Die Bildfläche

Nicht Jeder, der aus dem Rahmen fällt war vorher im Bilde.

Alte Fotografenregel

Unter all den an einer fotografischen Komposition beteiligten Flächen kommt der Bildfläche eine besondere Bedeutung zu. Sie entscheiden über Bildgrösse und Seitenverhältnis, aber auch subtile Aspekte wie Positionierung des Hauptmotivs resp. des Aufmerksamkeitspunktes sowie dessen Anteil an der Gesamtbildfläche sind in Beziehung zur Bildfläche zu sehen. Innerhalb dieser Fläche bauen sie Ihr Bild auf, sie ist die Projektionsfläche für Ihr Motiv, hier findet dem entsprechend auch die Umwandlung vom dreidimensionalen Motiv auf Ihr zweidimensionales Bild statt. Die Bildfläche, vorerst noch ohne überlagertes Bild, verhält sich dementsprechend keineswegs neutral. An den Seiten ergeben sich für den Betrachter unterschiedliche Widerstände und innerhalb der Fläche unterschiedliche Gewichte.

  • "Unten" als Standfläche ist schwer und fest. Das "Oben" leicht und offen. Assoziiert werden mit diesen Flächenbereichen Erde und Himmel. Entsprechend ist "Unten" auch nah und statisch (Vordergrund) und "Oben" fern und flüchtig (Hintergrund).
  • Die linke Seite der Bildfläche ist der Eingang für den Betrachter, entsprechend soll die rechte Seite den Betrachter am Verlassen des Bildes hindern.

Das Bildzentrum selbst erscheint uns als statisch und spannungsfrei. Gegen die Ränder und Ecken zu ergeben sich zusehends Kräfte resp. eine optische Bewegung.

Diese Wirkungen von Widerstand und Gewicht sind vor allem bei leeren Flächen gut zu empfinden - je nach Komposition des Bildes können sie diese Eigengewichtungen und Bewegungen unterstützen oder abschwächen.

Das nebenstehende Bild nutzt diese Unterstützung durch die Bildfläche. Die helle offene Fläche links unten bietet sich als Bildeinstieg an. Ihre Form weisst dem Auge den Weg ins Bildinnere. In der rechten oberen Ecke ist mit der dunklen Fläche ein zweites Element vorhanden, welches Aufmerksamkeit verlangt. Die Verbindung dieser zwei Flächen ist als Diagonale durch das Bild angelegt, das Auge wird daran geführt. Sowohl die rechte obere Ecke als auch die dunkle Fläche wirken wie eine Barriere, der Blick wird innerhalb der Bildfläche behalten. Zugegeben, ist etwas viel hineininterpretiert, aber was macht man nicht alles wenn man Beispiele finden muss/will.

Das Bildformat

Die Abstimmung des Bildformates auf den Bildinhalt steigert die Wirkung des Bildes erheblich.

Rechteckiges Bildformat

Die meisten Fotografen gehen von einem Aufnahmeformat mit den Seitenverhältnissen des Kleinbildes von 2:3 aus. Bei Verwendung eines rechteckigen Aufnahmeformates stellt sich somit bereits bei der Aufnahme die Frage nach Hoch- oder Querformat.

Diese Frage kann aufgrund verschiedener Kriterien entschieden werden.

  • Motivebene: Das Bildformat steht im Dienst der Motivbetonung. Möglichst viel oder wenig übrig bleibendes Umfeld. Das Format wird entsprechend der Motivform resp. des Umgebungsbezugs gewählt.
  • Zuweisung aktiv/passiv: Das Querformat erscheint ruhig, statisch, passiv, ein Hochformat wirkt dynamisch und aktiv.
  • Tradition: Die Tradition der Malerei und Fotografie hat verschiedenen Motivbereichen eine klare Zuweisung des Formats gemacht. Landschaft und Stillleben sind typisch im Querformat, Porträts im Hochformat.

Linien, welche in Richtung der grösseren Ausdehnung des Bildformats verlaufen werden unterstützt. Linien und Formen, welche entgegen dem Bildformat laufen werden in ihrer Wirkung abgeschwächt. Ein Hochformat erlaubt eine stärkere Betonung von Oben und Unten (z.B. Himmel und Erde), ein Querformat entsprechend eine klare Links-Rechts Einteilung.
Für Landschaftsaufnahmen, welche den Horizont enthalten erscheint somit das Querformat optimal, das Ausschnitthafte wird weniger ersichtlich. Ein Landschaftsaufnahme im Hochformat ist somit spannungsgeladener, erlaubt die stärkere Betonung von Vordergrund (Horizont hoch) resp. Hintergrund (Horizont tief).
Entsprechend erscheint das Hochformat für Porträt oder Personenaufnahmen geeignet, Spannungen entstehen hier bei Verwendung eines Querformats.

