Die Eigenschaften von Licht

Licht ist mehr als nur das Gegenteil von Dunkel. Licht ist der Gegenpart von Schatten - entsprechend wirkt Licht erst im dunkeln Umfeld hell. Ein helles Objekt wirkt noch heller, wenn es von Dunkelheit und Schatten umrahmt ist - und umgekehrt.
Licht und Schatten trennen Wichtiges von Unwichtigem, modellieren Formen und Strukturen und täuschen somit über die Zwei-Dimensionalität des Bildes hinweg. Die Beleuchtung trägt durch Schattenbildung wesentlich zum Räumlichkeitseindruck bei.

Einzelne helle Punkte in einem sonst dunkel gehaltenen Bild oder einzelne dunkle Punkte in einem vorwiegend hellen Bild werden besonders stark beachtet und gewinnen an Bedeutung. Mit Licht wird somit auch das Hauptmotiv betont, nicht umsonst sind bei Konzerten die Scheinwerfer auf die Bühne und dort auf die Musiker gerichtet.

Mit Licht lässt sich das Auge im Bild führen. Eine helle Stelle am (linken) Bildrand eignet sich bestens um das Auge ins Bild hineinzuziehen, eine dunkle Stelle am (rechten oder unteren) Bildrand verhindert wirkungsvoll ein Verlassen des Bildes, der Blick bleibt im Bild haften.

Licht wirkt aktiv, Schatten oder Dunkelheit passiv. Hell beleuchtete Objekte lenken die Aufmerksamkeit stärker auf sich als nur schwach beleuchtete Objekte. Gleiche Anteile von Hell und Dunkel können trotz der erzeugten Kontraste gleichförmig wirken, während ungleiche Anteile Spannung erzeugen.

Weisses Licht hat eine fröhliche, heitere, leichte Ausstrahlung, während Schatten oder Dunkelheit Macht, Ruhe, Düsternis, Bedrohung, Armut, Leiden, Tod sowie Erdgebundenheit und Schwere symbolisieren. Helligkeit und Licht assoziieren wir normalerweise mit "Oben", Dunkelheit und Schatten mit "Unten".

Licht lässt sich aus fotografischer Sicht nach drei Eigenschaften analysieren:

Die Beschaffenheit

  • Hartes Licht erzeugt hohe Kontraste und scharf begrenzte tiefe Schatten, welche alle in die gleiche Richtung weisen. Spitzlichter sind grell. Generell werden Oberflächenstrukturen betont weil selbst kleinste Erhebungen oder Vertiefungen Schatten werfen.
  • Hartes Licht wird erzeugt durch punktförmige resp. ferne Lichtquellen mit wenigen Reflektoren - dazu zählt auch die Sonne am wolkenlosen Himmel. 
  • Weiches Licht erzeugt geringe Kontraste und wenig oder gar keine Schatten. Farben wirken durch die Farbart, weniger durch Kontrast und erscheinen daher natürlich. Reflektiertes Licht hellt die vorhandenen Schatten auf, diese sind daher weich und relativ hell. Feine Details werden bei diffuser Beleuchtung zwar in allen Einzelheiten sichtbar zur Geltung gebracht, aber nicht zusätzlich betont, eine Dreidimensionalität wie sie durch Schatten bei hartem Licht bewirkt wird bleibt daher bei diffusem Licht aus. Diffuses Licht wirkt daher idealisierend, gegebenenfalls auch romantisierend und beruhigend.
  • Diffuses Licht entsteht durch grosse, nahe Lichtquellen und/oder lichtabgebende Flächen - Ein gleichmässig wolkenbedeckter Himmel ist eine Quelle für weiches Licht.

Grundsätzlich kann obiges zusammengefasst werden in der Erkenntnis: "Licht wird umso weicher, je grösser die lichtabgebende Fläche im Verhältnis zum Motiv ist".

Unmittelbar verknüpft mit der Beschaffenheit des Lichts ist auch der Kontrast, in obigem Text wurde dies schon erwähnt. Je nach erwünschter Bildwirkung können wir an hohem oder geringem Kontrast interessiert sein.

