Linearperspektive
Parallele Linien laufen in der Ferne scheinbar zusammen um sich schliesslich in einem fernen Punkt zu treffen. Auch gleichmässig verteilte Abstände scheinen in der Tiefe des Raumes zusehends enger zusammenzurücken. Diese Abbildungsart wird Linearperspektive genannt. Diesen Punkt, auf welchen alles zuläuft, nennt man Fluchtpunkt, die Linien entsprechend Fluchlinien. Je grösser der Winkel zwischen den Fluchtlinien wird, desto schneller scheinen Objekte mit wachsender Distanz kleiner zu werden, die Perspektive wird steiler. Bei kleinem Winkel spricht man von flacher Perspektive. Den Effekt des Kleinerwerdens und die scheinbare Abnahme von Abständen in der Ferne wird perspektivische Verkürzung genannt.
Nebst den Fluchtlinien weisst diese Abbildungsart auch die folgenden Eigenschaften auf:
- Alle geraden Linien werden gerade abgebildet.
- Alle Flächen, welche parallel zur Filmebene liegen, werden verzeichnungsfrei wiedergegeben. So werden zum Beispiel Parallelen welche in einer solchen Fläche (Ebene) liegen parallel wiedergegeben, Kreise sind rund und Winkel erscheinen unverändert.
- Alle parallelen Linien, die nicht parallel zur Filmebene verlaufen, konvergieren zu Fluchtpunkten.
In nebenstehendem Bild zeigt der Steg gut den Verlauf der Fluchtlinien. An den scheinbar abnehmenden Längen der Lichtflecken kann die perspektivische Verkürzung erkannt werden.
Fluchtpunkte
Die Bildwirkung hängt stark von der Anzahl und der Position der Fluchtpunkte ab. Obenstehendes Bild wurde frontal zum Steg aufgenommen, das Bild zeigt einen Fluchtpunkt auf halber Breite und 2/3 Bildhöhe. Sobald sie gegenüber einem Objekt einen "schrägen" Standort einnehmen, so wird dieses mit zwei Fluchtpunkten dargestellt.
Objekte werden mit 2 Fluchtpunkten plastischer dargestellt als nur mit einem. Klar ersichtlich wird dies am Rack (der komische Kasten) in nebenstehendem Bild.
Weil die Kamera bei diesem Bild waagrecht ausgerichtet war, verlaufen die senkrechten Linien in Ebenen, welche parallel zur Filmebene stehen und werden deshalb unverzerrt senkrecht dargestellt.
Sobald sie jedoch die Kamera nach oben oder unten neigen, werden auch senkrechte Linien auf Fluchtpunkte konvergieren und derart zu stürzenden Linien. Das Bild scheint nach hinten zu kippen (resp. nach vorne wenn sie die Kamera nach unten richten).
Nebenstehendes Bild zeigt stark stürzende Linien, das Bild kriegt dadurch einen dynamischen Aspekt. Durch Standort und Aufnahmerichtung ergeben sich drei Fluchtpunkte, dies ist die maximal mögliche Anzahl.
Fluchtpunkten und stürzende Linien prägen die Wirkung Ihres Bildes bezüglich Plastizität und Dynamik.
Texturgradient
Der Texturgradient ist eine ähnliche Auswirkung der Perspektive wie die Fluchtlinien, allerdings bezogen auf Muster und Texturen.
Unter (intuitiver) Annahme ähnlicher Grösse der Struktur bildenden Elemente entsteht ein Eindruck von räumlicher Tiefe, indem die Textur mit wachsender Entfernung feiner strukturiert erscheint.
Einfluss der Brennweite
Oft gebraucht werden die Begriffe Teleperspektive resp. Weitwinkelperspektive. Diese "Perspektiven" sind in Tat- und Wahrheit nicht verursacht durch die entsprechenden Optiken, sondern ergeben sich durch den sinnvollen Einsatz ebendieser Optiken.
