1. Die Aura des Kunstwerks

Autor: Michael Albat

Schultz trug, wie sein Vorbild Richard Wagner, ein dunkelbraunes Seidenbarett.

Reden wir also über Kunst.
Um es vorweg zu sagen: Mit dem deutschen Begriff der Kunst kann ich nichts anfangen. Da schwingt mir immer zu viel Genie und Wahnsinn mit, die Blaue Blume der Romantik, die Verachtung von Licht und Luft zugunsten von Gefühl und Vorstellung.
Der englische Begriff Art kommt wesentlich unprätentiöser daher: Menschenwerk, in dem Ausbildung und Erfahrung ebenso wie Wissen benötigt wird.

Art:
1. the work of man, human skill (contrasted with the work of nature); the creation or expression of what is beautiful
2. in which skill and practice are needed as well as knowledge...

(The Advanced Learners Dictionary of Current English)

So betrachtet, machen die verschiedenen Schönen und Un-Schönen Künste Sinn, so z.B. "... die Kunst, ein Motorrad zu warten", die Koch- und die Programmier-Kunst, die Kunst des Segelns und die des Krieges, und am Ende gar die des Liebens (Wie das Mädchen vom Bischof sagte: Theoretisch unheimlich beschlagen, aber wenn es an die Praxis geht...).

Aus der englischen Definition ergibt sich folgerichtig, dass es gar keine Kunst gibt, sondern nur Kunstwerke. Photographie "ist" keine Kunst, aber es gibt einzelne Photographien, die Kunstwerke sind.

Irgendwo habe ich von der "Aura eines Kunstwerks" gelesen. Das scheint mir eine aussergewöhnlich geglückte Begriffsbildung zu sein, insbesondere, weil offen bleibt, ob nun jedes Kunstwerk eine Aura "ab Werk" besitzt, oder ob es umgekehrt die Aura ist, die das Kunstwerk ausmacht, es vom Werk zur Kunst erst befördert.

Im Folgenden habe ich einige Punkte zusammengetragen, die für mich einerseits zur Aura eines Kunstwerks gehören, und die wir andererseits in der Fotografie anstreben können, ohne selbst Künstler sein zu wollen. (Wohlgemerkt - und letztmalig: Ihre Meinung müssen sie sich schon selber bilden! Und: Ich erhebe - Gott behüte - nicht den Anspruch, damit die Aura des Kunstwerks vollständig beschrieben zu haben!)

Ein Kunstwerk ist ein Unikat

In der Fotografie kann also nur der Abzug ("Print") ein Kunstwerk sein, nicht das Negativ. Ich habe mir sagen lassen, dass bei reproduzierten Kunstwerken - wie also Drucken aller Art - rein juristisch zwei Bedingungen erfüllt sein müssen: sie dürfen nur in einer limitierten Auflage hergestellt sein, und sie müssen eine handschriftliche Signatur tragen. Spätestens das Anbringen der Signatur macht das Werk zum Unikat.

Die meisten unter uns werden wohl der Ansicht zu neigen, dass man ein Ölgemälde, einen El Greco, Rubens oder welchen alten Meister sie sonst schätzen, weder auf einem der im letzten Jahrhunderts so beliebten Kunstdrucke noch heute auf einem Computerbildschirm "in voller Schönheit" würdigen kann. Betrachten wir beispielsweise das wohl berühmteste Kunstwerk: Die Mona Lisa. Von der gibt es ja nun wirklich jede Menge Reproduktionen, Copyright by Bill Gates. Und trotzdem drängen sich die Touristen noch heute, um dieses schwachsinnig grinsende Weib im Original zu bestaunen. Etwas muss also dran sein an der Aura des Kunstwerks - aller Reproduktionstechnik zum Trotz.

Ein Kunstwerk entsteht

Es geht um den Geist, der dem Schöpfungsprozess zu Grunde liegt, um das, was wir Heutigen als Authenzität bezeichnen, Feiningers ehrliche Überzeugung.

Jedes Werk, das ein Mensch in konstruktivem Geist und aus ehrlicher Überzeugung geschaffen hat und das mein Gefühl anspricht, ist Kunst, ob es sich dabei um ein Gemälde handelt, ein Gedicht, ein Düsenflugzeug oder ein Foto.

Andreas Feininger, The Creative Photographer, 1963 S.79

Van Gogh hat bestimmt nicht gesagt "Heute ist Donnerstag, da kann ich ja mal einen Strauss Sonnenblumen malen. Da werden dann jede Menge Kunstdrucke und Plakate von gemacht, und das gibt jede Menge Kohle!"

Ein Kunstwerk wird nicht gemacht oder gar konstruiert: Eine Plastik wie etwa ein Gartenzwerg ist ein Produkt des Kunstgewerbes.

