Punkt und Linie zu Fläche...

...ist der Titel eines Grundlagenwerkes von Wassily Kandinsky. Das Buch trägt den Untertitel "Beitrag zur Analyse der malerischen Elemente".

Das Werk ist hochabstrakt und abgehoben. Der Autor ist bestrebt, eine möglichst universelle Theorie zu erstellen, verliert dabei aber gelegentlich die Bodenhaftung. Ich meinerseits hab simpel und einfach den Faden verloren. Ich gehe davon aus, das vieles was in Lehrbüchern geschrieben steht, in irgendeiner Form in diesem Werk wurzelt.

Die modernen Maler hatten sich bewusst von der Perspektive losgesagt und entdeckten die grundlegende bildaufbauende Mittel Punkt, Linie und Fläche und die diesen Elementen innewohnenden Kräfte, welche die Bildfläche bestimmten. An Stelle perspektivischer Ordnung traten neu Gesetze von Rhythmus und wechselseitiger Interaktion abstrakter Elemente.

Die geometrischen Grundelemente (Punkt, Linie, Fläche und Form) finden sich in der Fotografie gleichermassen wie in der Malerei.
Vieles wird in der Fotografie intuitiv gestaltet. Ein Teil dieser Intuition ist keineswegs unbegründbar. Die Theorie zu den geometrischen Elementen in der Gestaltung soll diese Unbewusste ans Tageslicht zerren damit wir es in Ruhe betrachten können. Gerade in kompositorischen Krisenfällen kann dieses Wissen bei Gratwanderungen behilflich sein, der Fotograf erspart sich anschliessend bei der Präsentation das gequälte Lächeln - weil er entweder fundiert begründen kann oder genügend Selbstsicherheit hat um weiter bestehen zu bestehen.

Fotografie wird immer dann besonders interessant, wenn sie ihre traditionellen Grenzen überwindet und zusammen mit dem Fotografen persönliche Wege geht (Experiment, Abstraktion, Performance). Jedes Zusatzwissen ist in unbekanntem Gelände eine Hilfe.

Bevor wir unbedarft in eine gedankliche Sackgasse treten möchte ich auch noch eine erste Frage stellen: Wie weit kann Fotografie mit Malerei gleichgesetzt werden?
Bilder beider Verfahren lassen sich analysieren - hier darf davon ausgegangen werden, dass zu deren Verständnis die gleichen Theorien Verwendung finden können. Betrachtet man jedoch die Entstehungsweise, so könnten sie nicht verschiedener sein. Die Malerei ist aufbauend, beginnt mit der leeren Leinwand, der Maler füllt die Bildelemente ein. Der Fotograf hingegen betritt ein Kinderzimmer und beginnt aufzuräumen.
Der Aufbau der Fotografie ist nicht ein Aufbau der geometrischen Elemente, der "fotografische Rohstoff" ist Zeitpunkt und Ort, also "zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort".