Raster und Struktur
Eine Ansammlung kleiner, nicht notwendigerweise identischer Formelemente bildet eine Struktur.
Wesentlich ist ihre
Kleinheit gegenüber der Form oder Fläche, als welche sie in der Übersicht wahrgenommen werden ohne
als Einzelcharaktere hervorzutreten. Strukturen können eine Form, einen Kompositionshintergrund,
aber auch die gesamte Bildfläche beherrschen. Struktur ist somit flächenbildend.
Aus grossem Abstand oder von einem hohen Standpunkt aus gesehen, können auch grössere, multipel auftretende Objekte eine Struktur bilden (z.B. Hausdächer). Solange trotz der Vielfalt das einzelne Element noch als kleine Form vom Betrachter erkannt werden kann, bleibt die Wirkung von Struktur erhalten. Verschiedene Grade der Übereinstimmung dieser Formelemente sowie die Art der Wiederholung und Ausrichtung von rein zufällig über freie, rhythmische und strenge Ordnung ergeben die grosse Spannweite von einer chaotischen Struktur bis zum exakten Raster. Gerade bei Strukturen lassen sich Ordnungsprinzipien gut beobachten.
Bild:
Michael Albat
Das Raster ist meist ein feines und strenges Ordnungsprinzip auf einer Fläche. Die Grenzen zwischen Struktur und Raster sind fliessend und werden subjektiv wahrgenommen. Sehr kleine, sehr viele und vor allem sehr gleichmässige Elemente ergeben den Eindruck Raster.
Als Sonderform einer Struktur ist das Raster zumeist kein Gestaltungselement, es sei den als künstlerische Mittel zur gleichmässigen Kennzeichnung einer Fläche.
Objekte
lassen sich von fremden Strukturen überziehen, so z.B. durch Überlagerungen von Gittern, Zäunen
oder durchsichtigen strukturierten Materialien wie Gläsern oder Stoffen. Gleichzeitig löschen
diese Überlagerungen die ursprüngliche Struktur des Objekts in einem gewissen Grade aus.
Struktur kann aber auch ein Bestandteil des Mediums sein: Filmkorn, Rasterung in der Drucktechnik, Nacharbeitung der Fotografie bis zum Zerkratzen...
Strukturgrössen
Die meisten Fotokomposition weisen Objekte verschiedener Grössenkategorien auf. Die grössten Objekte werden aus der grössten Betrachtungsdistanz wahrgenommen und zueinander in Beziehung gesetzt. Das Hauptmotiv resp. die Verteilung des Hauptmotivs und Grössenverhältnisse unter mehreren Motivteilen bilden derart eine erste Betrachtungsebene. Die Bretter in untenstehender Aufnahme werden bei dieser ersten Betrachtung noch zusammengefasst als Stück einer Wand gesehen. Das Bild gliedert sich in eine gelben und blauen Wandanteil sowie den roten Punkt, welcher von den meisten Betrachtern wohl als eigentliche Figur gesehen wird (Figur-Grund Beziehung.
Bei einer nächst
genaueren Betrachtung (zumeist aus geringerer Distanz) sind erste, zumeist grobe
Materialstrukturen zu finden. In unserem Beispiel sind dies die Linien der Bretter und die
Schraubenköpfe. Eine scharfe Aufnahme vorausgesetzt bilden sich innerhalb dieser ersten
Materialstruktur weitere Materialstrukturen aus, welche in unserem Beispiel die Bretter als aus
Holz bestehend auszeichnen - in der gleichen Grössenordnung findet sich auch die abblätternde
Farbe.
Findet durch den Betrachter eine Erfassung des Bildes statt, so wird sie wohl in der Reihenfolge dieser Betrachtungsebenen ablaufen. Das Bild wird mit zunehmend kleiner werdender Distanz betracht und fördert entsprechend feinere Details zutage. Zuerst als geometrische Komposition, anschliessend in zwei Verfeinerungsschritten bis auf die eigentliche Materialebene. Dies Art der Betrachtung steht in Übereinstimmstimmung mit den Ansichten der Gestaltpsychologie, welche davon ausgeht, dass Objekte immer erst als ganzheitliche Gebilde wahrgenommen werden.
Strukturkontrast
Strukturen werden (fast ausschliesslich) innerhalb der gleichen Betrachtungsdistanz verglichen. Jede Betrachtungsdistanz hat ihren Bereich von sichtbaren Strukturgrössen, sehr grobe oder sehr feine Strukturen werden kaum gleichzeitig gesehen. Die Holzoberfläche steht bei obigem Bild im Kontrast zur abblätternden Farbe. Gegenüber der Bretterstruktur bietet die Holzstruktur keinen sinnvollen Vergleich.
Wird Struktur zum
eigentlichen Hauptmotiv des Bildes gemacht, so benötigt die grösste Betrachtungsdistanz einen
Strukturkontrast um zu befriedigen.
Stofflichkeit
Die allgemeine Schulung des Auges für Strukturen ist in erster Linie eine Folge der Fotografie. Das Bauhaus, welches auch Fotografen ausbildete, hat sich stark dem Ertasten, Erfühlen und Abbilden materieller Texturen und Strukturen gewidmet.
Die präzise Wiedergabe
von Stofflichkeit in Form von Strukturmotiven hat in der aktuellen Fotografie einen festen Platz,
sie deckt sich mit einem modernen Formbewusstsein, das die Abkehr vom illusionistischen Tiefenraum
und eine "Verflächigung" des Bildes anstrebt (Grafik). Damit geht eine Tendenz zur Abstraktion
einher.
Die Darstellung von stofflichen Eigenschaften verlangt nach Schärfe, entsprechend konzentriert sich eine unscharfe Abbildung auf den nichtmateriellen Inhalt der Bildaussage -> siehe Artikel " Schärfe ".
Streiflicht bringt Oberflächen heraus. Jede kleine Unebenheit wird durch Licht und Schatten modelliert (hoher Strukturkontrast). Entsprechend kann weiches, gestreutes Licht durch niedrigen Kontrast die Sichtbarkeit von Strukturen reduzieren. Überlagerungen von Nebel, Regen oder Dunst löschen Strukturen aus.
Wo die Struktur ein wesentliches Merkmal des Objekts ist (Haar oder Haut), aber nicht erkennbar abgebildet wird, kann das Bild normalerweise nicht befriedigen (analog zu materialgerechten Eigenfarben.
Zeitaspekt
IIm Gegensatz zum Film hält Fotografie die Zeit an. Jede Fotografie zeigt bereits unmittelbar nach ihrer Entstehung einen Ausschnitt der Vergangenheit, Fotografien sind Zeugen von Vergangenem.
Es braucht deshalb
nicht zu verwundern, dass Fotografie als ideales Medium zum Festhalten von pittoreskem oder
marodem erkannt wurde. Meiner Ansicht nach spielt ein weiterer Aspekt eine wichtige Rolle. Im
Gegensatz zur Malerei erlaubt die Fotografie dank ihrer hohen Detailauflösung die überzeugende
Darstellung von Oberflächenstrukturen. Und genau diese werden durch die Zeit stark geprägt.
Während bei jugendlichen Gesichtern gelegentlich mit Weichzeichner geschummelt wird, so greifen die Fotografen gerne zum harten Seitenlicht, um das "Charaktergesicht" einer alten Person mit allen Falten möglichst eindrücklich darzustellen.