Helmut Newton hat bestritten, ein Künstler zu sein. Ich will für meine Argumentation einmal annehmen, dass er dies deshalb tat, weil er seine Bilder zunächst im Kopf erschuf - und er dieses Bild dann in der Realität nachstellte, und dies dann einfach abfotografierte. Ob man das nun ebenso sieht oder nicht...

Ein Kunstwerk hat keinen konkreten Nutzen

Das Haus hat allen zu gefallen. Zum Unterschiede vom Kunstwerk, das niemandem zu gefallen hat. Das Kunstwerk wird in die Welt gesetzt, ohne dass ein Bedürfnis dafür vorhanden wäre. Das Haus deckt ein Bedürfnis. Das Kunstwerk ist niemandem verantwortlich. Das Haus einem jeden...

Adolf Loos

Um auf Herrn Loos zurückzukommen: Ein Kunstwerk entsteht ungefragt, und die Butter wird deshalb nicht billiger. Insofern muss ich Feininger widersprechen: Ein Düsenjäger ist kein Kunstwerk. Auch, wenn er aus ehrlicher Überzeugung geschaffen wurde!

Ein Kunstwerk will veröffentlicht sein

Ein Werk ist kein Kunstwerk "an sich", sondern es wird ein Kunstwerk erst im Auge eines menschlichen Betrachters: Dem Hund ist es egal, woran er seine Duftmarke setzt. Und erst im Laufe der Zeit stellt sich heraus, das ein Kunstwerk im Urteil der Menschen wirklich eines ist.

Ein Kunstwerk muss ein Geheimnis haben

Fragwürdig muss es sein, Zum Nachdenken anregen, Platz für die eigene Vorstellungskraft lassen, Subtilität und Suspense aufweisen. Aus der Gegenposition betrachtet: Es ist Ihnen doch sicher schon ein Aktbild untergekommen, in dem alles offen ist, nur keine Fragen? Solche Bilder sind platt, uninteressant, langweilig - eben alles andere als ein Kunstwerk. Wenn ich das Bild eines neuen Autos sehe, dann denke ich "Aha, ein Auto. Keine weiteren Fragen.". Das denkt der Fotograf offensichtlich auch, und plaziert einige junge Damen ins Bild, so dass ich wenigstens eine Frage habe: Was tun sie denn da? (Und dann vielleicht: Warum haben sie so wenig an? Und: Wird ihnen denn gar nicht kalt? Und auf einmal erheben sich Fragen über Fragen...)

Ein Kunstwerk definiert sich materiell

Die Beherrschung des Materials, mit dem und auf dem ein Kunstwerk erscheint, ist eine notwendige Vorbedingung, damit ein Kunstwerk entstehen kann. Da bewegen wir uns allerdings auf ganz dünnem Eis, denn die Beherrschung des Materials manifestiert sich keineswegs immer durch exzellente "technische Daten"; in der Fotografie also etwa zu Kontrast und Brillanz, zur Grauwert-Verteilung oder zur Körnigkeit. Genie und Scharlatanerie liegen dort oft dicht nebeneinander. Häufig rettet uns nur die Kenntnis eines Fotografen und seines Œuvres vor Fehlurteilen. Ich sage nur... Holga. (Anmerkung der Redaktion: Aha...)

Holga - weiter sage ich nichts. Wenn man nicht wüsste, dass der Fotograf daneben auch über eine höchstwertige Ausstattung von Optiken verfügt, sowie über das Wissen und die Erfahrung, sie sachgemäss einzusetzen, würde man derart flaue, flache und zudem mit einer grauenvollen Vignettierung versehene Bilder schon als technisch grottenschlecht umstandslos in die Tonne hauen. So aber müssen wir uns seufzend eingestehen, dass der Künstler einen Weg eingeschlagen hat, auf dem wir ihm geistig nicht folgen können: Da es Scharlatanerie nicht ist, muss es denn Genie wohl sein...

Und warum fotografieren sie?

