, dass ein durchschnittliches Motiv 82% des Beleuchtungslichts schluckt und die restlichen 18% reflektiert. Beim Versuch, den Ursprung der 18% herauszufinden bin ich auf zwei Thesen gestossen:

Ausgehend von der mittels Objektmessung gemessenen Leuchtdichte wird der Belichtungsmesser die Belichtung also derart bestimmen, dass ein Bild mit durchschnittlicher Helligkeit von 18% entsteht. Von nun an kriegen wir also Bilder von immergleicher durchschnittlicher Helligkeit, unabhängig davon ob Schneehase oder schwarze Katze Modell standen. Wir sind alleine gelassen in der weiten kalten Durchschnitts-Grau-Wüste, in welche alle Fotografen verbannt sind, welche der Lichtmessung untreu wurden.

Ersatzmessung - Die Graukarte

Wenn wir ein Objekt bekannter Helligkeit messen, können wir uns sagen, so gelangen wir über einen Umweg zur Weisheit der Beleuchtungshelligkeit. Mit bekannter Objekthelligkeit fällt die Unsicherheit der Beleuchtungshelligkeit automatisch auch weg. Ein derartiges Objekt bekannter Helligkeit ist eine Graukarte. Aufgrund ihrer definierten Eigenschaft, 18% des Lichts zu reflektieren, ergibt eine darauf angewandte Objektmessung zuverlässig den gleichen Wert, welcher sich auch durch Lichtmessung ergeben würde. Dadurch wird die Objektmessung auf dem Graukarten-Umweg zur Lichtmessung. Anstelle des Motivs wird diese Karte aufgestellt und die Belichtung darauf abgestimmt. Sind die Lichtverhältnisse beim Motiv und beim Fotografen zuverlässig die gleichen, so kann die Messung auf die Graukarte selbstverständlich auch am Standort des Fotografen durchgeführt werden. Diese Karte kann jederzeit behilflich sein, in schwierigen Lichtsituationen eine Zweitmeinung zur Belichtung einzuholen. Sie hat auch den Vorteil, dass sie gegenüber einem externen Lichtmesser keine Batterien braucht - zumindest für aktuelle Modelle gilt dies noch.

Beachten sie besonders folgende beiden Punkte:

Denkbar ist auch, im Motiv eine Stelle zu suchen, von der man ausgeht, das sie etwa 18%-Grau entspricht und diese selektiv anzumessen. Es besteht allerdings die Gefahr, dass man sich bezüglich 18%-Grau verschätzt. Auch hier kann eine kleine mitgeführte Graukarte als Referenz dienen.

Vor und Nachteile von Licht- und Objektivmessung

Objektmessung eignet sich vor allem für

Ungeeignet ist die Methode für

Auch Lichtmessung hat ein paar dunkle Seiten:

Generell sind Messungen mit Handbelichtungsmessern nur so gut wie sich die Einstellungen auch korrekt auf die Kamera übertragen lassen. Bei Makroaufnahmen kommen Verlängerungsfaktoren dazu, die wirksame Blende stimmt dann nicht mehr mit dem auf dem Objektiv angezeigten Wert überein. Auch Aufnahmen mit Filtern bedingen die Kenntnis des Filterfaktors.

Nicht zuletzt stellt sich auch die Frage, stimmen die Blendenangaben beim günstig erworbenen Zoomobjektiv? Oftmals nicht, Abweichungen bis gegen 1 Blendenwert vor allem bei Offenblende sind leider oftmals Realität. Diese Grössen müssen bekannt sein respektive sich im vernachlässigbaren Bereich bewegen, um mit einem externen Handbelichtungsmesser auf einfache Weise zu guten Resultaten zu kommen.

Die Frage die sie sich jetzt vielleicht stellen: Brauch ich einen Handbelichtungsmesser? Die Antwort lautet: Nein, eigentlich nicht, es sei denn:

Ein Handbelichtungsmesser macht überall dort Sinn, wo mit Film gearbeitet wird, ein Fotograf damit umzugehen weiss und Bilder nicht beliebig mittels Belichtungsreihen entstehen sollen (können). Für Digitalfotografie sind Handbelichtungsmesser weniger gefragt, da jederzeit problemlos eine Testaufnahme gemacht und vor Ort unmittelbar auf korrekte Belichtung überprüft werden kann. Auch für digitale Fotografie gilt: Je sorgfältiger die Aufnahme entstand, desto besser wird das Bild.

Ein Wort der Rechtfertigung: In diesem Artikel wird regelmässig von Reflektion gesprochen. Dieser Begriff wird falsch verwendet, an seiner Stelle müsste Remission stehen. Meiner Meinung nach würde dieses "alltagssprachfremde Wort" jedoch mehr verwirren als erklären, ich nehme deshalb diesen Fehler in Kauf, für Fotografen spielt dies keine Rolle, sie wissen was gemeint ist.