Die Dreieckskomposition

Eine "Dreiecks-Komposition" existiert gewöhnlich nur in den Köpfen gewisser nach akademischen Regeln arbeitender Fotografen, wird aber nur höchst selten vom Durchschnitts-Betrachter des Bildes als solche aufgefasst. Gewöhnlich erkennt er sie nur dann, wenn er ausdrücklich darauf hingewiesen wird, und auch dann beachtet er sie kaum. Meiner Meinung nach sind alle diese hübsch gezeichneten Diagramme, wie man sie in vielen Fotobüchern findet, die die kompositionellen Anordnungen "erklären" sollen, nicht anderes als Schaufensterdekorationen oder Seitenfüllung, um den Käufer zum Kauf zu bringen.

Andreas Feininger

Im Prinzip hat Andreas Feininger recht...

Mir wurde mal gesagt, jeder Satz, welcher als Bestandteil "im Prinzip" enthält sei falsch. Ich konnte dies bisher nicht widerlegen.

... Sei's drum, ich fädle die Sache jetzt einfach unauffällig ein, damit niemand merkt, dass ich ihnen hier die Dreieckskonstruktion erläutere. Die Sache geht so:

Aufmerksamkeitszentren

Wenn sie ein Bild betrachten, so werden zwangsläufig einige Motivteile oder Motivbereiche Ihre Aufmerksamkeit auf sich ziehen.

Sicher ziehen mal primär "Figuren" Aufmerksamkeit auf sich. Es sind dies "bekannte Objekte", welche als Ganzes erfasst werden. (Ganzheitsmethode). Aber da ist noch mehr, weniger bekannte Objekte werden abgetastet und analysiert (Feature Ring). Ecken und Winkel, kreuzende Linien, Punkte, helle oder dunkle Bereiche, soweit sie einen "kleinen" Bereich innerhalb des Bildes ausmachen. Diese beiden Methoden erschliessen den Inhalt eines Bildes.

Diese einzelnen Aufmerksamkeitszentren bilden (unter Umständen zusammen mit dominanten Linien) die Ecken einer virtuellen Form, eines Bereiches innerhalb der Bildfläche also, auf welchen sich die Aufmerksamkeit bezieht, welcher durch die eigentlichen (wirksamen) Motive belegt ist.

Analog zur Figur-Grundbeziehung, welche sich auf die Erkennbarkeit bezieht, entsteht somit die kompositorische Motiv-Umfeldbeziehung. Das Bild wurde im Bezug zur Bildfläche in diesen Bereich komponiert.
Der Schwerpunkt dieses virtuellen Motivbereichs wiederum ist der prädestinierte Ruhepunkt des Bildes und somit von absolut zentraler Bedeutung für das ganze Bild.

Um diesen Ruhepunkt, respektive um dessen Belegung geht es hier. Gute Bilder unterscheiden sich von schlechten durch die Belegung eben dieses Ruhepunktes:

  • Es kann sein, das dort nichts ist, das ist gut.
  • Es kann sein, das dort was ist, das ist auch gut. In diesem Fall kommt diesem Motivteil eine hohe Bedeutung zu, er wird stark betont.
  • Es erfolgt jedoch auch eine Betonung, wenn dort was falsches oder ablenkendes ist. Das ist nicht gut, das Bild ist dann Schrott.

Und weshalb jetzt Dreieckkonstruktion?

Das ist ganz einfach:

  • Zwei Punkte bilden keine Fläche. Ein Bild mit zwei Aufmerksamkeitszentren hat deshalb keinen Ruhepunkt.
  • Stimmige Kompositionen mit zwei Objekten sind nur erschwert realisierbar, meist durch Einfügen eines weiteren Aufmerksamkeits-Zentrums.
  • Die einfachsten Kompositionen weisen daher ein oder drei Zentren auf, welche zudem nicht auf einer Linie liegen. Ergo entsteht ein Dreieck.

Und was hilft uns das Ganze jetzt? Nicht viel, aber bei der Auswahl von Bildern, wenn von einem Motiv mehrere Versionen zur Verfügung stehen, fällt manchmal die Entscheidung schwer. Nicht selten kann die Selektion dann anhand dieser hier beschriebenen Kriterien recht zielsicher getroffen werden.