Handwerk

Jede Erschütterung der Kamera macht ein Bild unscharf, die Erschütterung wirkt sich um so stärker aus je länger die Brennweite ist. Daraus leitet sich folgende Faustregel ab:

Der Kehrwert der Brennweite (in mm) sollte als Belichtungszeit (in Sekunden) nicht überschritten werden, wenn aus der Hand fotografiert wird.

Also keine längeren Zeiten als 1/50s mit dem 50mm Objektiv. Für Porträts mit 100mm Brennweite ist dies eine 1/100s, ein Fernobjektiv mit 500mm Brennweite verlangt nach einer Verschlusszeit von maximal 1/500s. Die Regel bezieht sich auf Brennweiten für das Kleinbildformat, für andere Formate gelten die gleichen Zeiten bei gleichem Bildwinkel sinngemäss.

Die Faustregel gibt einen Anhaltspunkt dafür, bis zu welcher Verschlusszeit sie beim fotografieren aus der Hand noch ein scharfes Bild erwarten dürfen. Wer behauptet, mit 50mm Brennweite 1/15s aus der Hand ruhig zu halten schaut seine Bilder nicht an.

Bekanntlich ist das Bessere der Feind des Guten. Für maximale Schärfe sollten entsprechend kürzere Zeiten eingesetzt werden, ein Bild entstanden mit dem 50mm-Objektiv wird bei einer Belichtungszeit von 1/250s in den feinen Details schärfer ausfallen als ein vergleichbares bei 1/50s.

Die Faustregel gilt jedoch nicht beliebig für Weitwinkelobjektive. Strukturen werden bei Weitwinkelaufnahmen kleiner abgebildet als wir sie üblicherweise wahrnehmen. Entsprechende werden wir diese dann aus kürzerer Distanz betrachten. An Weitwinkelbilder sind deshalb hohe Schärfeanforderungen zu stellen. 1/20s aus der Hand mit dem 20mm-Objektiv ist Nonsens.

Inzwischen sind Objektive (resp. Kameras) mit Bildstabilisatoren einigermassen verbreitet. Diese Feature ist sehr begrüssenswert - nicht überall lässt sich ein Stativ problemlos einsetzen. Allerdings: Scheinbar wird im Stabilisator oft ein Ersatz für Lichtstärke gesehen, derart ist der Vorteil schnell dahin und die Bilder werden nicht wirklich schärfer. Als Stativersatz kann er so nicht wirklich dienen.

Die Sache verhält sich genau so wie die Hersteller sie auch beschreiben, die aus der Hand verwendbare Zeit für scharfe Bilder wird um ein paar Stufen länger, that's it. Evtl. werden Bilder auch bei kurzen Belichtungszeiten leicht schärfer - dies muss jedoch nicht zwingend der Fall sein.

Kurz ein paar Hinweise, wie man vorteilhaft die Kamera hält, um scharfe Bilder zu kriegen:

  • Die Kamera wird mit beiden Händen gehalten, eine Hand (zumeist die rechte) ist an der Kamera, die andere Hand umfasst von unten das Objektiv.
  • Drücken sie das Sucherokular ans Auge (mit vernünftigem Druck, Selbstzerstümmelung ist nur was für Maler und selbst da nur die Ohren). Die Kamera kriegt damit einen Aufstützpunkt nach hinten.
  • Die beiden Ellbogen nehmen sie an den Körper, der rechte Ellbogen wird im Normalfall seitlich rechts vom Körper leicht angepresst, der linke Ellbogen mittig vorne am Körper.
  • Wenn sie aus der Hocke fotografieren, stützen sie den linken Ellbogen nicht auf dem Knie ab, sondern wie oben beschrieben ebenfalls mittig vom Körper. Beim Abstützen auf dem Knie ergibt sich ein sehr ungünstiges Hebelsystem, welches kleine Körperbewegungen ihrerseits verstärkt auf die Kamera überträgt.
  • Stützen sie ihren Körper ab, indem sie sich gegen eine Mauer oder in eine Mauernische lehnen.
  • Atmen sie zwei bis drei mal ruhig, dann leicht ausatmen, kurz den Atem anhalten, jetzt können sie die Kamera auslösen. Das Anhalten des Atems ist notwendig, weil sich die Atembewegung der Bauchdecke über den linken Arm auf die Kamera überträgt. (Sie können dies kurz Testen indem sie den linken Ellbogen mittig vorne an ihrem Körper abstützen und die Hand so vor ihr Gesicht halten als würden sie ein Objektiv umfassen. Jetzt kräftig einatmen und sie werden sehen wie sich die Hand hebt.)
  • Das Auslösen selbst geschieht mit einer möglichst ruhigen Bewegung und keinesfalls ruckartig.
  • Kann die Auslöseverzögerung Ihrer Kamera eingestellt werden, so können sie auch einen Versuch mittels Selbstauslöser machen. Ideal dürfte eine Verzögerung von 2 Sekunden sein. 10 Sekunden sind zu lange, nach dieser Zeit werden sie die Kamera bereits wieder bewegen. Dieses Verfahren sollten sie vorgängig testen um zu sehen, ob es ihnen behagt. Nicht alle Fotografen werden damit glücklich.

Auflegen der Kamera

Bild: Michael Albat

Eine weiter Möglichkeit, ohne Stativ zu scharfen Bildern zu kommen, ist das Auflegen der Kamera. Eine Mauer, ein Tisch oder ein Autodach bietet dafür fast immer die Gelegenheit. Allerdings liegt die Auflagefläche zumeist nicht im richtigen Winkel, die Kamera wird für das Motiv ungünstig ausgerichtet und nicht so wie der Fotograf sich dies wünscht.

Ein günstiges und geeignetes Hilfsmittel ist in diesem Falle ein Bohnensack. Diese Säcke lassen sich ähnlich einem kleinen Steinhaufen in Form bringen. Sie drücken die Kamera rein bis sie wunschgemäss liegt. Da der Bohnensack keine sehr stabile Auflage darstellt wird die Kamera anschliessend mittels Kabel- oder Selbstauslöser ausgelöst. Auch ohne den Ballast eines Stativs lässt sich so scharfe Aufnahme realisieren, welche aus der Hand nicht möglich gewesen wäre.