Passepartout

Nebenbei und zwanglos wird jetzt auch die Funktion des Passepartouts augenfällig. Die rechteckige Bildfläche schafft durch ihre Exzentrizität (aufgrund der Bildecken) Bezüge zu ihrem Umfeld. Verstärkt wird diese Tendenz durch unsere Fähigkeit, Bildinhalte zu ergänzen. Ein Landschaftsbild ist durchaus neben der Bildfläche weitergehend denkbar. Dadurch können Konflikte mit der Bildumgebung entstehen. Solange Bilder Auftragswerke für bestimmte Orte waren, stellte dies kein Problem dar. Fresken, Deckenmalereien und Bodenmosaike waren abstimmbar auf ihr Umfeld. Als Bilder jedoch zunehmend für einen Kunstmarkt geschaffen wurde, stellte sich das Problem des unbekannten Umfeldes. Die Lösung bestand darin, ein Teil des unmittelbaren Umfeldes dem Werk mitzugeben. Bilder kriegten ein Passepartout, welcher symbolisiert, dass es sich beim Bild um eine getrennte Darstellung der Welt handelt und nicht um einen Teil davon. (Skulpturen kriegten entsprechend einen Sockel und wurden derart aus der Umgebung herausgehoben - das Prinzip lässt sich also nicht nur auf Bilder anwenden). So einfach ist das. Allerdings zeigt sich darin auch, dass das Passepartout eine Aufgabe hat und nicht seinerseits wieder unnötige Bezüge schaffen sollte. Wer mittels Bildbearbeitung Teile des Bildes aufs Passepartout überträgt (wie man dies heutzutage oft sieht) hat eben kein Passepartout mehr - das Bild "pass(e)"t dann nicht mehr "partout".

Quadratisches Bildformat

Als abstrakte geometrische Form mit identischen Seitenlängen wirkt das Quadrat spannungslos und statisch. Wird die quadratische Bildfläche mit der Bildkomposition gefüllt, so beeinflusst diese deren Wirkung massgeblich. Die Raumaufteilung formaler und farblicher Bildelemente innerhalb der quadratischen Bildfläche muss sorgsam vorgenommen werden. So formt z.B. jede Diagonale im Quadrat aus der Bildfläche zwei gespiegelte, aber ansonsten identische Dreiecke, welche ihrerseits sogleich die Gegendiagonale betonen.

Durch die identischen Seitenlängen des Bildformates konzentrieren sich die Bilder auf Struktur, Farbe und Form. Es wird keine Dimension (Höhe oder Breite, evtl. Tiefe) angedeutet, welche ansonsten durch die Komposition gezielt vermieden wurde. Gerade bei stark abstrahierenden, geometrischen Bildern kann durch das quadratische Bildformat oftmals eine konsequente Kompositionen erreicht werden.

Extreme Formate, Panoramaformat

Panorama bedeutet frei übersetzt so was wie Gesamtsicht. Unser Blickwinkel beträgt etwa 45 Grad, dies wird im Zusammenhang mit Normalobjektiven immer wieder gerne behauptet, unser Sehfeld ist allerdings bedeutend grösser. Durch Augen und Kopfbewegung nehmen wir ein Feld mit einem Winkel um die 140 Grad war - fürwahr ein fürstlicher Weitwinkel. In der Höhe ist unser Sehfeld allerdings viel geringer - die wenigsten von uns bewegen den Kopf andauernd auf und ab, wozu auch - wir sind schliesslich weder Fisch noch Vogel sondern nur ordinäre Bodenbewohner. So entsteht also unser Sehfeld im Panoramaformat.

Beim Bildformat sprechen wir landläufig von einem Panorama, wenn die Breite die Höhe um das Mehrfache übertrifft, die Seitenlängen z.B. im Verhältnis 1:3 stehen.

Ein Panorama bietet sich als natürliche Bildfläche für all jene Motive an, welche wir auf ebendiese Art zu sehen gewohnt sind, in erster Linie wäre sicher Landschaft zu nennen.

Entsprechend hat das Format einen Überraschungseffekt bereit für alle Motive, welche wir normalerweise nicht derart betrachten.

Ein weiterer zusätzlicher Überraschungseffekt entsteht im allgemeinen bei der Wahl eines Panorama-Hochformats.

Size matters

Einen weiteren Aspekt möchte ich abschliessend noch zum Thema Bildfläche hinzufügen, deren Grösse.
Kleine Bilder werden vom Blick des Beobachters kontrolliert und beherrscht. Dagegen funktionieren sehr grosse Formate umgekehrt. Das Bild unterstellt den Beobachter seinem inneren Aufbau. Wenn der Betrachter das Bild nicht mehr überblickt wird er darin gefangen. Zugegeben, dafür sind Extremgrössen verlangt, welche im Hobbybereich (leider) selten anzutreffen sind. Im Zwischenbereich sind jedoch viele Abstufungen denkbar, es kann durchaus Sinn machen, ein Bild mal etwas grösser anzufertigen als man dies normalerweise tut. Schon manches Bildchen wurde zum Werk als es vergrössert wurde. Size matters.