  • Geringer Kontrast bedeutet tendenziell gleichmässige, schattenlose Ausleuchtung. Zum einen können wir dies durch Frontallicht erreichen, die der Kamera zugeneigte Seite wird dabei vollständig ausgeleuchtet.
  • Anderseits ist natürlich diffuses Licht geeignet zur Erzielung reduzierter Kontraste - Nebel, Regen, Schneefall, Dunst, bewölkter Himmel sind natürliche Situationen mit diffusem Licht in allen denkbaren Qualitäten.
  • Künstliche Mittel sind Aufhellkartons, Folien, geeignete Bildhintergründe, Schattenaufhellung mittels Blitz.
  • Bei Blitzaufnahmen sorgt ein dunkler Hintergrund für hohen Kontrast, hier hilft eine Langzeitaufnahme, welche dem Restlicht gestattet, auch den Bildteil hinter der Blitzreichweite zur Geltung zu bringen.
  • Hoher Kontrast bedeutet eher tiefe, dunkel bis schwarze Schatten (teilweise ohne oder nahezu ohne Zeichnung) und helle bis ausfressende Spitzlichter.
  • Der Lichtrichtung kommt bei hohen Kontrasten elementare Bedeutung zu. Seiten und Streiflicht führt zur Modellierung von Strukturen, das Motiv erscheint plastisch und dreidimensional. Als Extrem kann die Mittagssonne am wolkenloser Himmel angegeben werden als natürliche Lichtquelle zur Erzeugung höchster Kontraste. Ob dies wünschenswert ist sei hier verschwiegen.

Natürlich ist der Kontrast nicht nur eine Frage der Beleuchtung: Monochrome Bildkompositionen mit farblich passendem Hintergrund (Ton-in-Ton-Aufnahmen) sind kontrastarm, von Natur aus kontrastreiche Motive sind dies entsprechend nicht. Weiter besteht die Möglichkeit, mittels Filter (Polarisationsfilter resp. Farbfilter bei S/W-Aufnahmen) den Kontrast in die gewünschte Richtung zu beeinflussen. Und schliesslich kann durch Filmwahl (hoch bis niederempfindlich) und Filmentwicklung (bei S/W-Filmen) der Kontrast ebenfalls gesteigert oder gesenkt werden.

Licht von vorne:

Fotografieren mit Frontallicht (Sonne im Rücken) ergibt sehr flach ausgeleuchtete, praktisch schattenlose und kontrastarme Bilder. Bei Farbaufnahmen werden die Bildelemente zumindest noch durch unterschiedliche Farben getrennt, für Schwarzweissbilder, zumal  für Motive ohne eigene grosse Tonwertunterschiede, ist diese Beleuchtung denkbar ungeeignet. Sind sie an einem flachen, zweidimensionalen Bild interessiert, so ist frontales Licht das Licht Ihrer Wahl.

Seitenlicht, Streiflicht:

Jede seitliche Lichtrichtung wirft für die Kamera sichtbaren Schatten, dessen Richtung sich auch gleich daraus ergibt.

Halbseitliches Licht gilt als natürlich modellierend, harmonisch. Nicht grundlos wird bei Porträtaufnahmen zumeist das Hauptlicht derart gewählt.

Bei 90° Seitenlicht werden durch Schattenbildung Oberflächenstrukturen betont, das Motiv erscheint sehr plastisch, die Schatten verlaufen waagrecht und sind mitunter recht lang (allerdings nur bei harter (nichtdiffuser) Beleuchtung).

Gegenlicht:

Gegenlichtaufnahmen stellen bereits eine Art der Abstraktion dar. Obwohl wir täglich Gegenlicht ausgesetzt sind, entspricht das Bild nicht unseren Sehgewohnheiten, da wir bei starkem Gegenlicht zumeist nur noch selektiv Einzelheiten wahrnehmen und kein geordnetes Bild mehr erkennen. Die der Kamera zugewendete Seite des Motivs liegt im Schatten, die Silhouette wird beleuchtet.