Weitwinkelperspektive
Die Weitwinkelperspektive charakterisiert sich durch den starken Grad der perspektivischen Verkürzung, Fluchtlinien verlaufen steil.

Bild: Michael Albat
Objekte in der Nähe und der Ferne werden in auffällig unterschiedlichen Grössen wiedergegeben. Objekte im Vordergrund sind sehr gross, Objekte in der Ferne unverhältnismässig klein dargestellt. Dies ist genau genommen nicht eine Eigenart der Weitwinkeloptik, sondern basiert auf den stark unterschiedlichen Distanzen der Objekte zur Optik, weil der Aufnahmestandort zumeist sehr nahe dem eigentlichen Vordergrundobjekt ist um dieses prominent ins Bild zu setzen. Da der Bildhintergrund in bedeutend kleinerem Abbildungsmassstab abgebildet wird, lässt sich in einem Bild mit derartiger Perspektive viel Hintergrund integrieren. Gemäss den Erkenntnissen der Informations- und der Gestalttheorie ist dies logischerweise nur dann sinnvoll, wenn diesem Hintergrund auch eine geeignete Bedeutung zukommt. In diesem Bild wird durch den Hintergrund (Port Said Senator) die Funktion und der Zweck des Pollers im Vordergrund verdeutlicht.
Aus den beiden oben genannten Theorien geht auch hervor, dass erfolgreiche Weitwinkelfotografie anspruchsvoll sein kann. Die Gestalttheorie fordert eine Reduktion des Bildes, Ästhetik mit vielen Bildelementen kann zu einer Herausforderung werden. Andererseits werden sie auch nicht darum herumkommen, das Verlangen der Informationstheorie zu befriedigen. Weitwinkelbilder sind fast immer inhaltlich dominiert - nicht umsonst werden weite Winkel gerne im Reportagebereich eingesetzt. Als Gegenleistung locken Bilder, welche über formaler Spielerei stehen.
Teleperspektive
Die Teleperspektive zeichnet sich im Gegensatz zur Weitwinkelperspektive durch einen geringen Grad perspektivischer Verkürzung aus.

Bild: Michael Albat
Objekte in unterschiedlicher Distanz werden nahezu in den richtigen Grössenverhältnissen dargestellt. Dadurch entsteht im Bild der Eindruck geringer Tiefe, die Bildebenen liegen scheinbar näher aufeinander. Wesentliche Gründe für die Wahl dieser Perspektive können sein:
- Reduktion und Abstraktion des Bildes auf formale grafische Elemente wie Farben, und Formen (Gestalttheorie, Ästhetik).
- Verminderung des Hintergrundbereiches zur Ausblendung ablenkender Hintergrundelemente.
- Grafische Verdichtung der Bildobjekte (z.B. Menschenmengen, dicht aneinander gebaute Häuser, Bootshafen...) zur Steigerung der Bildaussage.
Wenn man davon ausgeht, dass Bilder umso stärker wirken, je einfacher und klarer die Komposition ist, so erkennt man schnell, dass Teleperspektive Ihnen helfen kann, ebensolche Bilder zu erzielen.
Zwischen Tele- und Weitwinkelobjektiv gibt es bekanntlich auch so genannte Normalobjektive. Schon manch einer mag sich gefragt haben, was an diesen Optiken normal sei. Gemeinhin wird mit dem Bildwinkel argumentiert, welcher unserem Sehfeld entspreche. Dies halte ich für eine schwache Argumentation. Das Sehfeld entspricht bei Konzentration einem klar engeren Bereich und ansonsten bedingt durch die Kopfbewegung einem deutlich weiteren. Was aber hinkommen könnte, ist das Mass der perspektivischen Verkürzung, welches bei dieser Optik gut unserem gewohnten Seheindruck entspricht. Ansonsten werden diese Objektive wohl einfach Normalobjektive genannt, weil es früher normal war, dass der Kamera eine solche Optik beigelegt war.