Meiner nicht ganz unbeträchtlichen Erfahrung nach gibt es zwei Arten von Fotografen: Solche, die an den technischen Aspekten des Fotografierens interessiert sind, und andere, für die das Bild das Wichtigste ist. Die einen, zu denen leider die meisten Amateure gehören, sind vernarrt in Präzisionskameras, funkelnde Objektive, Feinkornentwickler usw. Sie haben die beste Ausrüstung, das letzte Kameramodell, die lichtstärksten Objektive und alles nur erdenkbare Zubehör. Sie sind wandelnde Lexika fototechnischen Wissens [...]und geben ihre eigene Kamera regelmässig in Zahlung für das jeweils neueste Modell (wobei sie den finanziellen Verlust mit Würde tragen). Aber sie haben oft keine Ahnung, was sie überhaupt fotografieren sollen, und machen selten Aufnahmen, die der Mühe wert sind.Die anderen fotografieren um der Bilder willen, genauer gesagt, der Motive wegen, an denen sie interessiert sind. Im Gegensatz zu den Erstgenannten, die nur von der Technologie fasziniert sind, gilt ihr Interesse bestimmtem Motiven - Menschen, Naturobjekten, Landschaften, Strassenszenen, Bauwerken, Insekten, Vögeln usw.Solche Motive begeistern sie, sie möchten sie im Bild festhalten und damit besitzen, nach Hause mitnehmen, immer wieder betrachten und ihre Freude daran mit anderen Menschen teilen. Nur weil ihnen andere visuelle Gestaltungsmittel wie Malen oder Zeichnen fremd sind oder nicht praktikabel erscheinen, verfallen sie auf das Medium der Fotografie. Und da sie einsehen, dass technisch einwandfreie Fotos das Motiv ihrer Wahl zwangsläufig besser wiedergeben als mangelhafte, lassen sie sich auch auf die technische Seite der Fotografie ein. Trotz allem sind sie die besseren Fotografen, auch wenn sie kein tieferes Interesse am Medium der Fotografie äussern, denn sie verstehen Aufnahmen zu machen, die den Betrachter fesseln. Wenn sie, lieber Leser, zu dieser zweiten Gruppe gehören, dürften wir gut miteinander auskommen.

Andreas Feininger, Feiningers grosse Fotolehre, 1979

Ich persönlich verstehe eigentlich nicht so recht, warum man "Künstler" sein möchte - oder besser, von anderen so gesehen werden möchte. Mit Kunst verbinden wir doch unmittelbar den Begriff brotlos? Da ist mir der Kunst-Handwerker eigentlich sympathischer. Die Beherrschung der Materie - das muss sein. Und die Kunst, soweit sie sich in der Wahl des Sujets zeigt? Auch nichts Schlechtes! Denn das Wesentliche dabei ist doch die Befriedigung, die man aus der ganzen Sache zieht? Was mich jedoch wirklich mit dem Begriff des Künstlers verbindet, ist die Forderung nach Wahrhaftigkeit: nicht so sehr, was er tut, als vielmehr, warum er es tut. Ein Kunsthandwerker verdient seinen Lebensunterhalt mit dem, was er tut, und da muss er denn wohl, wenigstens ab und zu, dem Volke geben, was des Volkes eben ist. Und wenn man ausser Komponieren nichts gelernt hat, dann kommen schon merkwürdige Stücke dabei heraus. Als Amateur aber kann man beides verbinden: Vom Handwerker die Beherrschung des Materials, und vom Künstler den Willen, sich nur mit den Themen zu beschäftigen, die einen selbst wirklich interessieren. Und dann kann man getrost dem Urteil künftiger Generationen über die entstehenden Produkte entgegensehen.

Und? Wie steht es mit Ihnen? Wie sehen sie sich? Warum fotografieren sie, und warum fangen sie nicht mit Ihrer Zeit und Ihrem Geld etwas Sinnvolles an? Wenn man sich darüber nicht klar ist, wird man Tüchtiges nicht leisten.

Freund Feininger bietet ja zunächst einmal zwei Antworten an: Man kann an der Technik interessiert sein, an Kameras, an Objektiven, an Filtern und Filmen, eben an der Physik (Optik) und der Chemie, die das Fotografieren so mit sich bringt. Und das ist ja auch wirklich sehr interessant. Feininger mag die Vertreter dieser Spezies nun nicht sehr leiden, und ich eigentlich auch nicht: Weniger ihres Hobbys wegen - sie tun damit ja niemandem weh - aber sie neigen nun einmal dazu, sich ihre Motive danach auszusuchen, dass ihre fotografischen Kenntnisse aufs Beste zur Geltung kommen: Baumrinden, vorzugsweise Pinien, im Sonnenschein nach Regen. Portraits alter Menschen, nicht etwa wegen eines Interesses am Alter, sondern weil die so viele feine Runzeln haben. Gewissermassen: Vor der Aufnahme Grossformat, nach der Aufnahme Zonensystem.

Feiningers zweite Antwort: Wir nähern uns der Fotografie von den Motiven her. Wir wissen, was wir fotografieren wollen, und bei der Auswertung des Ergebnisses einer jeder Sitzung fragen wir uns, wie wir das Motiv besser in Szene setzen können, die Charakteristik des Motivs markanter darstellen, vom "Eigentlichen" Ablenkendes vermeiden, neue Sichtweisen auf das Motiv zeigen können. Der Vorteil dieser Vorgehensweise liegt darin, dass er den in der Bildgestaltung angesprochenen Prozess des "Ausprobierens und Verwerfens" in Gang setzt: Solange das Motiv nicht allzu klein gewählt wurde ("Der Backstein ganz links unten in der Fassade meines Hauses"), wird sich ein Motiv nie erschöpfen.