Dadurch entsteht ein direktes gegenüber von Hell und Dunkel, welches kompositorisch zwingend berücksichtigt werden muss. Dunkle Flächen ohne Zeichnung müssen vorteilhaft und ausgewogen ins Bild integriert werden, derart vermögen sie oftmals die Bildwirkung zu steigern.

Typisch für Gegenlichtsituationen sind Lichtsäume, welche Umrisse betonen und verschiedene Ebenen voneinander trennen, dadurch soll (angeblich) sogar ein Räumlichkeitseindruck entstehen.

Als spezielle Möglichkeit der Gegenlichtfotografie bietet sich die Motivauffassung als Silhouette an. Dies stellt eine starke Abstrahierung dar, das Motiv besitzt dadurch keine Details und zumeist auch keine Räumlichkeit mehr, es wird reduziert auf Formen wie bei Schattenaufnahmen. Durch den Lichtsaum an den Formrändern werden die Formen jedoch noch zusätzlich betont und gleichzeitig aus dem Hintergrund herausgelöst.

Reizvoll für Gegenlichtaufnahmen sind auch transparente Objekte wie z.B. Pflanzenblätter. Diese Objekte erscheinen selbstleuchtend, die Farbe wird dadurch intensiviert. Sind die Objekte nicht zu dicht, so lassen sich derart auch überlagerte Strukturen in mehreren Ebenen abbilden.

Die Belichtung bei Gegenlichtaufnahmen wird normalerweise auf die Lichter abgestimmt, in den hellen Bereichen werden dadurch Farbe und Zeichnung sichtbar, die Schatten laufen zu. Stellen allzu dunkle Schatten ein Nachteil dar (z.B. bei Gegenlichtporträts), so können diese mittels Aufhellreflektoren oder einem dezent eingesetzten Aufhellblitz etwas reduziert werden - doch läuft man dabei auch Gefahr, die spezielle Atmosphäre der Lichtsituation zu zerstören.

Die Lichtfarbe

Jede Beleuchtung hat ihren spezifischen Farbcharakter, der sich durch die spektrale Zusammensetzung des Lichts ergibt. Bei Aussenaufnahmen können sich durch unterschiedliche Aufnahmezeitpunkte Bilder mit völlig anderer Atmosphäre ergeben und somit auch mit anderen Aussagen. Im Zeitalter der bemannten Autofahrt dürfen fortgeschrittene Fotografen das Wagnis eingehen und auch mit diesem Aspekt gestalten.

Die Lichtfarbe ist abhängig von

  • der Jahreszeit (Winter... Sommer),
  • der Tageszeit (Morgensonne, Mittag, Blaue Stunde, Sonnenuntergang),
  • und der Lichtquelle (Sonne, Fotolampe, Halogenlampe, Leuchtstofflampe).

Mit etwas Übung resp. Konzentration kann der Fotograf die Farbe der Lichtquelle erkennen und den automatischen Weissabgleich des Gehirns für ein paar kurzfristige Betrachtungen der Umwelt abschalten. Versuchen sie es, es ist die Sache wert und sie werden erstaunliches sehen. Heikel sind in diesem Zusammenhang Leuchtstofflampen mit unvollständigem Spektrum, wie sie gelegentlich für helle Arbeitsplätze eingesetzt werden.

Durch Abstimmung des Films (Tageslicht oder Kunstlicht resp. Weissabgleich bei Digitalkameras) und des Aufnahmezeitpunktes lässt sich je nach Bedarf eine natürliche Farbgebung oder ein kreativer Farbstich erzeugen.

  • Tageslichtfilm bei Tageslicht resp. Kunstlichtfilm bei Glühlampen oder Halogenlicht sorgt für tendenziell natürliche Farben. Alternativ können auch Farbkorrekturfilter verwendet werden. 
  • Kunstlichtfilm bei Tages- oder Blitzlicht sorgt für kühle Farben - dieses Rezept liest man immer wieder, in meine Augen wirkt das Bild nicht nur kühler sondern hat einen unübersehbaren und unannehmbaren Blaustich - ich werd den Verdacht nicht los, dass diesbezüglich allenthalben Ratschläge verteilt werden, welche die Autoren selbst nicht im Traum einhalten würden. Es empfiehlt sich, im Bedarfsfall diese Wirkung vorgängig auszuprobieren. Am ehesten kann dieses Verfahren am späten Nachmittag oder beim Sonnenuntergang, wenn die Lichtfarbe stark ins gelbe resp. rötliche neigt, zu befriedigenden Ergebnissen führen. Für eine kühlere Farbtendenz bei Tageslichtfilm eignet sich ein ganz leicht blauer Korrekturfilter. 
  • Die Verwendung von Tageslichtfilm bei Kunstlicht (Glühbirnen, Halogenlampen) liefert warme, stark ins Rote tendierende Farben. Im Gegensatz zum Blauton, welcher ein Kunstlichtfilm bei Tageslicht produziert, kann der stark rote Farbstich eher akzeptiert werden, da unser Auge von spärlicher Kunstlichtbeleuchtung diesen Farbton tendenziell schon kennt. Trotzdem empfehlen sich auch hierbei Testaufnahmen.
    Ebenfalls warme Farben entstehen bei Verwendung von Tageslichtfilm am späteren Nachmittag und bei Sonnenuntergang. 
  • Keine besonderen Vorkehrungen bei der Aufnahme sind bei Verwendung von Negativfilm notwendig, die Farbabstimmung erfolgt beim Positivprozess. Es ist aber sicher nicht falsch, bei Kunstlicht ein Konversionsfilter zu verwenden, die Negative sind dann einfacher zu filtern - dies empfiehlt sich insbesondere wenn hohe Ansprüche an die Farbwiedergabe gestellt werden.

Die Eigenschaften von Schatten

Schatten hat fotografisch drei Eigenschaften:

  • Schatten symbolisiert Tiefe,
  • Schatten ist dunkel,
  • Schatten hat eine Form.

Er symbolisiert Tiefe resp. Plastizität.

Schatten und Tiefe resp. Räumlichkeit haben einen Bezug zu unserem Raumempfinden, weil Schatten eine direkte Folge der Dreidimensionalität der Objekte ist. Unser Gehirn modelliert unbewusst die Bilder unter Mithilfe der Schatteninformation. Wie schon angedeutet wirken Bilder entsprechend flach wenn keine Schatten vorhanden sind.

Ein interessanter Aspekt besteht darin, das abstrakte Objekte ihre Räumlichkeit umkehren, wenn wir die Lichtrichtung um 180° drehen. Aus dem täglichen Leben kennen wir die Lichtrichtung "schräg von oben", die Sonne lässt die Schatten nach unten fallen. Wird die Lichtrichtung umgedreht, also "schräg von unten", so fallen die Schatten nach oben, die normalerweise beleuchtete Seite liegt jetzt im Schatten. Ein nach oben fallender Schatten wird von unserem geistigen Bildinterpretationsapparat als Vertiefung interpretiert, ein nach unten gerichteter Schatten als Erhebung. (Abstrakt muss das Objekt sein, weil bei Objektkenntnis die Räumlichkeit aufgrund eben dieser Kenntnis richtig interpretiert wird.)

Schatten ist dunkel. Trivial, nicht wahr, dass dürfte wohl die wenigsten überraschen.

Er stellt somit den Gegenpol dar zu hellen Flächen und zu Farben, steigert deren Leuchtkraft und lässt Farben gesättigter erscheinen, kurz: Das Bild wirkt brillanter.

Schatten hat eine Form.
Schatten ist die Projektion eines Objekts auf eine Fläche, seine Form ergibt sich aus den räumlichen Eigenschaften des Objekts und der Projektionsfläche. Schatten sind somit eine Zusatzinformation, können als Redundanz, als ordnendes Element dienen. Gelegentlich werden Bilder auch nur von den Schatten gemacht - der Schatten ist in diesem Fall eine Befreiung des Objekts von Eigenschaften wie Farbe oder Struktur, eine reine Reduktion auf Form.