Es gibt aber zumindest noch eine dritte Antwort. Wir suchen, in der Welt, nach Eindrücken, und der Prozess des Fotografierens bringt uns dazu, das Beeindruckende erst sauber herauszuarbeiten: Warum ist es denn interessant, was genau ist denn das Interessante dabei? Wohl auch: Was ist un-interessant - und muss folglich ausgeschlossen werden? In dem Marmorblock, der Michelangelo ins Atelier gestellt wurde, war der David schon ganz und gar drin: Der Bildhauer musste nur noch das Überflüssige entfernen.

Eine vierte Antwort: Die Welt, und hier häufig unsere nächste Umgebung, liefert uns Eindrücke, die wir nicht der Unzuverlässigkeit unseres Gedächtnisses anvertrauen, sondern die wir bewahren möchten. (Wenn ein Mann so um die zwanzig das Fotografieren anfängt: Was wird wohl sein Motiv, was seine Motivation sein? Und: Was wird sein Sujet sein?). Wobei natürlich die Frage zu klären ist, warum wir gerade das bewahren wollen; was wir für wen bewahren möchten.

Die fünfte Antwort: Wir fühlen uns einsam und suchen in der Welt des Internets nach Gesprächspartnern, und benötigen dazu ein Gesprächsthema. In der Zeit der Digital-Fotografie kann dies das Fotografieren selbst sein, oder wir können über Inhalt oder Form der Fotografien anderer lästern, oder wir können die Freude an den Aufnahmen unseres Sprösslings Karl Willibald Thoresmund Heinrich, kurz Karl-Heinz genannt, mit anderen teilen.

Die sechste, und vorerst letzte Antwort: Wir fotografieren, weil wir beim Spazieren gehen nicht rauchen können und daher etwas brauchen, um unsere Hände zu beschäftigen. Fotografie als Ausgleichssport ist sowieso ein viel zu wenig berücksichtigter Aspekt. Was brauchen sie ein Body-Building-Studio, wenn sie auch einen Fotokoffer und ein Stativ über 10km tragen können!

"Zum Fotografieren braucht man einen freien Kopf", sagt mir ein Freund.
"Fotografieren macht den Kopf frei", sagt mir ein anderer.

Ich glaube, beide Seiten haben ihre Berechtigung: Wenn wir etwas Neues entdecken wollen, dann brauchen wir einen freien Kopf. Da wir eher im Urlaub einen freien Kopf haben, fällt uns Ungewohntes auf; obwohl es doch bei uns zu Haus genauso exotisch zugeht. Wenn wir hingegen an einem bekannten Thema weiterarbeiten, und dort nach etwas Neuem suchen können, so macht dies den Kopf frei.

Nun sind die eigenen Beweggründe stets eine Mischung aus verschiedenen Antworten: Chemisch rein geht es im Menschen nicht zu. Aber eine Gewichtung kann man doch vornehmen, und sei es auch nur, dass man an den geraden Tagen des Monats an der Technik und an den ungeraden an einem - oder auch mehreren - Motiven interessiert ist.

Weshalb aber ist diese Frage wichtig, weshalb halte ich sie für ausschlaggebend? Nun, man darf jeden anlügen, nur sich selber nicht. Wenn sie beispielsweise von sich selbst so im Sinne von... ich und Clint Eastwood... denken, oder auch Luther-mässig Hier stehe ich, und kann nicht anders, und sich dann dabei ertappen, dass sie einen schönen Sonntag Nachmittag damit verbringen, Bilder für eine Internet-Präsentation herauszusuchen, dann sollten sie sich vielleicht fragen, ob sie sich nun Internet als ein zweites Hobby zugelegt haben, - zu Lasten der Fotografie - oder ob sie vielleicht doch mehr an das Publikum und dessen Lob denken als sie bisher von sich angenommen haben.

Die Frage nach Warum des Fotografierens schliesst auch immer die Frage ein, wer denn das Ergebnis zu Gesicht bekommen soll? Während der Fotograf sein Thema bearbeitet, ist diese Frage weniger wichtig - aber: nicht unwichtig -, denn spätestens, wenn sich der Fotograf seine Selektor-Mütze aufsetzt, muss er sich ja fragen, ob denn Aufnahmen für sein Zielpublikum dabei sind. Einfach hat er es, wenn er nur für sich und sein Wohnzimmer fotografiert, aber wenn seine Bilder in Ausstellungen hängen und in Zeitschriften abgedruckt werden sollen, dann muss er an das Zielpublikum denken: Juroren und Redaktoren.